Die Drei von der Tankstelle

von 
Werner Richard Heymann  

 

Sweet memories: 

Die Drei von der Tankstelle - als Musical neu belebt  

 

 

Schlosspark Theater

Buch: Sepp
Tatzel
Liedtexte: Robert Gilbert

Regie: Andreas Gergen
Musikalische Einstudierung, Neufassung und Leitung: Carsten Gerlitz

Bühnenbild: Stephan Prattes
Kostümbild: Regina Schill
Choreografie: Melissa King

Mit:
Dieter Landuris (Willy), Axel Herrig (Kurt), Monty Arnold (Hans), Katharine Mehrling/Roswitha Stadlmann (Lilian Coßmann), Andreas Mannkopff (Direktor Coßmann), Sylvia Wintergrün (Edith v. Turoff), Boris Freytag (Dr. Kalmus), Eric Minsk (Frl. Mondschein, u.a.).

 Band: 
Carsten Gerlitz: Dirigent, Keyboard; Marianne Heelgard: Geige; Tansie Mayer; Reeds/Blasinstrumente; Matthias Schmidt: Schlagzeug, Percussion

Kurz gesagt:
Es gibt nicht viel zu erzählen, aber viel zu sehen und zu hören, denn Carsten Gerlitz hat die unvergessenen Lieder von Werner Richard Heymann zwar in ihrem Originalsound gelassen, nur einige ein bißchen aufgepoppt und verjazzt, allerdings immer genüßlich am Rande der Persiflage, so dass kein Zweifel daran bleibt, in welchem Jahrtausendjahrzehnt wir uns derzeit befinden!

Zurück

 Vergangenes
"Dasgibt's nur einmal, das kommt nicht wieder..."
Erinnern Sie sich? Unvergessene, legendäre Schlager aus der Jugendzeit unserer Mütter und Großmütter. Sie gehörten zu den Generationen, die schicksalsgestählt gelernt hatten, das Schlechte zu vergessen und vom Abglanz schöner Erinnerungen zu zehren. Wozu zweifelsohne die flotten Operetten und Revuen ihrer Jugend zählen, deren Sound sich so eindringlich, so schmeichelhaft und liebevoll melodiös in ihr Herz eingeschmeichelt hatte. Später, als der Aufbau Deutschlands neue Anstrengungen und Orientierung verlangte, erinnerte sich auch die Film- und Schallplattenindustrie wieder jener erfolgreichen Jahre, und so sang und summte man versonnen die innigen alten Schlager "Du bist das süßeste Mädchen der Welt" mit Tränen der Rührung, tanzte zum "Liebeswalzer" im Wiegeschritt, während bei "Ein Freund, ein guter Freund" die Väter der gefallenen Kameraden gedachten... "Liebling, mein Herz läßt Dich grüßen" flog dann schon per Brief oder via Telefon der Angebeten zu, und zum ewigen evergreen "Das ist die Liebe der Matrosen" sang und schunkelte man kräftig mit. Und im Kintopp- als wär's erst gestern gewesen- , entzückte Heinz Rühmann mit seiner einmaligen, brüchigen Stimme und dem ständigen Schalk in den Augen seine Fans, brach Lilian Harvey kindlich-süß die Herzen ihrer Verehrer, und Willy Fritsch die aller Frauen - mit Oskar Karlweis als Dritten im Bunde dieses tollen Trios. 

Gegenwart
Erinnerungen. Längst vorbei, wer mag schon noch solch sanftmütig-sinnige Liedchen? Falsch, ganz falsch. Im Schlossparktheater hat nicht nur die Stage Holding als tüchtiges kommerzielles Unternehmen die Operettenlücke entdeckt, sondern auch ein recht junges Kreativteam, das überraschenderweise nichts lieber tut, als diese alten Schmankerl mit neuem Zauber zu versehen. Ein Wunder. Hier gelingt Andreas Gergen mit seinem temperamentvollem Ensemble die Wiederbelebung eines trivialen Märchens: Drei weltreisende Schlawiner, die alles Vermögen verjubelt haben, kehren total mittellos nach Hause zurück und verdienen sich mit Charme und Mätzchen ihr täglich Brot als Tankstellenwarte (eine grüne Wohnwagenattrappe, eine glitzernde Zapfsäule in roter Stele reichen als Requisiten). Da fährt ihnen ein hübsches junges Mädchen in die Benzinfalle und erobert im Fluge die Herzen aller Drei.  Wen aber nehmen, oder besser, wer bekommt diese holde (raffinierte) Evastochter; und hält die Männer-Freundschaft der Drei diesen Poker aus? In der Nebengeschichte möchte eine energische junge Dame den Herrn Papa ehelichen, doch noch sperrt sich das eifersüchtige Töchterchen gegen die attraktive Stiefmama in spe. Und ein nervöser Anwalt mit einer bizarren Sekretärin stolpert und holpert mit mehr Glück als Verstand durch die Widrigkeiten seiner Aufträge.

