Das Wintermärchen

von

William Shakespeare 

Gastspiel

  Wenn Stürme die Seele peitschen...

Ein wundersames Märchen mit wundervollen Masken

   

Arena - Treptow

Bremer Shakespeare Company

Regie und Masken: Michael Vogel;  
Bühne: Heike Neugebauer, Michael Vogel;
Kostüme: Heike Neugebauer
Musik: Dirk Schröder

Darsteller: 

Susanne Plassmann
Erik Roßbander; Sebastian Kautz; Peter Lüchinger; Christoph Jacobi - in je drei Rollen

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 Es ist vielleicht sogar das schönste seiner Lustspiele - jedenfalls gehört es zu seinen Spätwerken, und da blitzt eben so mancher Schalk auf, spielt Lebenserfahrung eine große Rolle, steht Güte anstelle von Rache und eine feine Melancholie angesichts des endlichen Lebens umhüllt wie ein feiner Nebenschleier die stürmische Handlung. Sie ist, wie immer bei dem großen englischen Dramatiker, überaus vielschichtig und heftig. Da gibt es den Leontes, König von Sizilien, der plötzlich in den schrecklichen Wahn verfällt, seine Frau Hermione, die ihr zweites Kind erwartet, betrüge ihn mit seinem besten Freund und Gast, König Polyxines von Böhmen, der Hermione äußert galant  den Hof macht. Leontes, einmal  infiziert von dem bösen Stachel der Eifersucht, argwöhnt auch, dass der Erbprinz, sein Sohn Mamilius, vielleicht gar nicht sein eigener Sohn sei. Und so setzt Shakespeare ein Drama in Gang, das alle Elemente der klassischen Tragödie als auch des elisabethanischen Lustspiels enthält: Lange Zeiten der Irrfahrten und Verwirrungen, höfisches wie ländliches Gepränge, Tölpeleien und Gaukeleien, Treue und Intrigenspiel, Verzicht und Verzweiflung, Einsicht und späte Reue... Und eines Tages beginnt das Leben von vorn, als zwei Königskinder zueinander finden.

Die Shakespeare-Freunde und - Compagnien allerorten haben natürlich ihren Narren an diesen wundervollen, phantastischen Geschichten gefressen, sonst würden sie sich nicht Tag für Tag, Jahraus, Jahrein sich immer wieder seinen Werken widmen: Mal wortgetreu, mal in neuer Bearbeitung oder recht modern aufgefrischt.

 Hier gibt es nun das Spiel mit FLÖZ-Masken. Das birgt einige Überraschungen und Tücken. Denn was den FLÖZ-Stücken eigen ist und sie über alle anderen auszeichnet, ist ihr Spiel mit Typen. So sind zum Beispiel die Kellner im Stehgreifspiel "Ristorante immortale" in der Arena typgetreu getroffen, wenn sie - ohne je einen Gast zu sehen - in ihrem Restaurant hin- und herflitzen und es mit der Komik und die Tragik ihrer Situation und ihres ganzen Lebens im Laufschritt aufnehmen.

Und in der Produktion "Teatro delusio" geht es ebenfalls um Typen: jene vor und jene hinter der Bühne, um Künstler und Handwerker, um Träume und Realität, um Sehnsüchte und Enttäuschungen. Und es wird so gut wie nicht gesprochen. Allein der Ausdruck der Masken und die Körpersprache der Darsteller verleihen dem Spiel Inhalt und Lebendigkeit.

In Shakespeares Stücken allerdings geht es nicht um irgendeine Art von Typisierung. Es sind alles - Könige und Gaukler, Hofschranzen und Soldaten, Ehefrauen, Töchter und Söhne - individuelle Menschen in einer bestimmten historischen Zeit, die in einem  bestimmten Handlungskontext miteinander in Verbindung stehen. Es sind ausgeformte Charaktere, Persönlichkeiten, die im Laufe einer fortgeführten, konsequenten Entwicklung innerhalb verschiedener Schicksals- und Seitenstränge das Drama, das Geschehen vorantreiben.

Man könnte allerdings daran denken, die typischen Märchenspiele "Ein Sommernachtstraum" und "Das Wintermärchen" ebenfalls in die Kategorie des illusionistischen Theaters zu stecken und erhielte somit die Legitimation, Könige und Getreue, Feind und Freund, gleichsam allen anderen Figuren aus dem einfachen Volk Masken aufzusetzen, um ihrer sich wiederholenden, typischen Absonderlichkeit, ihre Skurrilität eine Überzeichnung zu geben. Damit wird derbe Lustigkeit noch lustiger, Edelmut noch edler und Eifersucht noch grausamer. Es ergäbe eine Steigerung, aber auch eine Doppelbödigkeit, die - zumal hier auch noch mit Musik versetzt - zuweilen überbordend wirkt, wie eine Karikatur der Karikatur.

