Schöne neue Welt

nach
Aldous Huxley

 

 

Ein Musical nach einer Utopie,

die wir längst überholt haben

 

   

Musical von Achim Gieseler (Musik) und Volker Ludwig (Buch und Songtexte)

Grips Theater  

Regie: Matthias Davids, Choreographie: Neva Howard, Bühne: Mathias Fischer-Dieskau, Kostüme: Barbara Kremer, Musikalische Leitung, Arrangement usw.: Achim Gieseler und Bettina Koch, Stefan Höls, Tobias Menguser; Dramaturgie: Georg Kistner, Regieassistenz: Gabriel Frercis

 

mit:
Claudius Freyer, Frank Engelhardt, Ester Daniel, Daniel Jeroman, Jens Mondalski, Kathrin Osterode, Laura Leyh, Sonja Hausséguy, Jörg Westphal, Christoph Letkowski, Michaela Hanser, Manfred Grashof-Ridder, Herbert Sowinski, Ilona Schulz

Kinder in der Schlafschule: Pia Richter, Carlo Jost

sowie die Band : No Worries
mit
George Kranz, drums, Michael Brandt, Gitarren,Robert Neumann und Beathoven, beide Keyboards 

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  Kein Zufall? Zur Karnevalszeit jedenfalls ist das Musical recht passend: allerlei aparte Kostüme für die neuen Menschen einer neuen, keimfreien und emotionsfreien Gesellschaft, die sich nach Alpha-, Beta- und Gamma-Klassen und Kasten aufteilt (wie bei den Bienen und den Hindus); phantasievolle Miederchen gibt es für rosarote Beta-Barbiepuppen, die schön pneumatisch und schön steril anzusehen sind und nichts sagend daherplappern; Vorwiegend dreht es sich nur um ein Thema in dieser Version: Sex. Der wird allerdings nicht wirklich praktiziert, sondern rein virtuell übermittelt, was denn auch den einzig echten Menschen, der als ein Relikt aus einer früheren Welt - nämlich männlich gezeugt und mütterlich geboten und geliebt - jäh in die neue Zeit hineingestoßen wird, in seiner Liebesglut zu einer der hübschen Puppen ziemlich abkühlt. Denn die junge Schöne, mit der er eine Familie zu gründen gedenkt, ist doch - seit Babykonditionierung und Schlaferziehung - ganz anders programmiert. Bis der arme "Wilde" das begreift, ist es um ihn ernstlich geschehen - allerdings nur bei Huxley;  in der Ludwig-Gieseler-Version ist eigentlich alles gar nicht so schlimm, und die grauenvollen Gedankenspiele des englischen Visionärs kommen eher märchenhaft (und nicht satirisch!) daher - dabei ist dessen gedachte Entmenschlichung längst alltäglich: Föten werden in Reagenzgläsern für Forschungszwecke benutzt, künstliche Befruchtung hat nicht einmal die Kirche aufgeregt und ist seit vielen Jahren gang und gäbe, und eine ganze Generation außerhalb des Körpers gezeugter Kinder tummelt sich mittlerweile recht munter und ohne erkennbare Schäden (denn die will  man ja u.a. gerade bei diesem Vorgang ausschließen) in unserer Welt.

Also, das Sex verboten sein wird, daran glaubt ja wohl ernstlich niemand, aber das der Mensch durch Computer gesteuert, zumindest einige seiner biologischen Prozesse auch heute schon (beispielsweise in der Herz- und Neurochirurgie) mit feinsten künstlichen Implantaten beeinflusst werden, ist selbstverständlich, und für die Betroffenen Patienten eine Bereicherung ihrer Lebensqualität. Aber, wie weit ist der Mensch manipulierbar, und was geschieht mit ihm, wenn seine Gefühls- und Wahrnehmungswelt ausgelöscht ist und eine Ecstasy verwandte Pille permanent seine Stimmungen steuert, so dass er immerfort zufrieden sein muss? Dahinter lauert mehr als nur ein munteres Verkleidungsszenario. Aldous Huxley hat das in seinem "utopischen" Roman 1932 eindrucksvoll und beängstigend beschrieben, aber er hat auch eine Perspektive angeboten, die dieser unerträglichen Leichtigkeit des Seins ja bekanntlich seit Kain und Abel die harte Alternative menschlichen Lebens bietet: Pein und Frust, Leid und Kummer, Krankheit und Alter, Arbeit und Schinderei - aber auch - Lachen und Liebe, Erfolg und Hoffnung, Glaube und zeitweise ein kleines bisschen Glück... Das wird in der letzten Szene von Kathrin Osterorde als Betagirl Lenina und von Christoph Letkowski als John, der Wilde, mit großem Ernst eindrucksvoll ausgespielt.

Die Jugendlichen, die an diesem Abend die Musical-Version sahen und hörten, zollten begeistert Beifall. Sie hatten sich weder an den banalen Texten, noch an den stilistisch uneinheitlichen Songs gestört, noch fanden sie wohl die Handlung eher antiquiert angesichts der teils doch recht respektablen Zukunftsszenarien, wie sie heute in Literatur und Film angeboten werden. Schön, dass, ungewohnt im Grips, auch ein verharmlostes Thema sein Publikum findet. A.C.