Stones

von Tom Lycos und Stefo Nantsou


Steine werfen - nur so als Kick


Theater Strahl

 

Es spielen: Jens "hassel" Hasselmann und Michael Meyer;

Regie führt Johann Jakob Wurster;

Bühneneinrichtung und Kostüme sind von Marion Reddmann;

für Lichtkonzept und Technik ist Ismael Schott verantwortlich

Theater Strahl Probebühne Kulturhaus Schöneberg, Kyffhäuser str.23

 

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Diese Geschichte hat sich vor einigen Jahren in Australien ereignet - aber sie könnte auch immer und anderswo stattfinden, wo Jugendliche sich sehr viel allein überlassen sind, den Einflüssen von Drogen, stimulierendem Beat und den Illusionen einer Filmwelt erliegen, in der Tod nur ein Spiel wird und Verantwortung ganz aus dem Programm gestrichen ist.

Zwei Jungen im Alter von 13 und 15 Jahren albern herum, dröhnen sich mit Musik voll, experimentieren mal hier mal da, nicht immer ganz mit dem Gesetz im Einklang, und eines Tages, als sie so herumtrödeln und am Bach ein paar Steine springen lassen, kommt ihnen eine scheinbar tolle Idee: Nur so zum Spaß, damit andere sich mächtig erschrecken, so ein paar Steine von der Autobahnbrücke auf die darunter herbrausenden Wagen zu werfen. Nur aufs Dach und nur so zum prickelnden Kick.

Ein Stein trifft die Windschutzscheibe eines Autos, der Fahrer stirbt, hinterlässt Frau und ein Kind; ein anderer Mann wird schwer verletzt in der unabwendbaren Massenkarambolage, in die schließlich über 130 Autos verwickelt sind. Die beiden Jungen hauen ab; der eine beichtet, von Albträumen und Angst geplagt, seiner Mutter den schrecklichen Vorfall. Bei der polizeilichen Vernehmung fällt auch der Name des Kumpels. Die Jungen bleiben zunächst in Untersuchungshaft, werden dann gegen eine hohe Kaution bis zur Gerichtsverhandlung freigelassen. Der Fall rührt die Presse und die Öffentlichkeit auf wie kein anderes Ereignis zuvor: Die Medien reagieren, wie man es kennt: mit Vorverurteilung, Sensationsmache und unsensibler Berichterstattung über Tat und Täter. Nach monatelangen Verhören sind die beiden Jungen nervliche Wracks. Das Urteil der Jugendrichter rührt wiederum einen Medienwirbelsturm auf. Die Bevölkerung wird monatelang über nichts anderes mehr reden: war - ist dieses Urteil richtig, wird es allen gerecht?

Zwei Schauspieler verfassten ein Theaterstück zu diesem Vorfall, das seither um die Welt reist und natürlich in allen Ländern die Menschen bewegt, jung und alt. Für die Schulen ist es ein Anlass, über Schuld und Nicht-Schuld, über gerechte und mögliche Sühne und Strafe zu diskutieren, über Verantwortung und Gleichgültigkeit, über Lebensinhalte, Werte und Pflichten eines jeden in unserer Gesellschaft.

Man kann nun das Stück sehr ernsthaft, sehr dramatisch und mit ungeheurer Eindringlichkeit inszenieren und darstellen, so dass zuletzt tiefste Betroffenheit im Publikum herrscht und/oder heftigste Emotionen wachgerüttelt werden.

Das Theater Strahl hat sich entschieden, den Vorfall in ein musikalisches Allerlei zu verpacken. Die beiden Schauspieler und Musiker wechseln sehr schnell, oft auch kaum verständlich, zwischen den verschiedenen Rollen und musikalischen Arrangements, turnen auf den Lautsprechern, flaxen mit kaugummigedehnten Albernheiten herum und simulieren schließlich den tödlichen crash eher flapsig als betroffen.

Erst nach und nach erfährt und versteht man, was passiert ist. Das Geständnis vor der Polizei verläuft im Fahrstuhl statt während eines für alle Seiten erschütternden Verhörs. Und die betroffenen Polizisten erhalten keine Chance, ihre eigene Verstörung angesichts dieser unbegreiflichen Tat darzustellen. Ganz leicht werden nur die familiären Verhältnisse der beiden Jungen gestreift, und immer wieder, sobald sich ein Handlungsstrang abzeichnet, wird dieser durch neue Songeinlagen verwischt. Das nervt die Zuschauer übrigens nicht wenig!

Die schreckliche Wahrheit, die tatsächliche Brisanz wird irgendwie verschleiert. Soll das signalisieren, wie wenig die beiden Kids das Ausmaß ihres Unfugs überhaupt realisiert haben? Oder sind sie nicht doch mit sehr viel mehr krimineller Energie angefüllt, als das in dieser Inszenierung deutlich wird?

Hernach findet eine Scheinbefragung unter den doch immerhin nachdenklich gewordenen Schülern statt. Doch dafür ist das Spiel zu diffus, und es ist zu früh, über "schuldig" und "nicht schuldig" so rasch zu befinden - ein Berliner "Werteunterricht" wäre vorab vonnöten. Somit gibt das Spiel wenig Hilfestellung. A.C.