Wenn Michael Vogel, der das lange Wintermärchen verdienstvoll auf eine zweieinhalb Stunden-Inszenierung verkürzt und in einen beinahe lässigen modernen Sprachrhythmus gebracht hat, nun allerdings in manchen Szenen die Sprache extrem reduziert  und  die Darsteller ihre Gefühle vorwiegend über Körper, Gestus und  Maske ausdrücken lässt, so erreicht er zwar eine Intensität, die über alle theatralischen Wortgebinde hinausführt und uns tiefe Einblicke in die Seele der Menschen gibt. Das sind wunderbare Momente. Da aber eben Sprache im Wechsel benutzt wird, zuweilen auch nur schwer zu verstehen ist (durch die riesigen, stark ausgeformten Gesichtsmasken), fühlt man sich zwischen diesen Elementen hin- und hergerissen.

Was gleichermaßen fasziniert und mitreißt, ist die Freude der fünf Darsteller, die jeweils mit drei verschiedenen Masken auch deren jeweiligen Rollenpart übernehmen. Und immer bleibt Sebastian Kautz als Königin Hermione würdevoll während als hinreißender Bauerntölpel Henning in der Machart der guten alten Commedia dell`arte gelenkig und verquer über die nicht minder dusselige Bauernbraut herüberfällt, stets lustig und gut aufgelegt ein Tänzchen wagt. Damit wird er dem Volkstheater, wie Shakespeare es sich ganz sicher dachte, vollends gerecht. Erik Roßbander hat als König Leontes vor allem Würde  und Eifersuchtsqualen zu zeigen, und das gelänge in diesem Fall vielleicht besser ohne die grobe nasenstarke Maske, die zwar viele Furchen aufweist, aber seine Seelenpein nicht vollends wiederzugeben vermag. Als Florizel trägt er die gleiche Maske wie sein Vater Polyxenes, beide als Abbilder Shakespeares gut geschnitzt! Roßbander muß aber auch der drallen Mopsa, des blöden Henning Braut, mit herben Gekreisch ein markiges volkstümliches Gepräge geben. Auch hier gelingt eine hinreißende Typisierung. Die fehlt bei Christoph Jacobi`s Polyxenes vollkommen; zum einen ist er bereits durch sein Kostüm als elisabethanischer Edelmann und Abbild des Autors stark festgelegt, zum anderen hat er als missverstandener, verfemter Freund auch keinen bedeutenden Part, was wiederum rollentypisch ist. Er muss nur Händchen halten, fliehen und späterhin seinen Sohn suchen. Dafür kann Jacobi aber zugleich als gewiefter Spitzbube und Taschendieb das Publikum hautnah überraschen sowie als hellebardenbewehrter Staatsdiener dessen Dümmlichkeit - mit passend geformter Visage - glänzend glaubhaft machen!

Peter Lüchinger hat als guter, alter und sorgenzerfurchter Berater Cammillo einiges an Edelmut aufbringen und später als Leontes Tochter Perdita ebensoviel Anmut und Grazie, um auch in der Körpersprache ganz das Ebenbild ihrer Mutter zu sein, Dass sich hier die Masken gleichen, (wie auch bei Vater und Sohn) ist dramaturgisch gut durchdacht und gibt nicht nur dem ja ohnehin weit ausufernden Spiel einen festen soliden Rahmen, sondern hebt das Spiel auch auf die nächste Ebene: Alles fließt, alles  wiederholt sich.

Nun wäre der ganze Spaß aber nur ein halber, wenn Michael Vogel die Fassung nicht die Figur des kleinen Prinzen zum köstlichen Anfang und rührenden Ende der story herausgeputzt hätte: Susanne Plassmann spielt und kräht diesen entzückenden Lausejungen Mamilius, ein verwöhntes, gewieftes kleines Schlitzohr, dass seinem Erzieher und seinen Eltern so manche lange Nase dreht - und mit uns, dem Publikum, zugleich herrlichen Schabernack treibt. Leider scheidet der kleine Kerl schon früh aus - aus Gram über die Schmach der Mutter und den überaus gestrengen Vater stirbt der kleine Kerl- und so dauert es eine ganze Weile bis wir ihm, nunmehr als Engel-Bengel mit weißem Flügelfederkleid wieder begegnen. Das ist köstlich und bewegend, wenn er gleichsam aus der Sicht der Unendlichkeit neben den Lebenden steht, ihr Tun und Lassen kommentiert - mit einfachen Kinderworten und weit ausholenden Gesten. Allein um dieses Knaben willen lohnt ein Besuch des Gastspiels oder mal ein Abstecher nach Bremen!! Susanne Plassmann spielt zudem die dralle Schäferin mit derbem Ruhrpott-Slang sowie die rührende Kinderfrau Paulina, die mit bemerkenswerter Zivilcourage dem blind wütenden König trotzt und das kleine Baby vor dem Tode rettet. A.C.