Das Orchester

von
Jean Anouilh (1910-1983)

 

Zickenkampf in der Konzertmuschel

 

    Premiere 16.5.2007

Berliner Ensemble

   
Inszenierung: Jutta Ferbers
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer

Baß: Traute Hoess
Erste Geige: Krista Birkner
Zweite Geige: Franziska Junge
Bratsche: Judith Strößenreuter
 Cello: Charlotte Müller
Flöte: Angela Schmid
Piano: Thomas Nieha

Zum Ensemble gehören:  Sechs Damen und ein Herr, die ihr Talent an ein uninteressiertes Kurhauspublikum zu vergeuden glauben: die vom Leben vernachlässigte Patricia, erste Geige, die ihre Karrierepläne der Pflege ihrer armen Mutter opfert. Die liebestolle Pamela, zweite Geige, die nur zum Wohle ihrer kleinen Tochter spielt. Die naive  Bratschistin Ermeline, die der stillen Leona, Klarinette und Querflöte, siegesbewusst von den nichtigen Triumphen über ihren Mann erzählt. Und  schließlich die überspannte Cellistin Susanne, die sich sehnsüchtig einer Liaison mit dem Pianisten Léon hingegeben hat. Der jedoch will sich nicht von seiner kranken Frau trennen, ebenso wenig, wie er sich der Avancen der Orchesterchefin erwehren kann. Und diese, eine resolute und fulminante Bassistin, versteht es, die ausbrechenden Musikerinnen immer wieder zu zügeln.

 

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Für den Autor, den französischen Schriftsteller Jean Anouilh war dieses kleine Schmankerl wohl nur mehr eine Fingerübung, doch wie witzig und spritzig, wie frivol und boshaft er hier die Mitglieder eines kleinen Kurorchesters aufspießt, ist köstlich anzuhören; er meint es gar nicht gut mit den Damen, die zwischen ihren Einsätzen von flotten Tönen einander bis ins Mark hinein beleidigen und die sich und uns ihre enttäuschenden Liebesabenteuer ebenso genüsslich wie bösartig servieren. Der Mann am Klavier hat es schwer, zugleich Lust und Kampfobjekt von gleich zwei Damen des Ensembles, kümmert er wie der obligatorische Pianist bei Marthaler in der Volksbühne welt- und wesensfremd vor sich hin. Nur einmal steht er auf und schreit seinen jämmerlichen Frust ins Publikum. Da aber ist es schon zu spät, und die Tragödie hat ihren Lauf genommen. Die hysterischen Damen lassen in den Spielpausen keinen Zweifel daran, dass sie allesamt übertalentiert und längst nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt sind. Aber ihre häuslichen Probleme und mentalen Defizite überschatten leider ihre künstlerischen Ambitionen - und vielleicht haben sie ja alle einmal mit größeren Hoffnungen angefangen, und sind dann im Mittelmaß stehen- und steckengeblieben, wie so viele andere Mitmenschen auch. Anouilh schöpfte übrigens nicht aus der bloßen Phantasie: als zehnjähriger Junge erfuhr er wohl so manches aus dem Innenleben des Kurorchester in Arcachon, in dem seine Mutter spielte, aus erster Hand...

Der musikalische Reigen birgt ein reichhaltiges Repertoire und reicht von „Beschwingte Träumereien“ bis zum „Liebesrausch auf Cuba“ - von den Damen mit grotesker Imitation und viel „Weiblichkeit und viel Vibrato“ dargeboten – wie es Madame Hortense, die sehr resolute Bassistin und die Chefin der überspannten Gruppe, immer wieder betont. Sphärenklänge, Boogie, ein kleines musikalisches Feuerwerk zwischen „Rocky Horror Picture Show“ geben an- und abschließend „den Rest“. Leider führen Klatsch und Tratsch und böse Eifersüchteleien zu gar keinem guten Ende, und so muss Spontinis „Arie der Vestalin“  abgesagt werden, ein Schuss fällt, der Konzertmanager tobt wie ein herrlicher Zigeunerbaron und bringt die Damen zur Räson zwischen Hoffen und Warten, Illusion und Wirklichkeit,Traum und Tod.

Sehenswert, obwohl man sich ein bisschen mehr Esprit und Charme nach französischer Art vorstellen könnte. Des Deutschen Witz ist doch immer hammerhart!