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Dreier von Jens Roselt
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Die Ironie im Theater: Wenn Wahrheit und Lüge identisch sind
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Regie: Tina Engel Bühnenbild und Kostüme: Paul Lerchbaumer Dramaturgie: Gundula Reinig
mit: Naomi Krauss (Frau) Ben Becker (Mann 1) Max Hopp (Mann 2)
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I. In Italien werden historische Bauten mit engmaschigen Drahtnetzen verhüllt, um sie gegen den alles zersetzenden Taubenkot zu schützen. In Deutschland wird Georg Kreislers Affront gegen taubenfeindliche Mitmenschen ( "Gehn' wir Tauben vergiften im Park") immer noch als Legitimation für das fröhlich-tödliche Füttern der sich massenhaft vermehrenden Vögel missverstanden. Für den Autor Jens Roselt schließlich gibt es augenscheinlich eine Parallele zwischen den (mittlerweile nur noch von Kindern und naiven Touristen gehätschelten) Vögeln und einer gewissen Sorte von Menschen, die sich ohne Verstand wahllos überall die Brotkrumen herauspicken und ihre Umwelt mit ihren Unrat beschmutzen. Die Schauspielerin Tina Engel, diesmal regieführend, lässt zu Beginn der Aufführung ein großwandiges Video mit umherhüpfenden und kopulierenden Tauben abflimmern. Da der Taubenkot im Stück eine entscheidende Rolle spielt, ist der ebenso plakative wie platte Auftakt im Nachherein zwar verständlich, dienst aber nicht der künstlerischen Vertiefung. II. Wildeshausen. Ein hübsches kleines, sauberes 18000-Einwohnerstädtchen in Norddeutschland, das 1270 die Stadtrechte erwarb und sich seither redlich um weitere Entwicklung bemüht. Es verfügt über eine ansprechende waldreiche Umgebung , moderne Verwaltungsbauten, ein Gymnasium, ein Schwimmbad, eine Kunstgalerie und einen außerhalb gelegenen Golfplatz sowie über Einrichtungen für Schwerstbehinderte. Ein ergiebiges Terrain für Heimatforscher, nichts Außergewöhnliches also. Hier ist Jens Roselt 1968 geboren und vermutlich auch zur Schule gegangen. Später hat er Theaterwissenschaften in Giesen und Mainz studiert, selbst einige Stücke geschrieben, sich als Journalist und Kritiker betätigt und 1998 zum Thema "Die Ironie im Theater" promoviert. Seit 1999 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in Berlin. Sein Hang zur Zerstückelung - - von Lebensgemeinschaften -mit Ironie versteht sich - sowie deren Pervertierung und eine ungewöhnlich schlichte Gesprächsführung in einem vorwiegend ordinären Umgangston, der selbst seine akademischen Figuren kennzeichnet, erklärt sich weder aus seiner ländlichen Heimat noch aus seiner universitären Ausbildung in Hessen und Rheinhessen. Es muss also ein Rest von Volksbühne sein, wo er vor einiger Zeit Dostojewskis "Erniedrigte und Beleidigte" in ein Vier-Stunden-Drama umwandelte - und das war wohl auch für den "Dreier" prägend. III. Denn erniedrigt und beleidigt werden sie nach und nach alle Drei: die Frau, ihr Liebhaber und ihr Ehemann, deren Verhältnis mit- und zueinander ihnen von vornherein klar ist. Nur, wie erlöst man sich von der Last der Wahrheit, ohne das Gesicht zu verlieren, mit Anstand und Würde und Stil? Das ist die Kunst, die im Duktus eines sich nach und nach entwirrenden Handlungsknäuels in psychologisch verzwickten Kombinationen und zeitweilig unter atemberaubender Spannung deutlich wird. Aber da Roselt eben kein Hitchcock ist, reißt ihm irgendwann der logische Faden in der feingesponnenen Entwicklung, und auch der Witz geht ihm