Einstein

von
Thomas Sutter

 

"Genie, Mensch, Weltbürger"

Das Lebenspuzzle eines genialen Physikers

 


 Atze
Musiktheater

 

Buch: Thomas Sutter; Regie: Matthias Witting, Musik: Thomas Lotz; Fachliche Mitarbeit Physik: Wolfgang Platten; Bühnenbild: Urs Hildbrand, Kostüme; Marie Landgraf, Ton/Video: Jasper Dietrich
 

mit: Mirko Böttcher, Nina Lorch-Schierning, Heleen Joor, Johanna Kathrin Gast, Sabine Liebisch, Falk Berghofer, Lars Wild, Felix Spieß, Kay Dietrich, Stephan Hoppe in verschiedenen Rollen sowie
Lukas Feil und Matthis Giese als Einstein-Kinder; Lucia Herpelt und Victoria Keller als reizende  Schülerinnen

 
In 34 Bildern, szenischen Kurzsequenzen, haben Autor und Regisseur ein Lebenspuzzle des genialen Physikers Albert Einstein gezaubert; Schauspieler und Musiker spiegeln mit eindrucksvoller Wandlungsfähigkeit die Welt um den hochbegabten Sonderling in den schillernden Facetten seiner gespaltenen Persönlichkeit, deren Höhen (Nobelpreis) und Tiefen (Vernichtung von Hiroshima durch die Atombombe der USA) die Tragik eines intellektuell-emotionalen Lebens in seinem historischen Ablauf darstellen. Von Einsteins Geburt in Ulm 1879 bis zum Jahr seines Todes in Princeton 1953, folgt die Erzählung ebenso spannend wie prägnant den Phasen seiner Entwicklung, seinen familiären und persönlichen Erfolgen und Niederlagen bis zu seiner internationalen Inthronisierung als Entdecker der Relativitätstheorie sowie zahlreicher weiterer physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Ein absoluter Bildungsgewinn und eine willkommene Auffrischung des rudimentär gelagerten Wissens für jedermann!

Wenige Sitzwürfel und Rechtecke werden immer neu auf der großen Bühne von den Darstellern, die stets in zweitgemäßen Kostümen auftreten, arrangiert: In deren Mitte erhebt sich ein grauer Quarzblock als mächtiges und schlichtes Symbol für Ein-Stein, Stein des Anstoßes und Stein des Weisen... Mächtig und unverrückbar, wie Einsteins Charakter, der sich Zeit seines Lebens - und das bereits als Schüler -  gegen alle Autorität und Willkür aufbäumte, die seinem Gerechtigkeitssinn und seinem pazifistischen Menschen- und Weltbild widersprachen. Mirko Böttcher hat sich nicht nur in die Psyche und Skurrilitäten Albert Einsteins eingelebt, sondern ebenso bewundernswert überzeugt er fachkundig als der Wissenschaftler, der faustisch unruhig und genial nach neuen physikalischen Zusammenhängen und mathematischen Ableitungen sucht. Böttcher spielt Einstein so chargierend, so charismatisch, dass man jäh zu verstehen beginnt, was diesen Mann so faszinierend machte - obgleich er als Mensch ganz ohne Frage mit schweren Fehlern behaftet war, seine sich für ihn aufopfernden Ehefrauen und Kinder ohne Skrupel fortschickte, seiner Libido niemals Disziplin auferlegte, seinen Gedanken, die ihn hier als besitzergreifende Geister einkesseln, folgte, folgen musste, ohne Rücksicht auf seine Umwelt zu nehmen. Ein Egozentriker, ein emotional überschwänglicher, ein ehrlicher und idealistischer Mann, Clown und Kind, Verführer und Vernichter, Denker und Künstler, seiner selbst und seinen Erkenntnissen sicher und dadurch allen Mächtigen gegenüber souverän und überlegen.

Natürlich bewahrte ihn das nicht vor dem Schicksal der jüdischen Mitbürger im dritten Reich, vor Repressalien und Ausgrenzung; Einstein zog rechtzeitig die Konsequenzen und wanderte mit seiner zweiten Frau Elsa in die Vereinigten Staaten aus; doch Zeit seines Lebens sehnte er sich nach Deutschland, nach der deutschen Sprache! Anrührend wird dieser Moment in einer der letzten Szenen auf der Bühne spürbar; als er sich neben seiner ihn bis zuletzt streng behütenden Sekretärin Helen Dukas aus einem Büchlein Heinrich Heines vorlesen läßt. Es gibt zahlreiche Passagen in dieser Inszenierung, die in diesem Spiel um ein großes Leben sowohl die Genialität als auch die Einsamkeit eines großen Mannes zeigen,   dessen Lebensablauf so viele andere faszinierende Menschen mit einschließt, bedeutende Wissenschaftler wie Max Planck, Fritz Haber oder Leo Szilard - und vor allem: Familie, Frauen, Freunde, Feinde!

Geschickt und spannend verbunden sind die mit jeweils zeitgemäß angepassten Einspielungen des Berliner Kammerorchesters begleiteten Zeitabschnitte mit der spektakulären Entdeckung, die das FBI 1955 zu ungewöhnlichen Aktivitäten im Auftrag der Mac Carthy Administration zwang. Man vermutete, dass der Pathologe Harvey das Gehirn Albert Einsteins bei dessen Obduktion entwendet und für die Forschung analysiert und möglicherweise an feindliche Mächte (vor allem Russland) veräußert haben könnte...

 Unbedingt ansehen! A.C.