Der eingebildete Kranke

nach
Jean Baptiste Moliere

 

 

Gesundheitsreform a la Molière

 

    

Hexenkessel Hoftheater

 bis zum 9. September

Monbijouplatz

Regie: Jan Zimmermann
Kostüme: Isa Mehmert
Musik: Mila Morené
Bühne: David Regehr
Gesamtleitung: Christian Schulz

 

  

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  Bunt, laut und lebendig präsentiert sich alljährlich in den Sommermonaten das quirlige kleine Hoftheater, dass sich dementsprechend "Hexenkessel" nennt, das jedoch mehr an die italienische Komödie erinnert als an mittelalterlichen Hexensabbat. Der Inszenierungsstil Jan Zimmermanns ist eigenwillig mit einem ausgesprochenen Hang zur Groteske, wobei er als besonders hübsches Mittel das Schattenspiel einbezieht und somit praktisch eine vordere und eine rückwärtige Bühne schafft. Die Gesichter der Akteure sind grell geschminkt, Augen und Münder stets weit staunend aufgerissen, die Darstellung der Figuren bleibt im Komischen; und der Ernst bleibt den anderen Theatern für die Wintersaison überlassen. So wechselt man vom jährlich aufgeschütteten Sandstrand an der Spree und den lässigen Liegestühlen in den Abendstunden hinauf in das stets voll besetzte Theater am Monbijouplatz inmitten der dortigen Ewig-Baustellen samt Schutt und Staub.

Das kurzweilige Vergnügen widmet sich in diesem Sommer Goldonis "Diener zweier Herren", Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" und Molières "Der eingebildete Kranke". Die Darsteller bleiben in den verschiedenen Stücken dieselben und wechseln sogar innerhalb einer Inszenierung zuweilen mehrfach die Rollen - woher also das riesige Mitarbeiterteam, das im sehr schönen und aufwändigen Programmheft abgebildet ist, stammt, bleibt ein Geheimnis. Aber bekanntlich braucht die Technik ja weitaus mehr Leute und Geld als die reine Schauspielerei.

Wer also Spaß an der Freude hat und die Stücke nicht all zu sehr in ihrer tiefgründigen Bedeutsamkeit analysieren möchte, sondern einfach einige vergnügliche, kurzweilige Stunden mit einer glänzenden Überzeichnung von Charakterstudien erleben, dem sei dieser Ausflug an die Spree empfohlen. Er wird sich nicht besonders wundern, hier dass beispielsweise der "eingebildete Kranke" Argan (Michael Schwager) gar kein so schlimmer Tyrann ist, sondern (trotz aller ärztlichen Attacken auf seinen Körper) doch letztlich ein netter, komischer Kauz, der sogar recht vital durch das Haus tobt und eigentlich mehr Choleriker als Hypochonder ist. Seine in tolle Farben gekleidete junge Frau Beliné, die es verständlicherweise satt hat, sich mit einem permanent Schein-Kranken abzugeben, und die nach dessen schnellem Testamentsabschluss trachtet, wird von Ina Gercke als Comedia-Figur sehr schön stilisiert. Sie tanzt und hüpft ein bißchen, geht dem Alten neckisch um den Bart und hat zum Schluss samt ihrem lächerlichen Liebhaber-Notar doch das Nachsehen. Während Argans Tochter Angélique (Kristin Giertler) als gar nicht einmal so fügsame Tochter sich dem Schicksal vieler junger Mädchen, verheiratet zu werden, resolut und erfolgreich widersetzt.

Schauspielerisch in jeweils zwei Rollen gesteckt ist Roger Jahnke als grotesker Quacksalber Béralde und zugleich als Künstler-Liebhaber Purgon, der mit französischem Akzent dem Theater um Geld und Gesundheit ein bisschen Molière-Flair verleiht. Am eindrucksvollsten aber chargiert Carsta Zimmermann als ebenso mitfühlende wie energische Haushälterin Toinette und als grässlich dämlicher Arzt-Neffe; es ist eine köstliche Darbietung, wie sie als echter Blödmann das mühsam eingebimste Gelehrtenlatein an die Damen bringen möchte und sich selbst dabei in den Abgrund stürzt. Doch ein Doktor bleibt nun mal ein Doktor. Dem eingebildeten Kranken Argan, der zum Schluss (nach seinem aufschlussreichen Scheintot-Trick) recht gut zwischen Erbschleicherei und echter Zuneigung unterscheiden kann, wäre ihm jedenfalls ein Schwiegersohn, der, wenn nicht schon Arzt, dann doch zumindest Apotheker wäre, letztlich doch am liebsten... A.C.