Dass Kostüme schon die halbe Miete sind, weiß man nicht erst seit gestern. Und so erlaubt die Stage Holding ihrer Kostümbildnerin wohl einen tiefen Griff ins Budget, damit sie zauberhafte Kleider für die Damen und superelegante Anzüge für die Herren Mmßschneidern lassen darf. Diese tanzen und tollen und grimmassieren, schlenkern und schlackern mit Armen, Beinen, Köpfen, rollen mit den Augen und der Zunge im guten alten Spielfilmstil, dessen Bilder auf einer Leinwand schemenhaft abschwirren als sweet memories... Man kennt das moderne Verwandlungskonzept von der Revue zur Operette zum Musical mittlerweile und ist doch immer wieder erstaunt, wie gut es funktioniert: Tempo, Tempo, Tempo heißt Gergens Devise, und das nimmt manchmal halsbrecherische Formen auf den steilen und hohen Treppenstufen an, die für die Bühne selbst nur einen schmalen Raum lassen. Aber man hilft sich auch bei dieser letzten Widrigkeit im alten Boleslav- Barlog-Theater recht gewitzt. Nur dürfte hier bald einmal eine bauliche Maßnahme angebracht sein!
Für die Darsteller gilt unisono: Zuvorderst ist ihr kabarettistisches und ihr tänzerisches Talent gefordert, denn da es sich nicht um tragische Verwicklungen handelt, sondern lediglich um leichte Liebesmissverständnisse, stellt sich ihnen vor allem Aufgabe, reibungslose und temporeiche Übergänge vom Text zum Lied zu finden. Ob man dabei die Anlehnung an die großen alten Filmvorbilder wie etwa an Heinz Rühmann unbedingt suchen sollte, ist zu bedenken, zumal jeder der Schauspieler eine eigene starke Persönlichkeit ins Spiel zu bringen versteht. So wie Dieter Landuris einen sehr emotionalen Willy darstellt und Axel Herrig den wienernden Charmeur vom Dienst, so bleibt Monty Arnold ganz dem Kabarettistischen verhaftet, aus dem er übrigens auch stammt. Ebenso Sylvia Wintergrün, die eine herrliche Variation einer koketten Komikerin abliefert.  Tanzen kann sie ohnehin. Eric Minsk ist eine echte Überraschung, ein männlicher Darsteller mit einer zauberhaften hellen Stimmlage, die er nuancenreich und werbend einzusetzen versteht, ohne zu vergessen, das es sich hier um ein komödiantisches Spielchen handelt. Überhaupt hat Gergen die Gags reich gesät und damit die Handlung kurzweilig aufgepeppt. Boris Freytag spielte in anderen Rollen einen Bösewicht; diesmal darf er einen etwas tollpatschigen Anwalt darstellen, aber er versteht es, die Rolle ins rechte Rampenlicht zu setzen. Köstlich auch, wie immer, der große alte Mann des Theaters: Andreas Mannkopff, ein stattlicher Autohändler, bei dem man sich gut aufgehoben fühlen würde...  

Als Star, wenn das überhaupt bei so einer so stark eingebundenen Teamleistung erlaubt ist, zwitschert sich Katharine Mehrling, Broadway erfahren und musicalgeschult, abwechselnd als süßes Mädel, dann wieder als hingebungsvolle Evita in die Herzen des Publikums. Und die Älteren unter den Zuschauern denken vielleicht beim Verlassen des Parketts an ein Stück, das zur Zeit im Maxim-Gorki-Theater die Vergangenheit untersucht: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?" A.C.