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Sehnsucht Deutschland von Michail Bartenjew |
In einem anderen Land: Kampf um ein Stückchen Illusion
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Uraufführung Übersetzung aus dem Russischen: Yvonne Griesel und Sigrun Doering Kinder und Jugendtheater an der Parkaue Regie: Renate Safiullin Bühne/Kostüme: Anja Furthmann Musik DJ Demon Choreografie: Anke Glasow Dramaturgie/Theaterprädagogik: Bettina Groß Videoinstallation: Sebastian Klemke Es spielen: Katja Langnäse, Sibylle Prätsch, Lore Richter Ralph Hensel, Benjamin Plath, Ilja Schierbaum, Urs-Alexander Schleiff, DJ Demon Kurz und bündig: Musik, Tanz, Songs und Choreografie in dieser szenischen Zusammenstellung von Schicksalen deutsch-russischer Jugendlicher geben der losen Story „Sehnsucht Deutschland" den besten Rahmen. Aber das Bild in der Mitte erzählt keine einheitliche Geschichte. Die Problematik der jungen Leute wird mit viel Brutalität nur fragmentarisch angesprochen.
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Der Weg in den Zuschauerraum ist seltsam lang und verschlungen. Dann irritieren zuckende Scheinwerfer; eine dunkle, unheimlich geschminkte Gestalt, vielleicht aus der Rocky Horror Show entwichen (die sich aber im Spiel als sadistischer russischer Aufseher entlarvt), empfängt die Zuschauer, und eine Stimme tönt aus dem Off: „Achtung, Achtung: Sie befinden sich auf neutralem Boden, sie haben soeben deutsches Territorium verlassen, achten Sie auf weitere Ansagen...“ Bis alle Schüler ihre Plätze und Freunde gefunden haben, liegt der Bühnenraum weiterhin im Halbdunkel, in dem sich schemenhaft zusammengekauerte Figuren auf Podesten abzeichnen. Dann lässt ein harter Beatschlag, vom DJ an der Wand oben rechts auf einem Hochsitz gesteuert, die sieben Mädchen und Jungen sich von ihren Podesten erheben und sich wilden Diskorhythmen ekstatisch hingeben. Das ist schon mal ein Auftakt, der auch die müdesten Schüler aus der Reserve lockt. Wie überhaupt Musik, Tanz, Songs und Choreografie in dieser szenischen Zusammenstellung von Schicksalen russischer Jugendlicher der losen Story „Sehnsucht Deutschland“ den besten Rahmen geben. Aber es sollte nur der Rahmen bleiben und mittendrin ein Bild erscheinen, das eine Geschichte erzählt. Doch die fehlt, beziehungsweise deutet sich nur fragmentarisch an. Die Jungen und Mädchen, die mit ihren Eltern als Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen sind und sich sprachlich und kulturell nur schwer integrieren können, liefern sich in diesem Stück ein hartes Duell. Sie fühlen sich als Außenseiter und (das möchte vielleicht der Autor mitteilen) abseits gestellt, ihrer Würde, ihrer Identität beraubt. Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit äußert sich in Hass, in Wut, in Aggressionen, in Brutalität, im Selbstmord. Pistolenroulette, Schlägereien, Gewalt scheinen dieses Millieu vorwiegend zu bestimmen. Ein Wasserbecken, mitten auf der Bühne, zeigt sich als beliebter Kampfplatz, und auf der Wand liefern sich analog dem Bühnengeschehen auf Videos menschengroße Ameisen ihre Angriffe. Glücklicherweise hat die Theaterpädagogin Bettina Groß ein Begleitheft für die Nacharbeitung hergestellt, in dem junge Aussiedler selbst und authentisch ihre Situation beschreiben. Diese Berichte sind wesentlich objektiver und ermutigender als das triste Geschehen auf der Bühne. Aber, auch diesen Trost hat der Autor für alle jungen und älteren Menschen bereit, die sich in den emotionalen und praktischen Wirrnissen ihres persönlichen Schicksals orientieren müssen: Es hilft nicht, enttäuschten Vorstellungen nachzutrauern, Zorn und Hass aufzubauen gegen eine Welt, die den eigenen Illusionen nicht standhält. A.C. |