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Süchtig von Mark Lundholm
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Eine Comedy-Show über die Abgründe der Abhängigkeit |
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Im Glashaus der
mit: Stefan Jürgens Regie: Guntbert Warns Deutsche Fassung: Andreas Wilde
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Da betritt ein Macho das Bühnenpodium, und das Publikum jubelt. Er streift den Kaninchenfellmantel ab, ordnet die glatte lange Zuhältermähne, stellt sich breitbeinig in Pose und outet sich mit einer Stimme, die keinen sanften Abend verspricht. Das Publikum jubelt erneut. Da steht einer, den sie lieben, den sie verstehen, egal, was er sagt. Und Stefan Jürgens alias Mark Lundholm zeigt, was er draufhat - als Süchtiger, als Krimineller, als looser in dieser Gesellschaft, die ihn zum dem gemacht hat, was er wurde und - was er ist. Das Publikum jubelt. Dabei ist nicht ein Wort witzig, nicht ein Satz erheiternd, nicht eine Sequenz mitleiderregend. Dieser Mann ist, was er ist, und er will überhaupt keine Rührung, keine Anteilnahme. Er schleudert seine Wut, seine Aggression, seinen Frust gegen all die, die ihn bejubeln. Denn noch sind es nicht seine Partner, noch sind es feindliche Außenseiter, Nicht-Süchtige, die ihn als Fernsehstar Stefan Jürgens feiern und nicht als Verkörperung eines armseligen Süchtigen namens Mark, der sich und sein Leben vor die Hunde wirft. Kaum in der Psychiatrie angekommen, tritt er auch schon wieder ab durch die Öffnung seiner Galabühne, mit der Haltung eines Zirkusdirektors oder eines Stars wie Judy Winter als Marlene Dietrich. Es fehlt nur der Federbusch auf einem weit ausschwingenden Hutrand. Aber die Drehung des Oberkörpers ist perfekt. Alles ist perfekt. Dieser Mark ist ein fieser, abgehalfterter Outlaw, Trinker, Fixer, Dealer, Dieb; er ist allem verfallen, was da auf breiter Konsumpalette angeboten wird: Sieben Süchte zählt er auf - und allen hat er sich mit einer grausamen und brutalen Selbsttäuschung bis hin zur Selbstaufgabe verschrieben. Dann kommt eine Pause, nach einer kurzen halben Stunde Vorstellung. Die Besucher fragen sich und andere, was denn dies Bekenntnis eines Süchtigen eigentlich soll, andere finden es einfach nur "wahnsinnig, irre, cool." Der zweite Teil. Licht an, fetzige Rockmusik dröhnt durch den Saal, manche wippen auf ihren Stühlen bereits im Takt. Der Star erscheint. Wilder Applaus. Man möchte sich weiterhin mit diesem miesen Typen amüsieren. Ist ja alles nur Theater. Vor allem ist man dem Idol ja so nah, so hautnah, egal, was er sagt und was er spielt. Und dann verlässt Jürgens endgültig die in der Psychiatrie angelegte Rolle des fiesen Asozialen, des Bösen, des Gewalttäters gegen sich selbst, und er lässt den zerbrochenen Menschen sichtbar werden, der die lieblosen Jahre seiner Kindheit mit einem wahnsinnigen Machovater und einer verzweifelten Mutter, Alkoholiker beide, mit Trotz und Ängsten und früh mit Drogen füllte. Seine Laufbahn der Ausweglosigkeit gewinnt an Bildschärfe und Tiefe, sein Egotrip wird ihm in der Anstalt vollends bewusst. Ein Süchtiger ist ein verdammter Egoist. So wagt es kein Therapeut, in Deutschland schon gar nicht, zu sagen. In Amerika hat man drastischere Methoden. Und offensichtlich sind die manchmal hilfreich. Denn der Autor dieses Stückes hat die Kurve gekriegt - dank seines Therapeuten, dank seiner Fähigkeiten, die er plötzlich entdeckt: er hat Humor, und er kann reden und schreiben. Und nun spricht er als Mark mit der Stimme von Stefan Jürgens von der Liebe zu seiner Tochter, von Mitgefühl, vom Dazugehören. Er wandert wieder einmal durch die Gefängnisse und Entzugsanstalten, diesmal nicht als akuter Krimineller, sondern als Kumpel, der den anderen die Leviten liest, der ihr Selbstmitleid entlarvt, alle diejenigen aufschreckt , die immer anderen die Schuld an ihrem Schicksal geben: den Eltern, der Frau, dem Chef, den Kollegen. So klar und deutlich hat noch keiner mit ihnen gesprochen. Und Lundholm weiß wovon er spricht, er ist einer der Ihren. Wer weiß, wie oft da jemand "Bingo" rufen konnte. Der Fernsehstar Jürgens geht jetzt aufs Entertainment; das kann er, das versteht er; er lockt seinem Publikum Geständnisse heraus, macht sie zu Mit-Süchtigen, indem er verschiedene Arten von Süchten anbietet. Scheinbar spaßig, scheinbar locker. Und doch ist das verdammt ernst. Auch jetzt schwingt das Publikum mit; man lacht immer noch, aber vielleicht jetzt mehr verhalten, weil man sich betroffen und getroffen fühlt. Die Witze der Comedy-Show gehen unter die Gürtellinie. Das ist eine Sprache, die alle gerne hören, die sich als "dysfunktionale Außeneiter" fühlen möchten, die sich von den ordentlichen, phantasielosen, in ihre Vernunftswelt eingepferchten "Nicht-Süchtigen" abgrenzen möchten. Stefan Jürgens trifft den Nerv seiner Fans, die vielleicht auch nur lachen, weil sie nicht wagen, zu weinen. A.C.
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