Vier Jahreszeiten

von

Antonio  Vivaldi

Buch: Thomas Sutter

 

 

  Kompositionen des Lebens

   

 Atze

- Jugendmusiktheater (2006)

Regie: Matthias Wittig; Musikalische Leitung: Thomas Lotz; Choreographie: Yoshiko Waki; Kostüme: Marie Landgraf; Bühnenbild: Urs Hildebrand; Lichtdesign: Uwe Grünewald; Tontechnik: Jasper Diederich und Hartwig Nickola

 

Es spielen: Simone Witte und Thomas Sutter : Zwei Menschen – vier Begegnungen – ein Aufbruch

Kammerorchester Fanny Hensel; Solovioline: Michael Yokas, Matthias Erbe. 

Tanz: Anne Poncet Staab und Edsel Scott.

 

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Es ist Frühling. Leicht und zärtlich führen die Violinen durch die noch immer kühle Jahreszeit, deren Signal jedoch unverkennbar ist: Aufbruch zu Neuem! Der Regen wird das Wachsen der Natur vorantreiben, die Hoffnung auf den Neubeginn zur Gewissheit werden lassen. Eine Frau und ein Mann treffen sich im Schutz eines Buswartehäuschens. Es ist eine verlegene, zärtliche und spannungsgeladene Begegnung, die Beide nach vielen Jahren wieder zusammenführt. Die Frau hat vorher, daheim, etwas eingewickelt und in ihre Tasche gepackt. Und dabei ihren Schirm vergessen. Nun sind die Zwei unter dem Dach festgehalten. Was wird sich zwischen ihnen ereignen?  
Eine neue Szene: begleitet von leichten beschwingten tänzerischen Figuren eines Paares, das den Menschen und ihrem Schicksal zur Seite gestellt ist (wie bei „Bach“ , den eine gute Fee führte), spielen zwei Kinder im Regen auf der Brücke an einem kleinen Flüsschen. An der Mauer übt der 11jährige, einmal Fußballprofi zu werden, doch das kleine kecke Mädchen überredet ihn geschickt, mit ihm zu angeln. Ein entzückendes kleines Match, das mehr als nur Kinder beim Spielen zeigt, sondern vielleicht sogar schon beider Lebensweg andeutet, der sich in ihren Persönlichkeiten abzeichnet. Die Tänzer gleiten auf zwei durchsichtigen Gymnastikbällen - übergroßen Regentropfen oder Wasserblasen gleich- über den glatten Boden. Wie die Fische springen sie übermütig aus dem imaginären Wasser, blubbern herum und jagen einander zu zärtlichen Klängen; doch ihr Übermut führt auch zur Unvorsichtigkeit, sehr zur Freude der jungen Anglerin...  

Dem Frühling folgt der Sommer: der Tanz wird energischer, ausdrucksfester; die Musik gibt die Schönheit, aber auch die Unbarmherzigkeit dieser Jahreszeit vor: Leichte Sommerwinde wechseln mit schweren Gewittern, reifende Kornfelder und der herrliche Gesang der Vögel entzücken die Menschen, doch dann folgt jähe Hitze, die alles verdorren lässt... Für die Jugend, die inzwischen herangewachsen ist, bedeutet es erwachtes Bewusstsein, Sorge um den Schutz und Erhalt der Natur. Das Mädchen und der junge Mann haben dasselbe Ziel, das sie aber mit unterschiedlichen Mitteln erreichen wollen: Sanft und behutsam die junge Frau: eingebettet in den festen Glauben an die Schöpfung; mit radikaler Hinwendung zur revolutionären Politik stürmisch und unreflektiert der Mann.

Als sie sich aus ihrer Kinderzeit wieder erkennen, ist es zu spät: die Polizei führt die beiden Demonstranten, die sich eine Nacht lang an den zu schützenden Bäumen festgekettet haben, am nächsten Morgen zum Revier. Lebenssüße und Lebensschmerz verströmt die Musik nun in einem entsagungsvollen Pas de Deux.


Lustvoll aufgefangen wird der Herbst als die vielleicht schönste Zeit des Jahres. Er ist das Symbol der Reife; Tanz und Gesang, Feste und Feuerwerk begleiten die Menschen, die sich der reichen Ernte und der reinen frischen Luft nach einem langen heißen Sommer erfreuen. Aber die Tiere haben jetzt eine schwere Zeit, wenn die Jäger ihnen auf der Spur sind...

Die Musik führt nun beinahe schon in den Winter hinein: Die junge Frau fährt einen behinderten alten Mann im Rollstuhl spazieren, dem man die Wohnung gekündigt hat. Ihr soziales Empfinden, ihr Sinn für Gerechtigkeit kann das nicht ertragen. Für die Kälte und Unbarmherzigkeit des Winters stehen nun die Hartherzigkeit der Gesellschaft, ihre materielle Orientierung, ihre Blindheit für die Nöte anderer. Der Tänzer bewegt sich zunächst elegant auf zwei Stelzen hinter den Schauspielern, um dann schonungslos in mühsamen Verrenkungen und akrobatischen Versuchen vorzuführen, wie unerhört schwer es für viele ist, ihr Leben im Gleichgewicht zu halten. Auf der andren Seite ruft ein Unternehmer die höchsten Börsenkurse auf seinem Computer ab und feiert den Gewinn mit Champagner und Pralinen...
Das ist das Ende des Herbstes, bevor sich der Winter nun endgültig  und frostig über Nacht ankündigt! Nichts wird so bleiben, wie es war und wie es ist; und das Mädchen wird den Unternehmer als ihren Kameraden aus Kinder- und Jugendzeit zufällig wiedertreffen und erkennen und ihn für die Herzlosigkeit im Besonderen und für unternehmerischer Aktivitäten im Allgemeinen verantwortlich machen. Denn was kann ein Mensch, ein alter Mensch dazu, noch tun, der behindert und mittellos  und damit auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Soziales Mitleid steht hier vor wirtschaftlichen Sachzwängen und kompromissloser Aufrechnung. Dem Autor müsste vielleicht doch ein bisschen mehr Differenzierung gelingen, damit die Geschichte politisch nicht gar so rührselig einseitig den „bösen Kapitalisten“, das Feinbild alter DDR-Propaganda, für alles verantwortlich macht!
Dem mühseligen, aber auch gemütlichen Wintermonaten folgt aber wieder ein Frühling, und vielleicht doch ein Neubeginn für dieses Paar, das sich in all seinen Lebensabschnitten – Frühling, Sommer, Herbst und Winter – stets von neuem begegnete und an einander vorbeiging,  bis es sich nach einem gelebten Leben schließlich unter einem Buswartehäuschen noch einmal trifft. Die Frau wird nun das Päckchen auswickeln und noch eine weitere Überraschung bereithalten...

Die 14 Musiker des Kammerorchesters Fanny Hensel verbinden die Vier Jahreszeiten auch mit Sonetten von Vivaldi. Die Solovioline spielen: Michael Yokas, Matthias Erbe.