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Harold & Maude vonColin Higgins Udo Birckholz
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Die Kunst des Lebens
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Regie: Bernd Mottl Bühne: Jürgen Kirner Kostüme: Nicole von Graevenitz Musik: Jeff Tariton mit: Maude - Regine Lutz Harold - Andreas Bisowski Mrs. Chasen - Doris Prilop sowie Magoscha Siwinska und Christof Düro in mehreren Rollen
Nur wer wirklich gelebt hat, kann auch in Würde sterben - oder erst die Liebe und das Leiden um andere Menschen gibt unserem Leben einen Sinn... Kurzfassung Nur wer wirklich gelebt hat, kann auch in Würde sterben – oder: erst die Liebe und das Leiden um andere Menschen gibt unserem Leben einen Sinn... Man kann viele Erkenntnisse, Wahrheiten, Erfahrungen aus dieser tief anrührenden Geschichte ziehen, die seit 1971 zunächst als Film (von Hal Ashby mit der Musik von Cat Stevens) und dann in vielen verschiedenen Theaterversionen ein Generationen umfassendes Publikum eroberte. Wie stets voller Mut und voller Zuversicht in die Fähigkeiten ihrer Regisseure und Schauspieler, hat die Tribüne wieder einmal einem erfolgreichen Filmstoff adaptiert und das mit so charmanten Darstellern und überraschenden Effekten, das man diese Inszenierung nicht versäumen sollte.
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Wer den Kultfilm kennt, wird vom Szenenauftakt nicht weiter geschockt sein; denn da liegt der arme Harold blutüberströmt durch die Scheibenfront geschleudert, leblos auf der Kühlerhaube eines Wagens, der eher die Bezeichnung Schrottmobil verdient. Und was passiert weiter? Seltsames. Denn im Hintergrund des Schreckens erteilt eine superchic gestylte Dame, sichtlich völlig unberührt, dem neuen Hausmädchen mit gezirkelten Gesten Anweisungen zur Zubereitung eines Cocktails. Nanu, denkt man verblüfft und leicht schockiert, was ist hier eigentlich los, spielt das Ganze vielleicht auf zwei Ebenen? Genau das tut es tatsächlich. Bernd Mottl und seinem Bühnenbildner ist nämlich ein glänzender Schachzug gelungen: Stets kann er das zertrümmerte schwarze Automobil als Ort der von Harold phantasievoll ausgetüftelte Horrorszenarien oder als letzte Bastion für flippige Außenseiter verwenden. Zuleich steht das Szenario im wohlstandsüppigen Elternhaus von Harold sinnbildlich für die seelische Verelendung des Jungen und die Zerrüttung seiner Persönlichkeit. Harold ist eigentlich ein Genie. Und er ist dem Spiel mit dem Tod verfallen. Er konstruiert chemische Explosionen, deren gedachtes Opfer er selbst ist und mit denen er seine Umwelt (vorwiegend seine coole Mutter) zu schocken gedenkt. Seine Passionen: Er fährt schwarze schwere Autos und geht zu jeder Beerdigung. Dort trifft er eines Tages auf Maude, eine flippige alte Frau, die pausenlos auf ihn einredet, freundlich, fremd, irgendwie seltsam. Harold flüchtet. Und dann trifft er sie wieder. Zufall? Und das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, einer großartigen Liebes- und Lebenserfahrung und der wahren Begegnung mit dem Tod, aus der Harold, lebendig und erwachsenen geworden, wiedergeboren wird. Andreas Bikowski's Harold ist ein schüchterner, in einen viel zu engen braunen Cordanzug gezwängter Junge, dem man seine 20 Jahre wirklich nicht ansieht. Seine großen blauen Augen blicken mit schierem Erstaunen in diese Welt, die nicht einmal seine vielen, vielen Todesarten wahrzunehmen bereit ist, die sich überhaupt nicht für seine Schreckensszenarien interessiert, der er einfach egal ist. So geht er zu den Toten, auf die Friedhöfe, immer wieder zu seiner eigenen Beerdigung. Und als Harold auf Maude trifft und plötzlich lernt, wie eigenartig, wie neu, wie anders Leben sein kann, entfaltet er sich zunächst behutsam, vorsichtig tapsend und tastend wie ein kleines Kind, das seine Umwelt erfährt. Um dann wie ein junger Bär in Freiheit übermütig, drollig- tollpatschige Luftsprünge zu vollführen. Und als es gilt, Abschied zu nehmen, wird dieser Junge von einer neuen Art Schmerz durchschüttelt; aber das ist ein Schmerz, der ihn zum Leben führen wird. Andreas Bisowski beeindruckt zutiefst. Als Maude hätte Regine Lutz (eine erfahrene Brecht-Spielerin), diese kleine, zarte, höchst quicklebendige und bewegliche Person, einem Filmvorbild nacheifern können, das nicht zu erreichen ist. Sie versucht es auch erst gar nicht. Sie ist eine andere Maude; zwar ebenso unangepasst und eigenwillig, aber eher ein Hippiemädchen der alten Tage, die sich selbst noch einmal auf ihre Gefühle einlässt und damit die Beziehung des ungleichen Paars auch von sich aus auf eine erotische Basis stellt. Ihre jugendliche Stimme und ihr strahlendes Temperament geben ihr tatsächlich den Anschein einer alterslosen Frau, deren Leben mit Harolds Wiederbelebung nicht nur eine altruistische Aufgabe erhalten hat, sondern sich auch selbst noch ein letztes Mal mit großer Zärtlichkeit erfüllt. Diesemsehr ernstzunehmenden Außenseiterpaar stehen die anderen Personen des Stückes als extrem gezeichnete Karikaturen gegenüber. Die Mutter Harolds, Mrs. Chasen, ist mit Doris Prilop geradezu ideal besetzt, ihre gestelzten Attitüden, ihr gesellschaftlich überzogener Habitus und ihre blitzschnellen sprachlichen und mimischen Reaktionen sind eine Augenweide. Von den traumhaften Kleidern sprachen wir schon. Auch Magoscha Siwinska hat mit ihren Mehrfachrollen prachtvolle Möglichkeiten, die verschiedenen für Harold angeheuerten Bräute in köstlichen Variationen auszuspielen, und Christof Düro möchte man nicht nur als beleibten Pfarrer und stoischen Gerichtsvollzieher mit einem Beinahe-Gemüt erleben, sondern gerne einmal in einer größeren Rolle. Dass Regisseur Mottl u.a. auch "Das Wunder von Neukölln" und "Elternabend" in der Neuköllner Oper, ferner die englische Sozialkomödie "Cash" im Gorki-Theater sowie eben dort die "Sieben Türen" von Botho Strauß inszenierte, stimmt froh und für die Zukunft der Theater zuversichtlich. A.C.
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