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Der Menschenfeind von Jean Baptiste Molière |
Lebenslügen der Spaßgesellschaft
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Deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Regie: Philippe
Besson; Bühne und Kostüme: Henrike Engel ;
Ensemble:
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Was könnte sich besser eignen für diese wundervolle, wahrhaftige, zeitlose Komödie über menschliche Schwächen und deren unerbittlichem Gegner in der Gestalt des Misanthropen Alceste, als die in glänzendes Blattgold barocker Prunksucht getauchte Intimität des Potsdamer Schlosstheaters, wo man in unmittelbarer Tuchfühlung hineingezogen wird in das köstliche Drama um unglückliche Lieben, Gepflogenheiten und Heucheleien einer ewigen Spießer- und Spaßgesellschaft, in ihre Intrigen und Eitelkeiten! Regisseur Philippe Besson hat eine modernere Übersetzung verwendet, die sich prächtig unserer heutigen Zeit anpasst und mit moderner Wortwahl eben jenen Sprachwitz aktualisiert, der den Franzosen Molière wohl zum größten und feinsten Menschenkenner aller Zeiten erhob. Da die Geschichte allseits bekannt sein dürfte, spielt sich doch die tragische Komik des bitterlich enttäuschten und alle Unehrlichkeit mit ungebremster Schärfe aufspießenden Menschenfeinds immer wieder auf vielen Bühnen in unser Bewusstsein. Alceste, der hier ganz gewiss in seiner Aufrichtigkeit und seiner Unerschrockenheit, den anderen den Spiegel vor die Augen zu halten, ein ernstzunehmender und feiner Beobachter seiner Mitmenschen ist, der all ihre Schwächen mit beißendem Hohn und blitzgescheiten Worten an den Pranger stellt, doch seine eigene Fehlbarkeit in allzu großer Liebesleidenschaft nicht zu sehen vermag, dieser Alceste ist mit Pierre Besson ein durchaus sympathischer, niemals lächerlich wirkender, in seiner Liebesblindheit unser Mitleid erregender Mann. Besson spielt diesen Don Quichotte der Wahrhaftigkeit mit einem derart glühenden Temperament, das nichts zu kühlen vermag, und sein unerbittlicher Moralkodex offenbart, wie sehr und - wie gern! - er leidet und sich zum Opfer macht: zum einen leidet er unter der Unehrlichkeit der Umwelt, zum zweiten unter der treulosen Leichtlebigkeit seiner Angebeteten. Selbst sein ergebener Freund Philinte, von Christian Klischat als wahrhafter und niemals verzagender Berater um Herz und Heil des Wüterichs bemüht, kann nichts gegen dessen Zorn und Verzagen ausrichten. Und es ist ein wahrhafter Hohn, das gerade die entzückende, raffinierte Weiblichkeit der angebeteten Célimène, die alle Männer am Band vorzuführen versteht, nun auch den armen Alceste mit ihrem Liebreiz grausam an der Nase herumführt. Aber Hand aufs Herz: wer würde ihr nicht verfallen? Und wie süffisant und schlangenhaft sprüht sie ihr vernichtendes Gift gegen die ältere und erfolglose Konkurrentin Arsinoé, die mit Rita Feldmeier über äquivalente Pfeile gegen die Bosheiten der umschwärmten jungen Schönen im Köcher führt. Wie sie sich anlächeln und treffsicher dabei ihre Spitzen ansetzen, wie sie gurrend und säuselnd die Weiblichkeit der Feindin zu vernichten trachten - das ist eine psychologische Meisterleistung des Dichters und eine glänzende Karikatur weiblicher Kampfeslust der beiden Darstellerinnen. Und weil man eben Alceste so gut verstehen und ihm leider in seiner Verbohrtheit nicht helfen kann, schielt man schon mit Antipathie auf den eitlen Oronte, den eingebildeten Acaste, den dummen Beau Clitandre; mitleidsvoll allerdings fühlt man mit der um ihre Liebe betrogene Éliante, die von Alceste mit eben der grausamen Unehrlichkeit, die er seinen Mitmenschen vorwirft, als Racheobjekt mitbraucht wird. Ein Kleinod der Dicht- und Schauspielkunst in einem angemessenen Ambiente. A.C.
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