schwarzweißLila

von
Volker Schmidt

 

 

Themenabend für Lehrer

Kunstwerk für die Bühne

 


Grips Theater

ab 10 Jahren; ausgezeichnet mit dem Kindertheaterpreis 2007, dem Autorenwettbewerb von Grips und Gasag

Regie: Yüksel Yolcu; Bühne: Ulv Jakobsen; Kostüme: Anne Herzau; Musik /(Cello): Sonny Thet; Dramaturgie: Winfried Tobias

mit: Dela Gakpo (Lila); Katja Götz (Lilas Mutter); Adolphos Sowah (Basuro); Roland Wolf (Dennis) und Christian Giese als Monteur Manfred, Dennis Vater und Bahnangestellter

 

 

 
 
Lila ist ein farbiges Mädchen, fröhlich und empfindsam, klug und flink, voller Eifer und Phantasie. Was das Leben der Zehnjährigen allerdings trübt, ist vor allem, dass sie nichts von ihrem Vater weiß. Er ist Afrikaner, das steht fest, doch ihre Mutter will sich partout nicht weiter über ihre Vergangenheit mit Lila unterhalten. Ein schwelender Konflikt. Ein weiterer: Lila wird nach ihrem Umzug in eine andere Stadt und eine neue Schule nun erneut auf ihre Hautfarbe, auf ihre vermeintliche Herkunft angesprochen, und das nervt und kränkt sie sehr, denn sie fühlt sich als deutsches Kind. Aber sie sehnt sich gleichermaßen nach einer Verbindung zu der Welt ihres Vaters. Unvermutet findet sie plötzlich eine faszinierende Lösung aus ihrem existenziellen Dilemma. Doch was sie am Ende erfährt und lernt, wird nicht nur für Emigranten und Kinder aus verunglückten Ehen ein wertvoller Leitfaden für ihren Schicksalsweg sein: Sich und sein Leben so anzunehmen, wie es ist, zu ändern, was möglich ist und zu akzeptieren, was unabdingbar ist. Wahrlich, eine schwere Aufgabe- für uns alle.

Das Grips Theater hat mit diesem Stück, das den Berliner Kindertheaterpreis 2007 erhalten hat, denn auch einen Glückstreffer als erste Inszenierung dieser Saison auf die Bühne gebracht. Yüksel Yolcu läßt die Personen einfühlsam in ihre Rollen schlüpfen, führt sie  sicher und mit Spannung ans Ziel, schnell und unterhaltsam und dennoch besinnlich. Das Grips-Ensemble zeigt sich mit einigen neuen jungen Darstellern, die sehr eindrucksvoll gleich mehrere Themen aufzeichnen, die alle Menschen heute angehen: die Akzeptanz der Andersartigen, der Fremden, der Außenseiter; die Toleranz gegenüber Welten und Traditionen, die wir nicht begreifen können; die Hilfsbereitschaft für Menschen, die ihren Weg noch erst mühsam suchen und finden müssen.
Dazu steht erstmals die hervorragende Dela Gakpo als kindlich-kesse Lila auf der Bühne, die eigenwillig ihren Weg geht, wobei die vorpubertäre Auseinandersetzung mit der Mutter eine schmerzhafte Erfahrung - für beide -ist. Aber sie hat auch ein großes Herz und genügend kindliche Unbefangenheit, um sich dann wieder recht altersgemäß mit ihrem Freund Dennis zu zanken und zu balgen. Roland Wolf kann mit der berührenden Unbeholfenheit eines Zehnjährigen, der Schutz und Freundschaft sucht, die Situation eines vom Workaholic-Vater vernachlässigten Jungen anschaulich darstellen. 

Wie gewohnt, arbeitet das Grips seine Stücke sorgfältig pädagogisch, politisch und psychologisch für Lehrer und Erzieher aus und bietet damit eine Vielfalt von inhaltlich zu diskutierenden Variationen; man kann die Themen besprechen, analysieren, nachspielen, aufarbeiten. Doch steckt die Kunst einer kindgerechten Inszenierung hauptsächlich darin, seine Feinheiten ad hoc emotional auf sein Publikum zu übertragen; die gedankliche, verstandesgemäße Nacharbeit kann getrost in zweiter Linie folgen. Und so gebührt der eindrucksvollen Darstellung des afrikanischen Asylbewerbers Basuro, den Adolphos Sowah mit der Gelassenheit und Traurigkeit eines Mannes spielt, der, obwohl beruflich hoch qualifiziert, in seiner Heimat keine Arbeit und Hilfe fand, um seine Familie versorgen und seine Kinder zur Schule schicken zu können. Er steht für Tausende, die aus vielen verschiedenen Gründen in zahlreichen Ländern dieser Erde keine Perspektive haben und sich eine neue Existenz in Europa und Amerika erhoffen.
Und da ist Christian Giese, der mit umwerfender Wandlungsfähigkeit den gutmütigen Mechaniker Manfred in Lilas Leben treten läßt, der neben den üblichen Vor-Urteilen auch ein großes Herz hat und zupackt, wenn es gilt, dem Mädchen zur Seite zu stehen. Dann brilliert er als alerter Bauunternehmer, der weder für seinen Sohn Zeit noch Verständnis für eine Welt hat, die außerhalb seiner geschäftlichen Aktivitäten und seiner engen Gedankenwelt liegt; und als Drittes gibt er eine hübsche Karikatur eines preußisch korrekten Bahnbeamten ab. 
Für die Mutter von Lila, die sich einst in einen Mann verliebte, der ihrer Kultur und Tradition ebenso fern stand wie sie der seinigen, wünschte man sich eine etwas "farbigere", alternative Ausführung. Katja Götz wirkt eher zerbrechlich und zu unsicher, um dem aufgeweckten frühreifen Mädchen eine Hilfe sein zu können.

Fremd und vertraut zugleich sind die Cellobegleitung von Sonny Thet und mitreißend die kurzen Einblendungen moderner Rap-, Pop- und Soulrhythmen, in der sich seit langem afroasiatische Traditionen mit europäischer Musik verbunden haben - Vorreiter und Vorbilder für die Verknüpfung menschlicher Empfindungen und einer globalen kulturellen Bereicherung. A.C.