von Tom Stoppard
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Lieder sind die beste Waffe
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Deutschsprachige Erstaufführung Übersetzung von Heimar Harald Fischer und Bernd Samland
mit: Jürgen Heinrich, Joana Schümer, Markus Gertken, Christina Athenstädt, Elisabeth Baulitz, Nikolaus Gröbe, Christoph Hemrich, Friedrich Mücke, Katja Sieder, Debora Weigert, Bruno Winzen Regie: Antoine Uitdehaag; Bühnenbild: Tom Schenk; Kostüme: Ann Poppel; Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen |
Lang' ist's her. Sir Tom Stoppard, ein vielfach ausgezeichneter, anerkannter Theaterautor und Schriftsteller, ist von Geburt Tscheche. Doch nach dem Tod seines Vaters, eines Arztes, verlebte er seine Kindheit mit der Mutter und dem Stiefvater in Indien, um dann später in England zwar ein guter Brite zu werden, dessen Herz aber ganz zweifelsohne im heftigen Rhythmus jener Tage ebenso links wie heimatverbunden schlägt. Somit birgt sein neuestes Stück einen durchaus faszinierende Fragestellung: Üben die Mächtigen und die Oppositionellen auf ihrer Ebene einen gut durchkalkulierten Schlagabtausch aus, der beiden wechselseitig Spielraum und Aufmerksamkeit im In- und Ausland garantiert, so droht jedoch die wirklich revolutionäre Gefahr von einer ganz anderen Seite: nämlich aus dem underground; von Künstlern, die, weil sie unbestechlich sind und anspruchslos, ihre Freiheitsvorstellungen allein in einer von äußeren Schranken unabhängigen Hingabe leben! Ihre Welt ist frei und grenzenlos und wird allein, wie hier, durch die Musik, den Rausch der Rhythmen, die Faszination der Auflösung durch Noten, die unendliche Tonalität der Instrumentierung bestimmt. Sie klagen und protestieren nicht mit Anträgen, und sie verfassen keine Resolutionen: Ihr Aufschrei, ihre Wünsche, Hoffnungen, ihre Trauer und ihre Klagen, ihre Wert- und Lebensvorstellungen erklingen laut und heftig, manchmal leise und melancholisch, sind aber für den, der hören, lesen und sehen kann, stets gefährlich präsent - also eine wahre Gefahr für den totalitären Staat. Wäre die Inszenierung bei diesem Gedanken, der den Höhepunkt der weit auseinander ufernden Szenenabfolge bildet, geblieben, so hätte ein spannendes Remarke daraus werden können. So aber irrlichtern ein professoraler Altkommunist Max in besten altsprachlichen Kreisen, sein junger Schüler Jan, ein Musikenthusiast und erfolgversprechender Wissenschaftler, Max' Tochter Esme, die sich ebenfalls den Bands ihrer Zeit verschrieben hat, seine krebskranke, wütende Frau Elena, deren attraktive Schülerin, die ein Auge auf den grummeligen Professor geworfen hat sowie natürlich typisierte Stasi-Leute auf den Schauplätzen in England und Tschechien, und man weiß nicht so recht, was sich hier eigentlich abspielen soll. Ist es ein Vater-Sohn/Lehrer-Schüler-Generationenkonflikt, sind es Liebesdramen, die jedoch wirklich nur peripher angespielt sind, ist es die Auseinandersetzung mit dem Real-Sozialismus und den utopischen Phantasien und Glorifizierungen eines aufstrebenden Arbeiterstandes, der die Faust nicht nur zum Gruß erhebt, oder ist es einfach nur die Lebensgeschichte eines somnambulen Musikfans, der irgendwo in seinen vagen politischen Vorstellungen vielleicht Sozialist ist oder auch Nationalist. Ganz sicher aber ist er ein junger Mann, der nicht mehr vom Leben verlangt, als sich der Musik hinzugeben, egal, ob er seinen Uni-Job verliert und irgendwo kleine Brötchen backen muss, ob er im Gefängnis landet oder von der Staatspolizei vorgeführt wird. Seine Gleichgültigkeit, die seine beste Waffe ist, allerdings wird auf eine harte Probe gestellt, als man ihm eines Tages seine Schallplattensammlung zerstört. Dass eine schmale Akte über den Professor existiert, für die er seinerzeit in Cambridge die entsprechenden Informationen nach Prag geliefert hat, der Professor aber sehr ausführliche Berichte über alle seine Kollegen an die Staatsicherheit geliefert hat, überrascht am Ende niemanden mehr. Dass die kleine Esme mittlerweile zu einem schönen jungen Mädchen herangewachsen ist und mit ihrem "Pan" nun im Jahr 2001 in die CSSR wechselt, beantwortet die geistreich mit der griechischen Dichterin Sappho debattierte Frage, ob denn Seele und Körper eine Einheit bilden oder getrennt als Materie und Geist gesehen werden müssen, im Sinne Aristoteles zufriedenstellend. Doch dass das kleine Gastmahl im Hause des Professors wie eine Schlacht bei Brecht endet, nur sehr viel politisch-agressiver, kommt etwas überraschend, und der Disput zwischen Sozialismus und Demokratie ist nicht überzeugend. Wie gesagt, ein gutes Stück, eine wenig aufregende Inszenierung mit gut typisierten Darstellern und vielen Einspielungen toller Bands aus vergangenen Jahrzehnten. Zuletzt die Rolling Stones noch auf der Videowand. A.C.
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