Das Mass der Dinge

von 

Neil LaBute

       Vom Alt-Hippie zum Jung-Juppie

 

 

 Maxim Gorki Theater

Aus dem Amerikanischen von Jakob Kraut

Regie: Uwe Eric Laufenberg

 

 

Kurzfassung

Zu hoch gegriffen ist dieser hehre Titel - denn das Stück des amerikanischen Erfolgsautors ist zu blutarm als das es einen wirklich geistreichen Abend versprechen könnte. Das Thema, ob im Namen der Kunst alles erlaubt ist, könnte faszinierend sein.

 

 

Zurück

 

Der Titel klingt nach Protagoras, nach klassischer Bildung, nach Geistreichelei. Neil LaBute, von dem man im Gorki bereits "Bash - Stücke der letzten Tage" inszenierte, hat sich und uns zu viel versprochen. Das Stück trägt die Bürde nicht, die es sich auferlegt hat.

Die kesse Kunststudentin Evelyne (Jacqueline Macaulay) verführt mit Charme und Sex den schüchtern-verschrobenen Adam (Michael Wenninger), der als Aufseher im Museum jobt und sie auf frischer Tat ertappt, als sie gerade einem nackten Adonis-Torso seine Männlichkeit anstelle des schamhaften Feigenblatts zurückgeben will. Nun geht alles seinen Lauf, Adam verliebt sich bis über beide Ohren in die attraktive Evastochter und verändert nach und nach seinen ganzen Lebensstil: er wird vom unansehnlichen Alt-Hippie zum fitnessbetonten Jung-Juppie. So weit, so gut, wären da nicht noch seine Freunde Phillip (Hans-Jochen Wagner) und Jenny (Anna Kubin), die eine Hochzeit unter Wasser planen. Auch das scheint als Gag gut anzukommen, verpufft jedoch wie manche anderen guten Ansätze im weiteren Verlauf der mageren Handlung, in der sich Adam zum Schwerenöter entwickelt, Evelyn sich als eifersüchtige Hexe gebiert, Jenny als ein liebes verlassenes Blondchen und Patrick als wütender gehörnter Ex-Verlobter auf der Strecke bleiben.

Nun geschieht die Verwandlung des Adam ziemlich rasch, nämlich von einer Szene zur anderen, und Adam und Eva haben auch sehr rasch gehörig Freude an- und miteinander, was von einer im Schlafzimmer aufgestellten Videokamera abschnittsweise dokumentiert wird. Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat sich von Kaspar Glarner eine pastellfarbene einengende Bühne bauen lassen, die mit wenig Utensilien den jeweiligen Ort des Geschehens andeutet, während zwischen den Szenen Videoaufnahmen von Menschen im Theater auf Treppen und in Räumen, später auch noch von amerikanischen Filmhelden über die Flächen flattern.

Was, so fragt man sich, will der Autor uns nun eigentlich sagen?

Das erst erfahren wir in der vorletzten Szene, von der man natürlich nicht weiß, das es die vorletzte Szene ist. Da nämlich stellt Evelyn ihre Diplomarbeit als Künstlerin vor: sie hat den Auftrag ihres Professors entsprechend, wenn nicht gleich eine neue Welt, so doch einen neuen Menschen erschaffen. Adam eben. Dokumentiert anhand vieler persönlicher Details und mit öffentlich zur Schau gestellten intimen Szenen. Adam flippt aus, Evelyn versteht nicht recht, warum: wo doch alles der Kunst wegen geschah, und die ist halt subjektiv. Dass sie hier vernichtend ist, Menschen und Werte umbringen kann, das begreift Evelyn nicht. Adam bleibt elend zurück, als neuer Mensch vielleicht - doch das ist nur äußerlich. Hier versandet leider die Dramatik und Brisanz des Themas völlig in einigen fäkalen Fluchattacken Adams und in der kindlichen Naivität Evelyns. Aus, vorbei. Schade. LaBute hat das Thema weder in der Dialogführung und Spannung noch in der Problematik ausgereizt. An den Autor zurück. A.C.