Tagträumer

von
William Mastrosimone

 Deutsche Fassung von Heidrun Reshöft

 

Fire and Ice oder Das Leben vor dem Tod

 

Ein Gastspiel der Neuen Schaubühne München

 Theater am Kurfürstendamm

  Cliff: Jörg Schüttauf
Rose: Susann Upleggger

Regie: Karin Boyd
Bühne: Mark Späth

 Ein Zweipersonenstück für einfühlsame Schauspieler

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  Das Leben beginnt vor dem Tod - Cliff muß diesen Satz in Rose hineinschütteln, bis sie ihn am Ende schließlich begreift. Und damit haben beide etwas Neues in sich aufgenommen: dass ihr Leben bislang nur einen Teil der Wirklichkeit kannte. Cliff, den der tägliche harte Kampf ums Überleben als eiserner Truckfahrer auf Amerikas Fernstraßen hat zum Zyniker und Materialisten werden lassen - und Rose, die Einsame, Hypersensible, feinnervige Fee, die in einer ärmlichen Dachstube mit dem Gedanken an den Tod verheiratet ist. Damit treffen zwei Pole aufeinander, und es kracht und donnert und blitzt, Funken stieben und schwere Regentropfen fallen. Zwischendurch entsteht die Gefahr der drohenden Leere, und als Cliff Rose schließlich verläßt, geht man in die Pause und fragt sich doch verwundert, ob und wie es mit einem solch ungleichen Paar, das sich zufällig begegnete, weitergehen kann und soll...

Denn Cliff hat im Supermarkt während sein Truck in der Werkstatt zur Reparatur steht, die zarte Kassiererin bezaubert, und Rose lädt ihn mit zu sich nach Hause ein. Der hungrige Fernfahrer will jedoch mehr als nur ein Bier trinken und Ölsardinen essen oder eine mühsame Unterhaltung führen, und Rose will vielleicht auch mehr, aber ihre Angst vor Menschen und Männern ist so ungeheuerlich, dass sie zum Eiszapfen erstarrt, wenn Cliff sich ihr   behutsam auch nur ein bißchen nähert. Das wird nichts mit den Beiden, man sieht es sofort: der kompakte, scheinbar durch nichts zu erschütternde Cowboy der Straße, für den jedwede Romantik reines Kindergefasel ist, und Rose, die sich nach einer heilen Welt sehnt, die es nur in ihrer Phantasie gibt. Wie die meisten zeichnet sich auch dieses Schauspiel nach amerikanischer Art sowohl durch Witz und Schlagfertigkeit als auch durch psychologische Feinzeichnung aus. Es geht immer und in erster Linie um den Menschen, um Charaktere, um Schicksale, denen nachzuspüren sich lohnt. Wie hier: Zwei einsame, fest in ihren Welten verankerte Menschen, die ihre Firewalls um sich herum undurchdringlich installiert haben, um sich gegen weitere Viren der Zerstörung abzusichern.

Aber anders als in den  langwierigen zersetzenden Dramen modernster Machart, die der Destruktivität einer Gesellschaft und eines nicht lebenswerten Lebens den Dolch reichen, wird hier der Palmzweig sichtbar, der es dann doch - allerdings unter erheblichen Schmerzen und Verlust längst lieb gewordener Illusionen und Verwirrungen - schafft, einen kleinen Funken überspringen zu lassen, der, wenn er gut gepflegt und erhalten wird, zur Heilung beitragen kann. Am Ende hat Rose begriffen, das es nicht nur Verletzung, Vernichtung und Tod gibt, sondern auch Leben und Lebendigkeit, Sehnsüchte, die man sich erfüllen kann. Und Cliff hat unter der Schutzschicht seiner Rauhbeinigkeit so etwas wie Zärtlichkeit wiedergefunden.    

Ein schönes Stück, ein Abend, der aber nicht unter falschen Voraussetzungen angegangen werden sollte. Dann bleibt man auch selbst offen für eine Berührung. A.C.