I am my own wife

 Erinnerungen an Charlotte von Mahlsdorf

von
Doug Wright

Ein unverzichtbares Remake

 

 

Renaissance Theater

"Ich mach ja doch was ich will - oder: ich bin meine eigene Frau"

deutschsprachige Erstaufführung; deutsch von Frank Heibert

Dominique Horwitz spielt Charlotte von Mahlsdorf

Regie: Torsten Fischer; Bühne: Vasislis Triantafillopoulos
 

 

 

 

 
 

Es ist rührend, faszinierend, aber auch erschreckend und erschütternd - wie Dominique Horwitz einen Menschen lebendig bleiben läßt und in die Gegenwart zurückholt, die noch zu jung ist, um Vergangenheit zu sein; gleichsam mit dem erbärmlichen und doch stets mit einer gewissen Würde, Gleichmut und Chuzpe gemeisterten Leben durch Krieg und Nazizeit, durch Gefängnis, Psychiatrie und familiäre Hölle, durch die Repressalien zweier deutscher Gewaltregime ging dieses Menschenkind, als Lothar Berfelde 1928 in Berlin-Mahlsdorf geboren, sehr bald aber in der Entscheidung gewiss, sich als Mädchen zu fühlen und ein langes Leben lang konsequent zu verhalten.

Das Ungewöhnliche an einem sicher nicht singulären Schicksal ist, wie stets, die Persönlichkeit der von allen Berlinern nach der Wende verehrten und fast glorifizierten Charlotte, die ihre Freunde und Gäste freundlich und stolz durch ihr kleines Gründerzeitmuseum führte, das mit Altertümlichkeiten, Kitsch und Kunst voll gestopft war und mit seinen oft unter dubiosen und gefährlichen Umständen zusammengetragenen Sehenswürdigkeiten die Sammelleidenschaft seiner Besitzerin in schwierigen Zeiten dokumentierte.

Der Amerikaner Doug Wright, der das Vertrauen der Charlotte gewann und 1993 ihre Erinnerungen aufzeichnen durfte, zeigt seine Faszination für diese ungewöhnliche Frau mit der tiefen männlichen Stimme, den wohlgesetzten Worten und dem weiten Herzen, aber auch sein Erschrecken, seinen Widerwillen gegenüber dem vermeintlichen Opportunismus der Menschen schlechthin in diesem Stück. Er ringt mit seinen Gefühlen, und Horwitz kann all diese Gedanken, seine Zuneigung und Bewunderung, sein Amüsement, und den Schrecken über Charlottes sachlich dargelegter IM-Tätigkeit (und anderer schrecklicher Dinge in ihrem Leben!) in aller Zwiespältigkeit  darstellen, wie er auch die Wut der enttäuschten Öffentlichkeit wie Schläge auf die alte hilflose Frau niederprasseln läßt. Er braucht dazu nicht mehr als Perücke, Kopftuch, Rock, Perlenkette und Kittelschürze. In den schweren schwarzen Männerschuhen eilt er wie einst Charlotte behende dahin, zeigt dem neuen Freund Haus und Herz und öffnet die Türen in die Vergangenheit ungeniert, mit einer naiv-kindlichen Aufrichtigkeit und Gradheit, die Kleinheit und Größe stets miteinander vereint.

Natürlich ist dies auch ein Stück über das schwere Leben eines Transvestiten, der sich als gefährdeter Außenseiter sowohl unter den Bluthundblicken der Nazis als auch unter den Erpressungen der Stasi durchzuwinden wusste, oft mit mehr Glück als Manipulation. Sein/ihr Schicksal sollte es sein, den besten Freund dem Staatssicherheitsdienst zu opfern, weil dieser es so wollte, um ihrer gemeinsamer Schätze willen: des Museums, der Möbel und der Liebe zu den Männern... So die Prioritäten im Leben des Lothar Berfelde alias Charlotte von Mahlsdorf, das am 30. April 2002 zuende ging.

Und noch ein letzter Blick auf die Bühne: Wie diese große, männliche Frau hin- und hereilt, ohne Ressentiments, eher resümierend an die alten Zeiten denkt, die doch ihr schweres Leben und Überleben bebildern, als ihr Haus ein unangetasteter Schwulentreffpunkt, ja, unangefochten ein Bordell war, wie sie ihren große Sammlung alter Grammophone und Möbel zärtlich wieder zum Klingen bringt, wie sie den beißenden Fragen nach ihrer Vergangenheit mit einer kindlichen Aufrichtigkeit begegnet, wie sie unser aller Herz einschnürt und uns weiterhin über Schicksal, Schuld und Verstrickung nachdenken läßt, das spielt Dominique Horwitz elegant und sensibel. A.C.