Amerika

von
Franz Kafka

 

Die Stacheln der Freiheit

 

Maxim Gorki Theater

Fassung von Stephan Müller und Remsi Al Khalisi

Regie:
Stephan Müller
Bühne und Kostüme:
Esther Bialas
Musik und Sounddesign:
Gerd Bessler
Dramaturgie:
Remsi Al Khalisi
Bewegungstraining:
Jewgeni Sitochin
mit:
Felix Rech, Rainer Kühn, Thomas Bischofberger, Hans-Jochen Wagner, Jewgeni Sitochin, Hilmar Baumann, Anya Fischer, Ruth Reinecke

Kurzfassung:
Der 16jährige Karl kommt nach Amerika und erlebt dort eine unbegreifliche und gnadenlose Gesellschaft, gegen deren Willkür er hilflos ist. Er fällt von einem Unglück ins andere bis er eines Tages die Erlösung als Mitarbeiter in einem freien Theaters sieht - Die Erzählung lässt den Schluss offen, das Gorki auch. Eine dem Roman angepasste Inszenierung ohne den dramatischen Tiefgang eines Arthur Miller. Man sollte sich über Kafka vorher Gedanken machen.

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 Der 16jährige Karl wird von seiner Familie nach Amerika geschickt, weil er daheim wegen eines Verhältnisses mit dem Dienstmädchen für den sittenstrengen Vater (und die Gesellschaft) nicht mehr tragbar ist. Kurz, bevor er das Schiff verlässt, lernt er einen Heizer kennen, dessen ungerechtes Schicksal ihn dazu bewegt, sich für ihn beim Kapitän einzusetzen. Allerdings ergebnislos. Dafür lernt er überraschender Weise seinen "Onkel" kennen, der ihn bei sich aufnimmt, ihm eines Tages den Besuch bei einem Freund (Polunder) empfiehlt, zugleich aber Karls Fortgehen als Anlass nimmt, ihn gänzlich zu verstoßen. Wieder steht der Junge allein, erhält in einem großen Hotel eine Stelle als Liftboy dank der Zuneigung der Chefköchin und ihrer schüchtern-verliebter Sekretärin. Doch durch die unangenehme Bekanntschaft mit zwei Vagabunden wird Karl ins Elend gestoßen: er verliert durch deren Auftauchen in dem piekfeinen Hotel und ihre Lügen und Verleumdungen Job, Ehre und Papiere und wird in der elenden Unterkunft der Beiden, in denen eine sogenannte "Sängerin" die jungen Männer terrorisiert, zu niedrigsten Diensten gezwungen. Heimat-. und mittellos geworden, findet Karl möglicherweise in einem "Naturtheater in Oklahoma" als Künstler Kraft und Würde wieder. Da Kafka das Stück ohne gültigen Schluss hinterlassen hat, bleibt aber letztlich der Ausgang ungewiss.

Zur Inszenierung:
Stephan Müller hat mit seinem Team eine anderthalb Stunden durchgehend spannende Fassung auf die karge Bühne gebracht, die mit wenigen Requisiten blitzschnell die jeweilige Szene beim Schiffsheizer, in der Kapitänskajüte, im Salon des Onkels und des Herrn Polunder, im Hotelfoyer, im Asylheim, bei den Pennern und ihrer "Domina" veranschaulicht. Die musikalische Begleitung nimmt den sound der 20er Jahre in den USA spielerisch-leicht auf - und steht damit im starken Kontrast zur entsetzlichen Talfahrt des armen Karl. Aber das ist dann auch schon das Einzige, was "Amerika" kennzeichnet. Denn das fiese Mobbing der Hotelangestellten, die harten Arbeitsbedingungen, die brutalen Methoden der underdogs könnte zu jeder Zeit und in jedem Land stattfinden. Amerika mag hier für diese hoffnungslose Perspektive für Auswanderer und Arbeitssuchende in den 20er Jahren stehen. Felix Rech spielt diesen jungen Mann so unbeholfen, verloren und unentschlossen wie sich manche Biographen den Autor vorstellen. Und was liegt daher mehr auf der Hand, als das er immer wieder Schutz von Frauen erhält ( wunderbar wandelbar Ruth Reinecke und Anya Fischer, die mit einer breiten Skala weiblicher Eigenschaften den armen Karl abwechselnd betören und bestrafen), der diesen aber in bemitleidenswerter Hilflosigkeit immer wieder verspielt. Macho- und Macht-Männer erkennen in ihm ein williges Opfer für ihre Brutalität. Die Herren des Ensembles müssten eigentlich hernach allesamt in die Sauna, um sich von diesen Gemeinheiten, die sie Karl antun, wieder zu befreien

Zur Deutung:
Ursprünglich trug dieser Roman den Titel "Der Verschollene" und weist damit auf den stark biografischen Bezug des Stückes hin, das zuerst von Kafkas Freund Max Brod (1848-1968) dramatisiert wurde. Immer wieder werden die Romane und Erzählungen Kafkas psychoanalytisch durchleuchtet. Und es ist schon kennzeichnende, wie stark sein gespaltenes Verhältnis zum überstrengen Vater und sein ebenso ambivalentes Verhältnis zu Frauen in allen seinen Arbeiten hervortritt. Auch in "Amerika" ist seine eigene, reale Situation der Ausgangspunkt: Franz Kafka musste wie Karl seine Liebe zu dem jungen Dienstmädchen der Eltern aufgeben, die ihm Zeit seines Lebens "Muse" sein sollte. Auch der Ausschluss aus dem elterlichen Vertrauensverhältnis demütigte ihn zutiefst, und in vielen seiner Werke wird immer wieder dieses Trauma deutlich werden. Der empfindsame Franz hasst und liebt den Vater zugleich; aber auch mit dem weiblichen Geschlecht hat Kafka sein kurzes Leben lang Schwierigkeiten - Frauen erscheinen ihm immer wieder anziehend und gefährlich zugleich. Für die Figur des Vaters mag in diesem Stück der bestimmende und in seinen Entschlüssen nicht begreifbare "Onkel" stehen, der Karl ohne Grund wieder von sich weist. Und für die Mutter vielleicht ebenso die sanftmütige, beschützende Oberköchin wie die Domina Brunelda: Insgesamt sind es drei Frauenfiguren, die Karl anziehen und abstoßen, ihn protegieren und benutzen, ihm aber insgesamt immer Liebe verheißen, vor der er letztlich angstvoll flieht.

Auch Kafkas Verhältnis zur Macht und zu Mächtigen war empfindlich gereizt, sein Gerechtigkeitsempfinden aufs Höchste sensibilisiert, was in dieser Inszenierung bsonders deutlich gemacht wird, um menschliche Niedertracht und Bösartigkeit auf der einen, Demütigung und Ausgrenzung auf der anderen Seite zu zeigen. Denn unbarmherzig sieht er auch sich selbst in der Unreife des 16jährigen Karls, der, beinahe ein Kind noch, völlig naiv und unerfahren ist im Umgang mit Menschen, ihnen folgt, wo Zurückhaltung geboten wäre, sich zurückhält, wo Vertrauen angebracht wäre. So macht er sich selbst zum Erniedrigten, zum Missbrauchten, der erst, nachdem er viel Leid erfahren musste, als Künstler in einem freien Theater zu sich selbst finden kann. A.C.