Das Sparschwein

von
Eugène Labiche

 

 

Großstadtsause mit Hindernissen

 Warnung für Kartenclubs und Kegelfreunde 

 


Theater am Kurfürstendamm

Regie: Folke Brabant; Ausstattung : Gabriella Ausonio

mit:

Ezard Haußmann, Franziska Hayer, Julia Philippi, Michael Schönborn, Anton Rattinger, Stefan Puntigam, Wolfram Teufel, Kai Maertens

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Woran liegt es nur, dass der Funken dieser köstlichen Komödie um eine kleinstädtische Kartenspielrunde, die in die Weltstadt Paris aufbricht und alle Malaisen erlebt, die man sich vorstellen kann, nicht so recht zünden will? An dem Autor kann es nicht hapern, weil dessen Stück zwar im Frankreich von 1864 spielt, aber ein absolut zeitloser Boulevard-Kracher ist und auf anderen Bühnen die Zuschauer zum Gesundlachen animierte. Es liegt auch nicht an den Schauspielern, die sich allesamt ernsthaft mühen, der Komik des verwickelten Spiels auf den Grund zu kommen; es liegt auch nicht an dem allseits bewährten Regisseur, der eigentlich alle Nuancen der Gattung beherrscht und stets sichere Arrangements trifft.

Woran dann also? Zum einen mag es die deutsche Gründlichkeit sein, die alles überzeichnet und noch jede Karikatur mit einem so starken Strich versieht, dass der Spaß erdrückt wird. Und es liegt auch im Detail an der überspannten Garderobe der ländlichen Truppe, die eher grotesk als witzig rüberkommt und sich selbst so gar keinen Gefallen tut, in dem sie das Tempo der Handlung drosselt und jeden Moment spielerisch auskostet. Wir kennen diese Art Komödien von Feydeau (1861-1921), der mit Lachtränenerfolg vor allem auf Bühnen  gespielt wird, wo man keine ehrgeizigen Ambitionen kennt, sondern einfach fröhlich und flink drauflos prescht. Das Publikum darf eigentlich gar nicht erst zum Nachdenken kommen oder gar ins Grüblerische verfallen, denn dann ist die Pointe hin, und auch die nächste muss schon wie ein Wirbelwind über die Bühne fegen, damit man sich über den Klamauk freuen kann.

Und doch ist es eigentlich gar kein Klamauk; denn die Truppe, die sich eigentlich so recht gar nicht grün ist - der Steuereinnehmer, der Apotheker, der Feuerwehrhauptmann, der Landwirt, ein junger Notar und seine adrette Liebste, des Feuerwehrmannes Töchterlein, sowie dessen altjüngferliche Schwester  -hat durch fleißiges Kartenspiel ihr Sparschwein zum Platzen gebracht und will es nun auf den Kopf hauen: sozusagen eine Großstadtsause mit Freifahrtsschein für gutes Essen und Trinken, ein paar Geschenke und Sightseeing. Dass alles gründlich schief läuft, ist sehr betrüblich und gar nicht heiter, was es aber eigentlich sein sollte. Denn Labiche, fleißiger Stückeschreiber (175 an der Zahl!) beschreibt seine Zeitgenossen mit ziemlich spitzer Feder. Und es gab damals wie heute eine Menge aufzuspießen.

Es mag auch an der Übersetzung liegen, und da vielleicht am ehesten; denn die läßt doch zuweilen den Esprit der französischen Komödie vermissen, und dann werden noch einige Bonmots in die heutige Zeit herüberbemüht - das ist lähmend und langweilig. Dass sich nach der Pause doch die Heiterkeit etwas steigert, nun wiederum ist hauptsächlich dem grandiosen Kai Maertens zu verdanken, der ein wahres Meisterstück an dekadenter Schlitzohrigkeit bietet, sowohl als hinterfotziger Geschäftsführer eines Restaurants wie auch als dubioser Heiratsvermittler. Hier spielt jemand seine Rollen mit so viel Freude und Biss aus, dass man eine Ahnung davon bekommt, wie das ganze Spiel eigentlich ablaufen könnte. Auch die Maskenbildnerin sei   gelobt, die wahre Verwandlungswunder an Maertens Outfit vollbringt. So sollte komödiantisches Theaterspiel aussehen!!

Nicht, dass sich Ezard Haußmann als gewichtiger Feuerwehrhauptmann   mit Herz für die Tochter und böser Zunge für die ledige Schwester nicht wacker schlagen würde; auch Michael Schönborn als tumber Landwirt, Anton Rattinger als eitler Apotheker, Stefan Puntigam variationsfähig in verschiedenen Rollen sowie Wolfram Teufel als heiratswütiger Kommissar fügen sich wacker in die seltsame Runde, in der Franzsiska Hayer und Julia Philippi eine emanzipierte Damenwelt vertreten. A.C.