Klasse der Besten

von 
Melanie Gieschen

für Mädchen und Jungen ab 16

 

 

Ein fataler Psychotest:

Intelligenzbestien im emotionalen Stress

 

 

 

Grips Theater

 

Regie: Werner Gerber

Bühne: Isolde Wittke

Kostüme Gioia Raspé

Musik Hans Hafner

Dramaturgie Stefan Fischer-Fels, Ute Volknant

mit: Falk Berghofer, Manja Doering, Markus Friedmann, Laura Leyh und Jörg Westphal

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Kurz und bündig

Melanie Gieschen hat einen messerscharfen Blick für die versteckte Brutalität, mit der die auf ihren Vorteil und ihre gesellschaftliche Stellung bedachten Mitmenschen einander ins Aus boxen und deckt geschickt seelische Deformationen auf. Für ihre Recherchen zu diesem Stück interviewten die Autorin und ihr Regisseur junge Studenten an einer Akademie für Führungskräfte sowie Schülerinnen und Schüler von Berliner Schulen. Trotz überstrapaziertem Sexismus und Fäkalvokabular  sehenswert!  

 


Dies Theaterstück könnte die Fortsetzung des Neuköllner "Elternabends" sein. Jetzt sind die Kleinen beinahe erwachsen, supertoll drauf, Intelligenzbestien, jedoch beides zu gleichen Teilen - emotional und sozial noch immer auf niedriger Stufe. Und die Kinder sind immer noch ein Produkt ihres Elternhauses, das bei diesen fünfen überwiegend ehrgeizig und exzentrisch zu sein scheint. Jedenfalls sind die Kids ganz schön auf eine Karriere ausgerichtet. Der ehrgeizige Balthasar sie alle zu sich eingeladen: Freie Bahn und freie Bude; und der Pool ist auch nicht gerade zu verachten. Es geht um Selbsterfahrung im Eigenexperiment; man nennt es Persönlichkeitsentwicklung anhand von Stress-Interviews. Doch der Psychotest der Laien läuft erwartungsgemäß aus dem Ruder; die Dynamik des Gruppenprozesses zwingt die jungen Damen und Herren schneller als erwartet zu bitterer Selbsterkenntnis und trauriger Reflexion.

Zunächst geht es dem schwerfälligen Adam (Jörg Westphal) an den Kragen: von der ernsthaften Silke (Manja Doering) und der flippig-frivolen Sunny (Laura Leyh) in ein schonungsloses Kreuzfeuer über persönliche Frustation genommen, krümmt er sich schließlich vor Scham - bis die Mädchen merken, das aus dem Spiel Ernst geworden ist. Erschüttert über ihren Sadismus kühlen sie die Gemüter im pool. Doch schon geht der Kampf um Klamotten, Designermode, Lektüre und Karrierevorstellungen weiter, nicht eben mit sanften Bandagen. Doch plötzlich vereint etwas die aggressiven Gemüter: Als sie erkennen, dass Adam von seinem Vater einer schlechteren Lateinnote wegen grün und blau geschlagen wurde, schwören sie Rache. Die Pärchen gruppieren sich zum brainstorming: Während Silke und Baltharsar einander verführen, arbeiten Krzystof (Falk Berghofer) und Sunny ernsthaft an einer Idee, dem Sparkassenfilialleiter-Vater einen schmerzhaften Denkzettel zu verpassen.

Wieder konkurrieren Phantasie und Machbarkeit miteinander; und im allgemeinen Zoff bricht plötzlich die Scheincoolness der frechen Sunny auseinander. Zum ersten Mal offenbart sich ihre innere Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Treue, Akzeptanz um ihrer selbst willen und ihr Wunsch, irgendwo eine Clique, einen Bund zu haben, eben Menschen bedingungslos vertrauen zu können. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt, fragt der realistische Krzystof zweifelnd. Doch alle sind fasziniert von einem neuen Gedanken. Baltharasar schwärmt für die Gemeinschaft, wie Logenbrüder und Geheimbünde sie pflegen, und sofort sind alle Feuer und Flamme; sie schwören bei Fackeln, Grillwürstchen und Sekt einander ewige Freundschaft. Vergessen sind Persönlichkeitsentwicklung und Managementkarriere; flüchtiger Sex, Karriereträume und Notengerangel - wichtiger sind Freundesbund und Treue, lebenslänglich.

Zu schön um wahr zu sein; der Idealismus der Schwärmer findet in der Realität leider sein schnelles Aus. Der Traum wird zum Albtraum...

Der Regisseur ist nicht nur Theaterfachmann, sondern auch Gestalttherapeut, das heißt, er arbeitet mit seinem Klientel sehr praxisnah und realitätsbezogen, zum Beispiel auch als Dozent im Bereich Assessment Center. Er weiß, wovon die Rede ist. Und die Autorin? Sie schrieb solche eindrucksvollen Stücke wie "Gnadenlos" und "Die Abzocker", das vom Theater 89`in Berlin seinerzeit mit beeindruckender Prägnanz auf die Bühne gebracht wurde. Melanie Gieschen hat einen messerscharfen Blick für die versteckte Brutalität, mit der (die auf ihren Vorteil und ihre gesellschaftliche Stellung bedachten) Mitmenschen einander ins Aus boxen und deckt schonungslos deren seelische Deformationen auf. Für ihre Recherchen zu diesem Stück interviewten die Autorin und ihr Regisseur junge Studenten an einer Akademie für Führungskräfte sowie Schülerinnen und Schüler von Berliner Schulen. Trotz überstrapaziertem sexistischen und Fäkalvokabular unbedingt sehenswert! A.C.