Die letzte Show

 von

Lutz Hübner

 

 

Wenn Prüfungsangst zum Horrortripp wird

    

Schauspiel mit Musik

Koproduktion mit dem Theater Rampe Stuttgart

Neuköllner Oper

  Musik und Songtexte: Tobias Philippen und Marc Schäfers
Inszenierung: Stephan Bruckmeier
Arrangements und musik. Leitung: Mini Schulz und Jo Ambros
Ausstattung: Meentje Nielsen
Dramturgie: Bernhard Glocksin

Mit:
Miriam Dusza, Andreas Goebel, Juliane Gregori, Thomas Groß, Christiane Heinke, Daniel Ris, Harry Tchor

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 Eine etwas plakative und sich recht gefällig einschmeichelnde Geschichte der intelligenten Emilia, die vor einer schweren schulischen Prüfung steht, um in die nächst höhere Stufe zu kommen und vor lauter Angst- und Albträumen keinen Schlaf findet. Wunderliche, irreale und auch recht authentische Figuren zerren sie von einem Angstzustand in den anderen, Wirklichkeit vermischt sich mit Wahn, die überreizten Nerven flippen in Horrorphantasien aus.

Was sich aber zwischen Pappkartons und Sofa zwischen hellblauen Wohnwänden abspielt, ist eine flotter, musikalisch aufgepopter Mummenschanz altbekannter Klischee-Figuren: die alleinerziehende Mutter, die das Kind von kleinauf weg von der eigenen Minderwertigkeit zur Leistung anspornt und das Prüfungsgremium, das der bereits als Versagerin stigmatisierten und entmutigten Emilia noch eine letzte Chance einräumt - und als diese sich unter diesem Prüfungsdruck nicht einmal mehr auf ihren Namen besinnen kann - wieder in den Kindergarten zum Türmchenbauen und Punktesammeln zurückbeordert. Leistung also von Kindesbeinen an - das ist die Aussage. Und wie man sich der Überstrapazen und Überbetonung der auftauchenden Stress-Situationen erwehrt, das versucht dieses Stück zu zeigen.

Dazu beordert es eine flotte, früh verstorbene Tante aus dem Jenseits zurück, sozusagen zur "Letzten Show". Sie darf als flippiger Teenie ihre Nichte ein kleines Stück begleiten und verwirrt das brave Mädchen nun mit allerlei abstrusen, außerordentlich eigenwilligen Lebenserfahrungen und Ratschlägen. Emilia ist nicht nur ehrgeizig, klug und eine brave Tochter und Nichte, sie ist auch neugierig, lebenshungrig und skeptisch zugleich, und so kann sie den entscheidenden Tipp der Tante nicht sogleich verinnerlichen: Nämlich zu leben, dass man es vor sich selbst verantworten kann, niemandem auf die Nerven geht und sich auch mit den Konsequenzen abfindet. Fröhliche Musikanten und ein akademisch vorgebildeter Pizzabote verhelfen Emilia nachts um 2 Uhr noch zu weiteren Einsichten, vor allem aber dazu, dass sie sich verliebt.

Das wäre natürlich eine unehrliche Lösung - denn mit Liebe lässt sich so manches Lebensproblem zunächst zur Seite schieben - was ist daneben schließlich noch wichtig! Vielmehr bewirkt die plötzliche Zuneigung zu dem humorvollen jungen Mann, dass Emilia plötzlich zu mehr Ruhe und Besinnung kommt, anders als das alternative Lebensrezept der flotten Tante es vorgibt.

Anschließend gab es bei dieser Sondervorstellung eine lebhafte Diskussion mit Schülern, Lehrern und Vertretern der Heinrich-Böll-Stiftung, mit einer Neuköllner Firma   und mit einer ehemaligen SPD-Schulpolitikerin. Wie stets bei solchen Gesprächen ging es nicht so sehr um Verantwortung, Gemeinsinn und Zukunftsperspektiven - dazu hätte man sich intensiver auf die beiden Hauptrollen berufen können - ,sondern man diskutierte sich wieder um Klischees, "Kompetenz“- Begriffe und deren Inhalte. Was immer man damit auch meint - und jeder etwas anderes - das alte Klagelied erklingt stets wieder von neuem: Es gibt an den Schulen zuviel  Leistungsdruck und ungerechte Beurteilung, zu große Klassenfrequenzen, unzureichende Förderung für die schwächeren Schüler. Vage am Rande wurde erwähnt, dass es immer wieder Übergangsmöglichkeiten zur weiteren schulischen und beruflichen Fortbildung gibt ( es werden ja auch verschiedene Schulformen angeboten!). Bedauert wurde einmütig, dass Lehrer in ihrer Ausbildung zu wenig Raum für Pädagogik und Psychologie gegeben werde und die "soziale Kompetenz" Mangelware sei oder aus Zeitgründen nicht in den Unterricht genügend integriert werden könne.

Kein Wort von der Verantwortung der Eltern, von unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten, von psychosomatischen Erkrankungen, Aggressionen und Fehlentwicklungen bei Überforderung. Und auch nur wenig Hinweise zum Inhalt des Stückes: Kann ein Leben der Selbstverwirklichung frei von der Verantwortung für die Zivilgesellschaft und unsere Solidargemeinschaft letztlich das Ziel sein? Wer übernimm t dann die Soziallasten,   die Lehrergehälter, die Ausbildungskosten, wenn alle fröhlich durch die Welt flippen? Es wäre wirklich zu schön, wenn jeder allein nach seiner Facon selig werden könnte! Aber würde das nicht zu noch stärkerer Ungleichheit, Ellbogenmentalität und noch mehr Armut führen? A.C.