Meisterklasse

von Terrence McNally

Deutsch von Inge Greiffenhagen und

Bettina von Leoprechting

 

Die Kehrseite der Genialität

   

 Renaissance Theater

mit Daniela Ziegler

Matthias Stötzel, Kathrin Unger, Johanna Krumin, Kolja Hosemann, Falko Glomm

Regie: Boris von Poser

Ausstattung Cornelia Brunn

Musikalische Leitung Matthias Stötzel

Dramaturgie: Gundula Iblher

Regieassistenz: Cesca Carniéer

Regiehospitanz: Amelie Blümel

Kurzbeschreibung:

Das Leben der Maria Callas, widergespiegelt in der amüsanten, egozentrischen Darstellung ihrer künstlerischen und - teils auch persönlichen  Erfahrungen - vor dem Publikum und den Schülern ihrer Meisterklasse - da ist Daniela Ziegler ein ganz großes Meisterstück gelungen!

 

 

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Die Ähnlichkeit ist verblüffend – Maria Callas leibhaftig, mit den ausladenden Gesten der Primadonna und mit der ausdrucksstarken und leidensfähigen Mimik der großen Künstlerin, die alle Rollen bewältigte, die das Ein- und Auftauchen in emotionale Höhen und Tiefen befehlen. Es ist eine Meisterleistung, die Daniela Ziegler als  “La Divina“ Maria Callas in dieser Inszeneirung vollbringt. Als Prinzipalin ihrer „Meisterklasse“ ist sie die herrisch-arrogante, in einem unvorstellbaren Maße egozentrische Spitzensängerin, die ihre Schüler in einer unerträglichen Art und doch treffsicher charakterisiert, ihre Schwächen aufspießt, deren größte es ist: der Kunst nicht ganz und wahrhaftigzu dienen. Ihr eigenes Credo ist Arbeiten, um der Grundaussage der Oper nahe zu kommen, sich in die Rolle absolut hineinzubegeben, die Noten zu fühlen und zu erleben, die Seele voll und ganz einzubringen. Sie selbst hat für die Perfektionierung dieser Kunst ein Leben lang hart gearbeitet, gedarbt, gefastet, verzichtet und gelitten, bis sie es geschafft hatte, Weltspitze zu sein.

Leider wird vorausgesetzt, das jedermann die verzwickte Vita der Maria Callas, deren Familie 1923 von Athen nach New York ausgewandert war, vor Augen hat. Dass sich das kleine Mädchen bereits mit sechs Jahren als Wunderkind entpuppte, dass es mit seiner Mutter und der Schwester ohne den Vater zurück nach Athen ging, dort alle musikalischen Lehren und ersten Engagements erhielt, und dann nach Amerika zurückkehrte, um den Vater zu suchen – mag einen kleinen Spalt breit die Tür zu ihrer inneren Einsamkeit öffnen. Die Härte, mit der sie an sich arbeitete, in den schweren Nachkriegsjahren auf alles verzichtete, was es im Leben wohl auch neben dem Gesang her gegeben hätte, zeigt Ehrgeiz und Zielstrebigkeit der aufstrebenden Künstlerin. Dass sie, auf der höchsten Ebene des Ruhmes angelangt, eben diesen durch Launenhaftigkeit und zeitweilige übergroße Angst verspielte, dass ihre Stimme den gewaltigen Partien nicht mehr gewachsenen sein könnte, das war und bleibt die tragische Kehrseite dieser glänzenden Medaille der Genialität.

Dies alles wird in dieser Retrospektive nur angedeutet. Präsent ist vielmehr die Herrin und Herrscherin über alle Koloraturen und Stimmlagen, über Tosca, Norma, Lucia di Lammermoor - und die Siegerin über die größten Schwierigkeitsgrade der größten Komponisten des Belcanto. Das ist und war ihr Metier, für diese Kunst arbeitete sie unermesslich hart, bis sie die nach zahlreichen, mehr nebensächlichen Erfolgen, wechselnd  zwischen grandiosen Auftritten und harten Verrissen es endlich geschafft hatte, zum Star an der Scala und an der Metropolitan Opera aufzusteigen. Sie arbeitete mit Regisseuren wie Visconti und Zeferrelli, und die Plattenfirmen und die Opernwelt lagen ihr selig zu Füßen.

Sie heiratete einen reichen italienischen Industriellen, der ihr Vater hätte sein können – aus Kalkül, nicht aus Liebe. Dann begegnete sie dem reichsten und undurchsichtigstem Mann der High Society, dem griechischen Reeder Aristoteles Onassis, der sie aus Kalkül wählte, und den sie nun leidenschaftlich liebte; ihm opferte sie ihre Karriere. Doch Onassis verließ sie, um Jacqueline Kennedy zu  heiraten, die für sein Image eine weitaus reputierlichere Partie bedeutete. Das Leben der Callas war zerbrochen. Frau, die über eine einmalige Stimmgewalt verfügte, und deren Leidenschaft alle anderen – und sich selbst - an die Wand spielte, war von der großen Bühne abgetreten.

Was sie nun uns, ihrem Publikum, den Opernfreunden im Parkett, und ihren Meisterschülern da oben auf der Bühne mitgibt, ist eine einzigartige Liebeserklärung an die Musik, an die Oper, an die Gefühle, die nötig sind, um die Figuren, die ja zunächst nur aus Noten und Worten bestehen, zum Leben zu erwecken... Lob und Anerkennung erwarten die ehrgeizigen jungen Schüler, die verlegen, unsicher, unerfahren oder auch schrecklich uninteressiert (an Inhalt und Ort ihrer ausgewählten Partiturauszüge) jetzt vor ihr stehen. Was sie erhalten, ist unerbittliche Kritik, die nur der Stärkste verkraften kann. Das auch ist ihr Credo: Selbstbewusstsein, Disziplin, Härte sind die wichtigsten Faktoren für die Laufbahn eines Künstlers, der nach oben strebt. Und vielleicht auch lauert die Eifersucht der Diva hinter ihrer harschen Kritik, mit der sie die talentierten jungen Damen in die Bescheidenheit ihrer Anfänge zurückverweist...

Es sind ergreifende Momente, wenn Frau Ziegler sich ganz dem Inneren der Callas hingibt, ihre Gefühle widerspiegelt und ihre Sehnsucht nach einem Leben aufflackert, das sie nie hatte leben wollen und können. Sie hat sich nicht geschont, ihre Stimme nicht, ihre Gefühle nicht – sie war immer ganz und gar präsent, und wo sie nicht ehrlich mit sich und der Kunst war, musste sie scheitern. Sie hat gelitten, zuerst durch ihr wohl unansehnliche Figürlichkeit, später durch den Neid der Kolleginnen und noch später durch den Verlust von Liebe und Stimmvolumen.

Und so nimmt es nicht Wunder, dass dieser einzigartige Lebensmonolog, den die elegante Daniela Ziegler als Maria Callas vor ihrem geduldigen Pianisten und den abgekanzelten Eleven hält, dass diese Diva nach und nach ihren Zynismus verliert, die harte Schale sich schält und das sich dahinter pulsierende große Herz freilegt. Die Offenbarung der Lebensbilanz ist auch und zugleich ein wunderbare Erfahrung für alle Opernfreunde, für Sänger und Publikum, die nicht nur mit den Augen und den Ohren, sondern mit dem Herzen sehen. A.C.