Vier linke Hände

von
Pierre Chesnot

 

 

 Von Bonbons und anderen Appetizern

 


 

Komödie am Kurfürstendamm

 Regie: Herbert Herrmann; Co-Regie: Martin Woelffer; Bühne: Anja Wegener; Kostüm: N&H

 

mit: Herbert Herrmann und Nora von Collande

 

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 Schauspieler- und Komödiantenblut aus vier Generationen mal zwei ergibt schon eine gute Mischung an Gags und Comedy, zumal Herbert Herrmann auch zugleich Regie führt und die Turbulenzen zum Eskalieren bringt, allerdings auch zuweilen mit seinem Vorstellungen eines griesgrämigen Junggesellen mehr Karikatur als Komödie inszeniert. Das garantiert zwar viele Lacher und eine grundheitere Stimmung im Parkett, lässt aber die Eleganz der feinen sprachlichen Capriolen vermissen, die die französische Komödienküche eigentlich zu servieren beliebt. Also statt französischem Esprit und Charme dann doch eher skurriles Deutschtum mit einem grantelnden Einsiedlerkrebs und einer mannstollen emanzipierten reichen schönen Frau, der Nora von Collande nicht nur eine apfelfrische Figur verleiht, sondern auch ein sprühendes Temperament.

 Nun hat Anja Wegener zwei nette Bühnenzimmer gebaut, die von Sophie minimalistisch elegant, mit einer stücktragenden großen Bodenvase voller Pralinen, die sogleich verrät, was Sache ist, nämlich, dass die ebenso einsame wie smarte 40igerin Erbin einer Bonbonfabrik ist, was ihr bisher aber leider keinerlei zufriedenstellende Beziehung bescherte. Nun rät die Freundin vom fernen Urlaubsort der im sommerheißen, menschenleeren Paris Zurückgebliebenen, statt zu Schlaftabletten zum erstbesten Mann zugreifen, der ihr begegnet. Typisch französisch!

Ein Stockwert tiefer sitzt nun dieser Mann ihres unbewußten Schicksals und verbringt als alter Griesgram sein Leben mit der Forschung nach uralten ethnischen Gruppen, hadert mit sich und den Frauen, die er nur mag, wenn sie vorüberziehen und ihn in Ruhe lassen. Sicherheitshalber hat er eine Menge seltsamer Alarm- und Sicherheitsvorrichtungen gebastelt, die ihn vor Menschen aller Art fernhalten. Nur seine "Maman" darf ihn hätscheln. Das klingt wiederum recht deutsch. Bertrand, so heißt dieses Ungeheuer von Mann, poltert rasend und uncharmant inmitten von Sophies Seelenpein, weil es von seiner Decke tropft - das Wasser, das die scheinbar Lebensmüde noch für ein letztes Bad einließ und vergessen hatte, abzudrehen, lief nun unentwegt durch Boden und Decke und verursachte wohl einen netten kleinen Versicherungsschaden.

Wie die beiden jetzt umeinander fauchen, sich im blitzartigen Wortwechsel die liebgewordenen Ansichten und Eigenschaften wie Kleider vom Leibe reißen, nicht gerade taktvoll oder behutsam, sondern eher mit der Peitsche und dem Lasso, das sieht allerdings eher nach Mordgelüsten denn nach einer aufkeimenden Liebesbeziehung aus. Doch als es Sophie endlich gelingt, den raunzenden, knurrenden, bärbeißigen Bertrand aus der Gruft seiner Wissenschaft herauszulocken und zum Essen einzuladen, das gibt es schon einen humoristischen Höhepunkt, bei dem selbst die beiden Darsteller ihre Containance verlieren. Ein japanisches Mahl voller Überraschungen, scharf gewürzt und pikant serviert - das ist zuviel für den wahrscheinlich nur an Fertigkost gewöhnten Junggesellen, und er verlässt ebenso fluchtartig das Gastmahl wie die Gastgeberin sich ihre Wut vom Leibe reißt. Wieder nix. Wie und mit welchen weiteren Hindernissen die beiden so ungleichen Menschen dann doch zueinander finden, und wie es wohl weiterhin in ihrem recht eigensinnigen Leben aussehen wird, dass offenbart sich nach der Pause. Wobei Kampfgeist und weibliche Zielstrebigkeit den männlichen Widerstand niederringen, zumindest beinahe. Durchaus sehenswert, wenn man mit dieser bonbonreichen, leichten Kost denn den Appetit zu stillen vermag.