Shoppen

von
Ralf Westhoff

 

 

Menschen auf Schnäppchenjagd

 

 

Theater am Kurfürstendamm

Komödie nach dem gleichnamigen Film von Ralf Westhoff,

bearbeitet von Jürgen Popig

Regie: Katja Wolf, Bühne: Cary Gayler, Kostüm: Heike Seidler

mit: Thomas Arnold (Jörg), Gunnar Blume (Falk), Robert Frank (Jürgen aus Patenkirchen), Mackie Heilmann (Mediha), Gerit Kling (Susanne), Daniel Montoya (Patrick), Beatrice von Moreau (Susanna), Anke Pahl (Katharina), Astrid Rashed (Irina), Tobias Schulze (Jens)

 

 

 
   Aus neun mach fünf und eine gut durchdachte Bühnenversion, dazu eine quirlige Choreographie und ein silbrig blitzendes Bühnenbild, das gleichsam die spleenigen Charaktere widerspiegelt. Aus der herrlichen Kultkomödie um ein so genanntes "Speeddating", bei dem neun Frauen und neun Männer in einem raschen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel einander ( und sich selbst) in Fragen und Antworten kennen lernen - und eventuell sogar sympathisch finden sollen, ist eine vielleicht sogar zu stark gekürzte Bühnenversion entstanden.

Der besseren Übersicht wegen sind die Paare reduziert, die hier im Fünf-Minuten-Takt nebeneinander auf glitzernden Hockern sitzen und die knappe Zeit nutzen müssen, um sich über die Eigenarten und Vorlieben ihres kurzzeitig aufmerksamen Gegenübers zu informieren. Das ist witzig, temporeich, voller gesellschaftlich amüsanter Facetten, und die zeitweilig durchblitzenden Einsamkeiten, Skurrilitäten und Absonderlichkeiten der langjährigen Singles werden von diesen Schauspielern mit listigem Schalk und Schwung nach Comedy-Art auf dem Showplateau serviert. Da sich natürlich nicht alle Paarkonstellationen gleichzeitig dem Publikum präsentieren können, wechselt die Regie ebenso gescheit wie geschickt und läßt die haarsträubenden, rührenden, völlig verzwackten oder absolut komischen Konstellationen ausdrucks- und ereignisreich nacheinander abspulen: Da sind Themen zum Zanken und Verzweifeln, zum Annähern und Entfernen, zum Verbittern und Verletzen geeignet; scheinbar harmlos ist die Allergie gegen die Katze, schon schwieriger die Diskrepanz zwischen der Lust am Kochen und der Verweigerung jedes Genusses; da ist die vitale Powerfrau, die Berggipfel erklimmen muss und Höchstleistungen auf dem Sportplatz und im Bett fordert, da ist der bürokratische Pedant, der ungeschickt über alle weiblichen Empfindungen hinwegtrampelt, da ist das pausenlos plappernde Dickerchen, das mit seinem fröhlichen Lachen rundum gute Laune verbreitet. Da gibt es den Mann, der Nähe sucht, und die Frau, die die ständige Auseinandersetzung zur Selbstbestätigung benötigt; da ist die Romantikerin, die sich in esoterischen Gefilden verkrochen hat - allen gemeinsam aber scheint der Wunsch nach Kindern, nach Konsum, nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit und  - die Sucht nach ständig neuen Kicks.

 Das ist das vielleicht beste Kaleidoskop, das man bisher in einer künstlerischen Version sehen konnte: das Thema unserer Zeit, in der sich der langsame und nun nicht mehr so rasch zu lösende Konflikt  zwischen den Ansprüchen von Frauen und Männern gleichermaßen darstellt, die den rechten Zeitpunkt für eine Partnerschaft verpasst haben, in der eine gegenseitige Anpassung und 'Tolerierung noch leichter zu bewerkstelligen war als jetzt - da alle mit schmerzenden Erfahrungen, schnellen und doch nicht überwundenen Trennungen, mit vergilbten Träumen und einem depressiven Realismus alleine dastehen.

Natürlich, es gibt Ausnahmen. Und so finden tatsächlich einige der Paare zu der richtigen Konstellation und der Autor läßt, ohne Klischees und Kitsch, eine sehnsüchtige Hoffnung aufkeimen: ein bisschen Romantik und Phantasie, Toleranz und Mut für eine gemeinsam zu bewältigende Zukunft aufzubringen - ja, so könnte es gehen.

Doch neben einigen zarten Beziehungspflänzchen hat die Inszenierung mehr auf Komik und Tempo gesetzt; und jeder von diesen hungrigen Großstadtsingles, auch der selbstgefällige Macho Patrick, der sich penetrant aufreizend in tänzerisch beweglicher Höchstform präsentiert, hat irgendwo seine liebenswerte Seite - denn fast fellinische Qualität zeigt die Szene, in der er mit der überschäumenden, gut gepolsterten Mediha einen wunderbaren Abend verbracht hat, der nun bei ihr im peinlichen Alkoholkater zu enden droht - das nimmt er das Mädchen fürsorglich in den Arm und bringt es nach Hause. Keine Romanze, aber ein Aufblitzen von Seelenverwandtschaft einsamer Menschen...

Es gibt so viele, sehr schöne Momente, die ein Innehalten verlangten. Man sollte nicht vergessen, hinter der Fassade des Komischen die Tragödie unserer heutigen Schnäppchen-Mentalität zu sehen: Denn Shoppen, das bedeutet: sehen, zugreifen, konsumieren, wegwerfen!

Dem Ensemble ist eine wunderbare Filmadaption geglückt!  A.C.