Ich bin nicht Rappaport

von 

Herb Gardner

 

Zwei alte Männer trotzen der Welt

    Eine Anleitung zur Menschlichkeit  

    Deutsch von Bernd Samland

 Renaissance Theater 

mit
Peter Striebeck, Ralf Schermuly,

Thomas Bestvater, Anna Rosa Cacciapuoti, Simon Eckert, Ulrike Jackwerth und László I. Kish

 Regie Wolf-Dietrich Sprenger

Ausstattung Achim Römer

 Eine Koproduktion mit Euro-Studio

und dem Ernst Deutsch Theater Hamburg

Premiere am 9. Juni 2005

 2./ 6. bis 9. Juli 2005, 20 Uhr

3. Juli 2005, 18 Uhr

Herb Gardner (1934-2004, Drehbuchautor, Regisseur, Maler, Bildhauer, Dramatiker) hat mit diesem Erfolgsdrama vor 20 Jahren einen Meilenstein in der Geschichte des amerikanischen Dramas gesetzt, wie  sonst vielleicht nur Arthur Miller. Er zeichnet alle Mißstände des Lebens, der Gesellschaft, alle Irrungen und Verwirrungen des Menschen ebenso realistisch wie liebevoll, nicht mit harten Schwarz-Weiß-Konturen, sondern in allen Farben des Regenbogens. Für große Schauspieler und für eindrucksvolle Theaterabende.

 

 

 

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"Rappaport" - das ist ein Kinderspiel, ein Werben um Aufmerksamkeit, um Wiedergutmachung, wenn das Kind traurig ist oder der Freund nicht mehr mitspielen will - eigentlich hat es gar nichts mit dem berühmten jüdischen Dichter und Ethnographen im zaristischen Russland zu tun, der die sozialistische Hymne für die Arbeiterpartei dichtete und eine mystisch-chassidische Erzählung "Der Dibbuk" (1919) schrieb.

Wer aber ist der alte Mann, der sich im Central Park fast täglich auf derselben Bank mit Midge, dem alten Hausmeister, einfindet und ihm Geschichten erzählt, die dieser augenscheinlich gar nicht hören will? Ist er ein Anwalt, ein Gewerkschafter, ein Gelehrter, ein Mafioso oder gar ein Mogul? Für jeden möglichen Lebenslauf hält dieser Nat Moyer eine glaubhafte Version bereit - ein Erzähler, wie ihn der Orient zu schätzen wüßte. Dieser Mann ist ein Phantast, ein alter Kommunist, ein herzensguter und unbelehrbarer Lebenskünstler... Seine 81 Jahre mögen ihm seine körperliche Kraft genommen haben, seine Zivilcourage, seine Phantasie und seine Liebenswürdigkeit aber sind ungebrochen. Für jeden älteren Schauspieler natürlich eine wunderbare Rolle, und Peter Striebeck, seit seiner Willi Brandt-Darstellung natürlich nun auch als alter Sozi überaus glaubhaft, gibt diesen Nat mit einer Lebendigkeit und Überzeugungskraft, das man hingerissen ist und gerne diesem ebenso tiefgründigen wie humorvollen Wortwechsel, diesen fein geschliffenen Dialogen und Geschichten aus dem wirklichen Leben folgt.

Und man weiß, dass Nat eigentlich diesen abweisenden, brummig-grummeligen Midge Carter gar nicht erst zu  überzeugen braucht, der sich als Zuhörer wider Willen tarnt, aber letztlich doch immer wieder dem Charme und der Fabulierfreude seines ungebetenen Parkbankgenossen erliegt. Und  obwohl er sich demonstrativ hinter seiner Zeitung versteckt, lauscht er begierig dem, was der Dauerredner und Philosoph, der Querulant und Gerechtigkeitsfanatiker so alles auf die Beine  gestellt hat in seinem Leben, das dieser täglich neu erfindet... Midge ist ebenso alt, ebenso arm und ebenso menschenfreundlich wie Nat, halblind dazu, seit 40 Jahren Hausmeister in einem Appartementhaus. Er ist jedoch ängstlich und dafür pragmatisch, nimmt hin, was unabänderlich ist: Freud und Leid und die Ungereimtheiten dieser Welt. Er läßt sich von einem Halbwüchsigen erpressen, nimmt seine Kündigung zwar nicht ohne aufzubegehren,  aber gefasst zur Kenntnis.

Zunächst wehrt er sich kräftig gegen jede Einmischung seines "Freundes " Nat, der immer noch glaubt, den Lauf der Dinge mit einem Bluff verändern zu können. So "linkt" er den joggenden Vertreter der Mietergemeinschaft, zwei gefährliche Banditen und seine liebevolle Tochter - aber alles nur vorübergehend. Bis auch er eines Tages einsehen muß, dass er dieser Welt nicht mehr gewachsenen sind. Eigentlich müßten sie sich nun fügen, Midge in das unabänderliche Los des armen alten Mohrs, der seine Schuldigkeit getan hat und nun abgeschoben wird, Nat in die energische Fürsorge seiner Tochter, die ihren Vater - offensichtlich - für nicht mehr ganz zurechnungsfähig hält... Aber da fällt dem alten Schlitzohr doch noch etwas ein...

Ralf Schermuly ist Midge, den die Maske in einen täuschend echten Schwarzen verwandelt hat. Er reagiert eher, als dass er aufbegehrt und sich wehrt. Mißtrauisch und reserviert begegnet er zunächst den Fabulierattacken Nats, der sich nicht abweisen läßt. Schermuly setzt in diesem Spiel die Nuancen; sein Midge gewinnt mit jeder neuen Blessur an Selbstvertrauen und Persönlichkeit in dem Maße, in dem er mehr undmehr Erstaunen und Verwunderung ob dieses verrückten Phantasten empfindet. Zieht er sich zunächst noch abweisend zurück, so wird er nach und nach von der Lebendigkeit eingefangen, mit der Nat sich ihren konkreten Widersachern und den allgemeinen Beschwerden des Alters würdevoll und wortgewandt entgegenstellt.

Das ist ein bezauberndes Stück, ein einmaliges Schauspiel-Erlebnis - zudem eine Anleitung, mit dem eigenen Alter umzugehen und andere alte Menschen zu verstehen - ein evergreen von bleibender Aktualität.

Zur Erinnerung: Will Quadflieg und Wolfgang Kieling brillierten einst in diesen großartigen Charakterstudien. Im Film waren es Walter Matthau und Ossi Davis. A.C.