Geschichten von
Mama & Papa

von
Alfonso Paso

 


Vertauschte Rollen - wenn die eigenen Kinder zu Tugendwärtern werden

 

 

Deutsche Bearbeitung von Wolfgang Spier

Theater am Kurfürstendamm

Regie: Wolfgang Spier
Bühne: Fred Berndt
Kostüme: Regina Schill

mit: Anita Kupsch: Dolores Velaso; Achim Wolff: Fernando Cano; Wolfgang Spier: Dr. Juan G. Rodriguez; Anke Rähm: Manuela Velasco; Torben Krämer: Ricardo Cano

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

In dieser reizenden kleinen Komödie, die ein spanischer Autor mit viel Humor verfasst und die Wolfgang Spier charmant in Szene gesetzt hat   (und sich selbst als verständnisvollen Seelendoktor gleich dazu!) gibt es vertauschte Rollen. Kinder nehmen den erzieherischen Part der Eltern ein, und die Eltern überlisten die allzu strengen und moralischen Ambitionen der jungen Leute. Und das ist wohl gar nicht einmal so weit hergeholt und auch nicht allein auf das spanische Publikum begrenzt, bestätigte doch die Reaktion des heiter gestimmten Publikums nur allzu oft den realen Kern dieser Love-Story der reiferen Generation. Wenn die zuweilen etwas überdrehte Darstellung und überspitzte Pointierung der schlagfertigen Dialoge zur Klamotte auszuarten drohte, dann zogen die amüsante Anita Kupsch und der liebenswerte Achim Wolff die Fäden rasch wieder an und garantierten einen schnellen, lockeren Spielfluss.

Die Handlung ist schnell erzählt und wohl allerorts übertragbar: Im Wartezimmer des Dr. Juan Rodriguez treffen Dolores Velasco und Fernando Cano, beide verwitwet und sichtbar von vielen Leiden geplagt, zufällig zusammen. Obwohl sie von ihren erwachsenen Kindern hingebungsvoll betreut werden, fühlen sie sich überflüssig und einsam, und während sie so warten, wie das in vielen Wartezimmern dieser Welt noch immer üblich ist ( mit "viel zu alten Zeitungen und viel zu unbequemen Stühlen!), kommen sie einander näher. Denn was verbindet mehr als die echten und vermeintlichen Krankheiten des Alters. Auch Manuela, Tochter von Dolores und Ricado, Sohn des Fernando, finden eine gleiche Interessenslage: Beide sind Lehrer und beide möchten eine private Schule gründen. Und während die jungen Leute zu ersten administrativen Taten aufbrechen, finden die beiden Alten nicht nur Gemeinsamkeiten in Leid und Schmerz, sondern auch sichtbar Gefallen aneinander. Allerdings wissen sie nur allzu gut, wie sehr ihre Kinder, die nicht nur aufs große Erbe hoffen, damit sie ihre Schule unterhalten können, sondern auch moralisch schwer besorgt sind um den guten Ruf ihrer Familien - hier kommt das strenge spanische Element durch -, eine Liaison ihrer Eltern verurteilen würden. Mehr noch: Für die jungen Leute wäre es, unmöglich und unerträglich, wenn ältere Leute ein Techtelmechtel miteinander beginnen würden.

Dass Dolores und Fernando aber für einander weitaus mehr sind als nur ein lockerer Flirt, sondern sich ihre Gebrechen jäh verflüchtigen als ihre Herzen sich näherkommen - für einen Jungbrunnen dieser Art haben die jungen Moralwächter kein Verständnis, wie sie auch für ihre eigenen Gefühle kein Ohr haben...

Und da sehe ein jeder nun selbst hin: wie sich die scheinbar so gebrechliche, ständig  jammernde Dolores jäh in eine echte Evastochter verwandelt, deren Temperament und Skurrilität sich nun ein Ventil bahnen, nachdem sie ein Eheleben lang von einem strengen langweiligen Mann unterdrückt worden sind, und wie sich der  schwerhörige Fernando Cano von einem bemitleidenswerten Wrack in einen feurigen, phantasievollen Don Juan verwandelt - das ist brillant gespielt und inszeniert.

Dass bei so viel Spielleidenschaft von Anita Kupsch und Achim Wolff ihre Bühnenkinder  -  Anke Rähm als ein Mädchen, das um seine Zukunft und die Unabhängigkeit von der Mutter kämpft, und Torben Krämer als steif-strenger Krankenpfleger und Tugendwächter Ricardo-  in die zweite Reihe rücken, zumal sie ja auch die unangenehme Wächterfunktion über ihre ausgeflippten Elternteile haben, liegt auf der Hand.  Und die Moral von der Geschicht' ? Verwehre den Alten die Liebe nicht, aber erinnere die auf ihre Karriere fixierte Jugend beizeiten daran, dass sie ihr Herz nicht vergesse!  Wolfgang Spier kommentiert das Geschehen als ärztlicher Ratgeber und würzt es mit hübschen Bonmots, wie etwa: "Man muss eine Frau nicht verstehen, sondern man muss sie lieben" oder "Ein alter Mensch kann so einsam sein wie ein Pilz auf einem Golfplatz." Bei so viel Beifall im Hause ist man dann doch berührt. A.C.