Ein idealer Gatte

von
Oscar Wilde

 

 

"Nichts altert so schnell wie das Glück"

 

 

Komödie in vier Akten; deutsch von Hans Wollschläger

Hans-Otto-Theater Potsdam

Regie: Tobias Rott; Bühne: Vinzens Gertler; Kostüme: Antje Sternberg; Dramaturgie: Hans Nadolny

mit: Roland Kuchenbuch; Uwe Eric Laufenberg; Moritz Führmann; Helmut G. Fritzsch; Philipp Weggler; Nicoline Schubert; Rita Feldmeier; Ulla Schlegelberger; Sabine Scholze; Caroline Lux; Anne Lebinsky

 

 
 Durch das sprudelnde, gesellschaftliche Chaos führt eine schnelle, der Lust einer atemberaubenden Anreihung geistvoller Bonmots vollkommen verfallene Regie und serviert mit Schauspielern, die sichtlich Vergnügen an diesem reizenden Spielchen haben, einen amüsanten kurzweiligen Abend.
So wie Oscar Wilde, der Dandy und Salonlöwe, als enfant terrible seiner Zeit selbst in höchstem Maße in seinen eigenen funkelnden und sprühenden Geist verliebt war, so unterhielt er die Lords und Ladies mit bissigen Frechheiten und Sottisen, indem er ihnen ihr   Spiegelbild vorhielt; wer ihn verstand, und über sich selber lachen konnte, wird ihn geliebt und verehrt haben; wer ihn nicht verstand der tat wenigsten so, und diejenigen, die sich zutiefst erkannt und entblößt fühlten, hassten ihn und brachten ihn ob seiner exzessiven Lebensweise und Homosexualität ins Gefängnis.

Solange aber Wilde sich öffentlich an die Spielregeln der adeligen Gesellschaft hielt, war ihm sein überbordender Spott erlaubt; man freute sich über seinen Witz und war entzückt über seine Aphorismen, mit dem er sich auf der Bühne über die Eigenarten und Spleens seiner Landleute elegant und feinnervig erhob. Seine zahlreichen Theaterstücke sind immer auch mit einer durchaus ernsthaften Absicht, einer mahnenden Kritik unterlegt, die auch für heutige Tage noch immer höchste Brisanz und Relevanz hat. Viele Stücke wurden glänzend verfilmt, immer wieder aber sind sie auf der Bühne präsent, als Boulevard-Ereignis der gehobenen Klasse, wenn man so will.

Jetzt also der Ideale Gatte, der natürlich kein Ausbund von Korrektheit und Solidität ist, sondern, wohl wie alle Männer, die in der Politik und im hohen Management Karriere machen, durchaus auch seine schwarzen Vergangenheitsflecken hat. Nur dumm, dass Sir Robert Chiltern die bislang so sehr für sich behalten hat. Denn damit bringt ihn seine fanatisch rechtgläubige und ihn kritiklos verherrlichende Gattin in eine existenzielle Zwickmühle, als auf ihrer Party plötzlich ihre alte Schulkameradin Mrs. Cheveley auf dem Parkett der tanzenden und köstlich tratschenden Londoner Elite auftaucht. Mit einem kompromittierenden Brief, den Sir Robert einst selbst schrieb, um sich mit einem Verrat sein Vermögen zu sichern, bringt diese obskure Dame ihn in arge Bedrängnis. Moritz Führmann als beinahe schon entlarvter Polit-Krimineller steht hilflos zwischen zwei Frauen, deren Ansprüchen er wohl nicht gerecht werden kann: Die eine erpresst ihn gnadenlos, die andere vertraut ihm, ebenso gnadenlos. Da sucht er Hilfe und Rat bei seinem Freund  und Lebenskünstler Lord Goring, der sehr wohl als Inkarnation von Wilde mit Uwe Eric Laufenberg den selbstherrlichen Habitus des Lebemannes mimt. Mit köstlicher Nonchalance und pfauenhafter Eitelkeit dreht er sich um die Achse seiner geistreichen Paradoxien und verwickelt alle Beteiligten noch enger in das Maschennetz von Intrige, Bluff und Missverständnissen. Dass der Apfel bekanntlich nicht weit vom Baum fällt, beweist sein Vater, der Earl of Caversham (Roland Kuchenbuch), der sich nicht minder in ironisch-bissigen Apercus auszudrucken beliebt. Allerdings ist er doch ein Verfechter des guten Scheins und verpflichtet den genervten und nicht mehr so ganz blühend jungen Sohn, sein Lotterleben zugunsten einer Heirat mit der feschen Schwester seines Freundes Chiltern aufzugeben, die mit Caroline Lux eine glänzende Parodie eines weiblichen Wilde-Zwillings sein könnte.

Dagegen steht Lady Chiltern als streng-herbe Tugendwächterin nicht ganz ohne beißende Absicht des Autors im Mittelpunkt dieser Manege der Eitelkeiten; denn Frauen wie sie, die mit ihrer verbissenen Moral, ihrem Ehrgeiz und ihrer Intoleranz nicht nur alle Fehler - der anderen! - an den Pranger stellen und nicht nur ihren Ehemännern das Leben schwer machen können, waren vielleicht auch treibend für das Schicksals Wildes. Nicoline Schubert macht sie schon zu einer eher bemitleidenswerten, mehr blind liebenden, doch intelligenten und einsichtigen Frau, der am Ende der Regisseur noch die Chance gibt, die Sarkasmen gegen eine "minderwertige" Weiblichkeit umzudrehen und auf die Männerwelt zu übertragen, die ja ohnehin auch nicht gerade gut davonkommt.

Und ihre Gegenspielerin, diese durchtriebene Mrs. Cheveley kann mit Anne Lebinsky durchaus als charmantes Biest durchgehen, das den Frauen Schmuck und Männern Briefe stiehlt, um Vermögen und einen Platz in der Gesellschaft zu ergattern. Da Wilde keine Regel ohne Gegenpart gelten läßt, liegt der Gedanke nicht fern, dass was Männern ziemt, Frauen noch lange nicht erlaubt ist - vor allem, wenn sie es denn gar so ungeschickt anstellen... 

Es macht Spaß, dieses kurzweilige Intrigenstück, das Verwicklungen, Verstrickungen und Missverständnisse genüsslich ausspielt, zu verfolgen; das die bezaubernden Kostüme von Antje Sternberg  das Funkeln und Glitzern der zahlreichen Aphorismen aufnehmen und den Charme der Zeit widerspiegeln, ist ein weiterer Pluspunkt dieser Inszenierung. Leider gibt es im wirklichen Leben keine solch geistreichen Männer wie Lord Goring und keine so schillernden Killerladies wie Mrs. Cheverly. Aber man könnte ja durchaus versuchen, sich unter anderen an eine der zahlreichen Ratschläge von Oscar Wilde zu halten, die er so verschwenderisch ausgießt, wie etwa "allein zu seinem Vergnügen zu leben, da nichts so schnell altert wie das Glück."  A.C.