aus. Eigentlich handelt es sich um ein Allerweltsthema, aber was Tina Engel und ihre drei Darsteller letztlich doch daraus machen, ist eine überaus prickelnde, tiefschwarze Farce! Eine Frau betrügt ihren Ehemann mit dessen bestem Freund. Der Liebhaber, Ben Becker, ist ein introvertierter Typ, Augenarzt, mächtig, massig, überaus cool. Und er erscheint von Grund auf ehrlich; selbst wenn er lügt, sagt er die Wahrheit. Das ist infam. Vor allem gegenüber der Frau, die, unter seinem Bett versteckt, den überraschenden Besuch ihres Mannes abwartet. Dessen Auftritt ist überaus eindrucksvoll, mit schwarzer Henkersmaske und Teufelsohren, dunklem Mantel und Abendanzug. Das ist kein Gag, das ist bereits bitterer Ernst. Ohne zu Zögern nimmt man Max Hopp den diabolischen Staatsanwalt ab, der seine Plädoyers mit vernichtender Schärfe und Kälte und mit messerscharfer Logik und bitterer Konsequenz durchzieht. Das Schlafzimmer verwandelt sich in einen Gerichtssaal. Becker und Hopp spielen Katze und Maus - jeder meint, was er sagt und doch könnte es auch etwas anderes bedeuten. Ein schweißtreibend-cooles Spiel zweier Männer, die einander seit der Schulzeit genauesten kennen und doch - bitte "keine Doppeldeutigkeiten, das verträgt das Recht nicht"! - auf schwankenden Planken fechten, und zwar so zweideutig, so doppelbödig, dass einem schwindelig wird. Das oft sehr geistreich, scharf und witzig, aber leider auch recht vordergründig und thematisch überaus eingeengt. Dass es um mehr als um Sex geht, sondern auch um Machtpositionen, um Betrug und Wahrheit, um Strafe und vielleicht auch um Liebe - das tritt nicht sehr deutlich zu Tage. IV. Ben Becker, Haudegen und Seelchen, in Theater und Film oft unterrangiger Verlierer in zwielichtiger Gesellschaft, spielt mit seinem Kontrahenten Max Hopp auch ein Spiel im Spiel - wer ist der bessere Schauspieler? Wer erzielt die größere Spannung? Frag das Publikum. Das ist hin- und hergerissen zwischen dem hoch pokernden Liebhaber, der die Frau zu opfern bereit ist, um den Kick zu erleben, wenn der Freund, der überlegende, selbstherrliche Verwahrer des Rechts, in sich zusammenfällt, endlich auch einmal der Verlierer ist. Aber dann - nach dem letzten, entscheidenden Treffer des Gegners - fließen sein Stolz und seine Überlegenheit den Bach hinunter, ganz klein wird sein schwerer Körper, ganz offen sein verletztes Inneres, zuckend geben seine Gesichtsmuskeln preis, was er nicht über die Lippen bringt. Er hat sich selbst zerstört. Doch vorher noch zerstört er die Frau und den Freund, die er als Gewinner des Spiels wähnt. Und der Staatsanwalt Max Hopp - der überlegen donnernde und taktierende Ankläger allen Unrechts, der Aufklärer und Wahrer der wahren Werte - er wird das Opfer seiner eigenen List. Doch er bleibt sich selbst in der Konsequenz treu. Er verliert mit Würde. Ich würde sagen: gleiche Punktzahl für beide Schauspieler! Und die Frau? Wo bleibt Naomi Krauss in diesem infamen Spiel, deren Opfer sie wird? Nicht ein einziges Mal setzt sie sich zur Wehr, verteidigt ihre Würde als Frau und Individuum; Sie lässt sich mit Sanftmut erniedrigen, beleidigen. Anstatt beide Männer zum Teufel zu jagen, kehrt sie zurück in die Löwenkäfig, unfähig zu erfassen, was hier vor sich geht. Als sie endlich eine Entscheidung trifft, ist es zu spät. An der Frau wird deutlich, dass es gar nicht um sie geht. Eine neue Variante einer Dreierbeziehung, in der die tieferen Themen unter der Oberfläche bleiben. A.C.
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