Lilly unter den Linden

von
Anne C. Voorhoeve

 

 

"Es gab normale, glückliche Familien"

 


In einer Fassung des

Grips

 Regie: Philippe Besson, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Musikalische Leitung und Komposition: Vicki Schmatolla; Dramaturgie: Regine Bruckmann

Es spielen: Anja Dreischmeier (Rita, Meggi, Frau Gubler, Katrin); Katja Götz (Lena); Julia Schubert (Lilly); Sebastian Achilles (Bernd, Rolf); Robert Neumann (Pascal, Till, ABV)

 

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  Das ist die mögliche, aber unwahrscheinliche Geschichte der 13jährigen Lilly, die nach dem Tod ihrer Mutter zur Vollwaise wird und künftig in einem Internat, betreut vom Jugendamt, leben soll. Denn der Lebenspartner der Mutter ist Weltreisender in Sachen Fotografie und kann sich um die Kleine nicht kümmern. Aber Lilly hat durch die vielen Erzählungen und eindringlichen Appelle ihrer geliebten Mutter von deren "wirklichem" Zuhause jenseits der Grenze zwischen den beiden Deutschland erfahren: Leipzig. Aus Liebe zu Lillys Vater und mit Hilfe ihrer älteren Schwester Lena flüchtete sie eines Tages über Ostberlin in die Bundesrepublik. Allerdings wurden ihre Fluchthelfer sehr bald gestellt und inhaftiert. Jetzt darf Lena allerdings, aber nur für einen Tag, zur Beerdigung von Lillys Mama nach Hamburg reisen. In Lilly wächst der feste Vorsatz, fortan bei Lena und ihrer Familie zu leben - allen Widerständen zum Trotz, Mauer hin, Mauer her, denn von den Verhältnissen in der DDR   weiß das ansonsten sehr kluge Mädchen nur wenig.

 Möglich ist auch, dass sich ein Kind so schrecklich einsam und allein fühlt, dass es über alle politischen Hürden hinweg, die es gar nicht kennen kann, sein Leben schnurstracks in die Hand nimmt. Aber in Leipzig angekommen, an dem grauen, kalten trüben Weihnachtsabend erwartet sie nicht nur liebevolle Aufnahme und Begeisterung, sondern miefig-bürgerliche Tristesse, die Abneigung der Cousine und die Drohung der Abschiebung zurück in die Bundesrepublik, zum Klassenfeind. Und gänzlich peinlich wird es, dass plötzlich der frühere Freund Rolf, der sich später als Stasimitarbeiter dem "Aufbau des Staates" verschrieb und fortan in Lenas Familie konsequent als Feind verfemt war, nun wieder gut und nütze ist, um für Lilly eine Aufenthaltserlaubnis zu erreichen. Dann aber wird er schnellsten wieder von Lena mit ziemlich rauen verbalen Tritten aus der Wohnung hinauskomplimentiert, wo Lilly ihn gerade in ein trauliches Erinnern an ihre Mama getaucht hat.

Aber einen Mann der Staatssicherheit im Haus zu wissen, konnte bei den Mitbewohnern einen bösen Verdacht wecken... Denn schließlich gehören Lena, ihr Mann und die Kinder natürlich zur verborgenen Opposition, wehren sich heimlich gegen den Staat und seine Überwachungsorgane, kämpfen aber gleichwohl für einen utopistischen Sozialismus - wie auch der Regisseur Philippe Besson. Dieser hat zwar die menschenverachtenden Repressalien niemals wirklich am eigenen Leibe erfahren, zumal er 1983 mit 20 Jahren in die Schweiz übersiedelte, wo sein berühmter Vater lebte. Aber sein Urteil scheint mild gestimmt. Denn es gab "ganz normale Familien, die in einer schwierigen Situation ein normales tägliches Leben führten und, wie er, glücklich waren."
Eigentlich war ja doch nicht alles so schlimm? Man konnte sich arrangieren? Die Haft, die Lena wegen ihrer Fluchtbeihilfe drei Jahre lang ertragen musste, der Verlust ihrer Tochter, die sie in dieser Zeit nicht sehen durfte, die Entlassung aus dem Lehrberuf, all das wird mit wenigen Sätzen weggewischt. Zurück bleibt eine scheinbare Familienidylle. Nur gut, dass unter diesem netten Schleier schon Wut und Widerstand der Tochter Katrin lauern, Lilly irgendwann aus ihrem Familientraum aufwachen und sich des schönen Hamburgs erinnern  und sich mit ihrem temperamentvollen Naturell gegen Zwang und Unfreiheit auflehnen wird - hoffentlich wird sie dann damit zurechtkommen. Das alles ist ausgeklammert in dieser viel zu kurzen Theaterfassung des gleichnamigen Jugendbuches. Vorwiegend ein Erzählstück mit wechselnden Kleidern, viel freier Bühne und ebenso kärglicher Kulisse wie mühsam integrierten Liedern, bietet die Inszenierung nicht sehr viel Schmiss und Schwung, und die   engagierten Schauspieler können den Saal im Podevil diesmal nicht mitreißen. Denn überwiegend sind es ältere Schüler, die an diesem frühen Abend der Aufführung doch wohl eher kritisch beiwohnen. Sie scheinen nicht überzeugt; und wie ihre Lehrer dieses Spiel trotz der historisch ehrlichen Programmbeiträge politisch aufarbeiten wollen, wäre durchaus wissenswert! A.C.