Donkeys' Years

Verdammt lange her 

 von
Michael Frayn

 

 

Zeit des Erwachens

 


Renaissance Theater (2007)

Deutschsprachige Erstaufführung, deutsch von Michael Raab

Regie: Torsten Fischer, Bühne: Herbert Schäfer, Kostüme: Andreas Janczyk

 

mit: Suzanne von Borsody, Markus Gertken, Cusch Jung, Stefan Lahr, Thomas Limpinsel, Daniel Montoya, Victor Schefé, Thomas Schendel und Friedrich Schienfelder/Georg Tryphon

 

 
Wäre man doch nur im englischen Orginaltext geblieben - in der Übersetzung! Die vermeintlichen deutschen Scherze inmitten des fein-herben englischen Humors wirken wie Bauklötze, bremsend, wenig erhellend, schlurfend, wo ein Tänzeln vonnöten wäre. Doch das ist dann auch schon alles an kritischem Beiwerk, was man dieser Inszenierung anmerken sollte. Es ist ein herrlich, unprätentiöses, erfrischend unpolitisches kleines Boulevard-Feuerwerk  - obwohl ein Staatsekretär des Bildungsministeriums in der reifen Herrencrew den Ton angibt.

Rahmend und umrahmend wie ein wirklich englischer Lord, aber dennoch bloß das Universitäts-Faktotum, als guter Geist, der diskret und stets doch allwissend ist, steht Friedrich Schoenfelder - ein wahrhaftes Vergnügen! Er begrüßt sie alle der Reihe nach: ehrerbietig und doch souverän, mit herrlichem understatement - wie sie da nach 25 Jahren wieder in ihr altes College angereist kommen, um das "Silberne" zu feiern. Alte Freunde, alte Feinde, die Superschnellen und Gewitzten, die Blitzgescheiten, die Langsameren, der Wissenschaftler, ohnehin gleich an Ort und Stelle geblieben, und den ewig Letzten und Vergessenen. Der nervt auch diesmal wieder schrecklich, tritt in alle Fettnäpfchen, möchte geliebt und anerkannt werden und bleibt doch letztlich unerkannt. Wie das Schicksal so spielt im wahren wie im Theaterleben.

Nun wäre das Treffen, das allerdings ohne den Direktor, auch einer ihres alten Jahrgangs, stattfindet, ja nur ein Erinnerungsbogen von alten Streichen, jugendlichen Torheiten und späterhin gewonnenen Erfahrungen und ausgewählten Karrieren, wäre da nicht eben doch noch des Schulleiters Eheweib, das einst allen reifen Jünglingen den Kopf verdrehte, blitzschnell auftauchte und wieder verschwand, die Herzen eroberte und manchen bis heutzutage in stiller Sehnsucht zurückließ. Weil sie die einzige große Liebe nicht bekam, hat sie später den Schulleiter geheiratet, den Falschen, wie sie mittlerweile erkannt hat. Nun hofft sie darauf, dass der Richtige erscheint - alle warten auf ihn, den überragenden, von allen verehrten Kameraden, den Anführer der Collegecrew, den der kaum verblichene Glanz vergangener Tage in einen Glorienschein taucht. Aber der, auf den alle heiß warten, erscheint nicht. Dafür der looser, der, oh Spott oh Graus, nun den Platz des Helden der frühen Jahre in dessen alten Räumen einnimmt.

So tingeln und turteln sie um die einstige Geliebte herum, die vergeblich versucht, sich unsichtbar zu machen, um der wilden Männermeute zu entfliehen, die sie immer noch für köstliche Kost hält, und dabei gerät die Arme in allerlei Turbulenzen stets wieder in die Fänge der Falschen. Das alles ist blitzschnell und blendend erzählt und umfallend komisch gespielt. Bis zur physischen Erschöpfung palavern und saufen, albern und kämpfen die tapferen Gefährten vergangener Zeiten um Weib und Bier, mit- und gegeneinander, und alles verwickelt sich - so scheint's - unentwirrbar.

Eigentlich ist es auch gar keine Geschichte, und sie ist auch gar nicht lustig, aber die Kunst dieses Autors, der später ja bekanntlich so ernsthafte Dramen wie "Kopenhagen" und "Guillaume" schrieb, ist eben doch die Präsentation der gute alten englischen Komödie. Und sie gelingt an diesem Theater mit einem wunderbar homogenen Ensemble, in dem einzelne Typen wohl herausragen, doch in der Gesamtkomposition bleibt jedem sein ganz individueller Part belassen. Dass Frau Borsody gegen diesen allmächtigen männlichen Ansturm kaum gewappnet ist, liegt nicht nur an der Übermacht einer ausgelassenen Altherrentruppe, sondern auch an ihrem Bemühen, als Dame des College' etwas Besonderes sein zu müssen oder zu wollen. Sie hatte wohl einst einen jungmädchenhaft unbekümmerten Charme, der ihr die Herzen aller Collegeboys zu Füßen legte. Nun ist ihr Liebreiz einer gewissen Routine und Berechnung gewichen. Nun, so möchte man konstatieren, es sind eben alle älter geworden, die einen ein bisschen mehr, die anderen weniger. Und mancher Traum bleibt besser in der Schublade oder in der Handtasche! A.C.