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Cyrano de Bergerac
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Ein Plädoyer für die hohe Kunst der Liebe und den selbstlosen Verzicht
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ein Gastspiel des Kammertheaters Karlsruhe Regie: Christian Nickel mit: Richy Müller, Birthe Wolter, Matthias Herrmann, Hans Rüdiger Kucich, Matthias Lehmann, Hendrik Pape, Ronja Wiefel
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Der "echte" Cyrano de Bergerac war ein eigenwilliger, gefeierter wie verfemter Freigeist, Dichter und Philosoph, kritisch, unangepasst und später sogar von Molière kopiert - aber er galt auch gleichermaßen als blitzschneller draufgängerischer Kämpfer, nicht nur im Krieg, sondern auch im Frieden. Und das ist auch sein später Doppelgänger, dem Edmond Rostand eine riesige Nase und damit ein noch größeres Minderwertigkeitsgefühl verpasst und somit die Grundlage der Geschichte. Nämlich sobald jemand ihn auf seine überaus bemerkenswerte Extremität anspricht oder verhöhnt, wie es in rauhen Kreisen eher üblich war, kennt Cyrano keine Gnade. Dieses Schönheitsmanko ist sozusagen seine Achilllesferse, und um die herum lässt sich dieses romantisches Drama so herzlich und schmerzlich aufbauen. Denn dieser oft verfilmte und bühnenerfahrene "Cyrano" verliebt sch unsterblich in seine wunderschöne, naive Cousine und - da sein Äußeres ihm mehr Pein verursacht als seine Dichtkunst ihm an Zivilcourage gibt, liebt er die Unerreichbare lediglich in Versen, die ihre Seele in den Himmel fliegen lassen. Nur leider glaubt sie, dass diese hohen dichterischen Liebesbeweise von ihrem Geliebten, dem schönen, doch recht einfachen Christian von Neuvillette stammen, der ausgerechnet in dem Regiment Einzug gehalten hat, im dem auch Cyrano dient. Fortan muss der Ärmste die Liebesbriefe für den von Roxane Auserwählten verfassen - sein verzweifeltes Zähneknirschen ist weithin vernehmbar. Das ist natürlich - mit allerlei
Spaß und Witzelei - ein Bühnenvergnügen, und die Karlsruher Mannschaft -
unter der Regie von Christian Nickel, der zur Zeit am Berliner Ensemble
den Theseus in "Ödipus auf Kolonos" spielt -, hat mit dieser
Inszenierung denn auch in ihrer Heimat einen grandiosen Erfolg verbucht.
Auch in Berlin, wo man für ein harmloses Theatervergnügen von Zeit zu
Zeit dankbar ist, das sich überdies dramaturgisch erfolgsicher an der Comédia
dell'Arte orientiert. Die
Schauspieler schlüpfen historisch kostümiert in verschiedene Rollen, und
die jeweiligen Spielstätten sind mit wenigen, schnell umbaubaren
Requisiten angedeutet. Ob das zeitweilige Abspielen der Marseillaise
passend ist, sollte unter historischen Aspekt unbedingt überprüft
werden!! Die
umworbene Roxande blickt von Logenbalkon auf ihre Verehrer und den
Schauspieler auf der Bühne herab, den der aufgebrachte Cyrano
erbarmungslos von der Bühne scheucht. Wir lernen: nichts ist für diesen
Mann schlimmer als triviales Wortgemetzel. Selbst gewitzt und
wortgewandt, gleichzeitig fechtend und dichtend, ist ihm kein Feind zu
mächtig. Für Richy Müller eine Bombenrolle, die er gewinnend und
beherrschend betreibt, als ein kleiner, oft gebeugter, oft hilfloser
bemitleidenswerter Außenseiter, doch dann wieder über sich selbst
hinauswachsend, wenn er seine glühenden Gefühle in Verse gleiten lassen
oder mit dem Degen auch seine körperliche Wendigkeit beweisen kann kann.
Es ist die Geschichte einer traurigen, nie erfüllten Liebe - man kann sie wie hier, als eine reizende romantische Geschichte inszenieren, aber es ließe sich auch - wie oft geschehen - ein tiefer greifendes, Drama um mangelndes Selbstwertgefühl einerseits und dichterische Selbstverliebtheit daraus gestalten. Denn dieser Cyrano ist eigentlich ein Fall für den Psychoanalytiker und für alle, die meinen, dass allein Äußerlichkeiten über Ansehen und Beliebtheit entscheiden. Es ist ein eindringlicher Appell an die Kunst, an die Begabung, an die Möglichkeiten des Andersseins. Und - es ist auch Appell an unsere moderne Welt, in der Romantik gern und leichtfertig als sentimental abgetan wird, und in der die Liebe statt mit Phantasie beflügelt in ihre Grundbestandteile seziert wird. A.C.
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