Amphitryon

 nach
Heinrich von Kleist

 

 Jupiter im Glanz der Glühbirnen

 

 

Maxim Gorki Theater

Regie: Jan Bosse; Bühne: Stéphane Laimé; Kostüme: Dagmar Fabisch: Musik: Arno P. Jiri Kraehahn; Dramaturgie: Ludwig Haugk

mit: Hans Löw als Amphitryon/Jupiter; Anja Schneider als Alkmene; Robert Kuchenbuch als Sosias; Michael Klammer als Merkur, Hilke Altefrohne als Charis

Eine andere Version dieses Stückes spielt im Theater im Palais gleich neben dem Gorki-Theater

 

 
 
Sosias, der Diener des Feldherrn Amphitryon ist schwarz. Kein Zweifel. Sein olympisches Ebenbild dergleichen. Und dieses, Merkur, der Gott der Diebe und Kaufleute, wird sich am Ende in der Rolle des in seine  Schranken gewiesenen Verführers und Göttervaters Jupiter ebenso zeigen. Schwarz. Was sagt uns das? In der Nacht sind alle Götter gleich?

Die zielsicher in dieser Inszenierung von Jan Bosse vornehmlich angesprochenen Schüler werden darüber zu reden haben; ihre Lehrerinnen jedenfalls, die bei dieser Aufführung anwesend waren, zeigten sich begeistert. Und auch dieses Geheimnis wird wahrscheinlich später im Klassenverband gelüftet werden.

Für den normalen Zuschauer bleibt nicht nur diese radikale Farbgebung weiterhin rätselhaft; auch der kumpelhafte, heutige Jargon, in dem sich die Protagonisten dieses  - in immer wieder neuen klassischen Versionen veränderten und in modernen Inszenierungen interpretierten - tragikkomischen Spiel um die irdischen erotischen Freuden des antiken Gottvaters unterhalten, scheint aus der Rolle gefallen; Und dass viel zu schnell gesprochen wird, um dem hintergründigen Verwirrspiel um Ehre und Identität, um Verlust und Verzagen, um Gefühl und Verstand, um Treue und Glaubwürdigkeit seine tieferen Dimensionen zu entlocken, ist eine leidige Sache vieler moderner Darstellungen. Wollen oder sollen die Interpreten einer einzigartigen Kunstgattung - nämlich der des deutlichen Darstellens verschiedener Dimensionen menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens -, auf das armselige Unterhaltungs- und Sprachniveau heutiger Talkshows heruntergedämmt werden?

Alte Theaterfreunde werden das weiterhin als befremdlich registrieren.

Also, zurück zu Robert Kuchenbuchs Sosias, der heimkehrt ins Haus des Herrn, um dessen Gattin Alkmene die frohe Botschaft des Sieges und einer königlichen Gabe zu verkündigen. Doch am Tor wartet schon jemand im Dunkel auf ihn, der sich gleichfalls als Sosias ausgibt, der nicht nur rein äußerlich identisch erscheint, sondern auch bereits im Voraus weiß, was der Diener sagen will. Das ist ebenso unheimlich wie spaßig und ein Hinweis auf die fortan von einem Gott gedoubelte Persönlichkeit, die nun ohne eigenes "Ich" nur noch als Hülle existiert. Später wird Sosias zum Hund degradiert werden, geschlagen, getreten und doch - in Ruhe gelassen mit sich selbst und einer eigenen Philosophie über Sein und Nichtsein und Sosein. Aber bei Bosse bleibt dieser Sosias in seiner verlorenen Identität gefangen, der zänkischen Gattin ebenso wie dem schlagenden Herrn ausgeliefert, und letztlich nur ein hilflos herumirrender, sich selbst suchender Mensch.

Bei Amphitryon, dem von Jupiter des nachts zuvor gehörnten Gatten, der mit Erstaunen ob seiner so raschen Wiederkehr von Alkmene mit aller Unschuld empfangen wird, kehrt sich der Zweifel über die Treue seiner Gattin zur Gewissheit, zur Qual, zum Entsetzen, zur rasenden Wut und Flucht. Ein Feldherr ist eben stabiler, pragmatischer gebauter Mann und mit wenig feinfühliger Sinnenhaftigkeit ausgestattet; so kann er toben und anklagen, ohne sich selbst in Frage zu stellen oder gar die olympischen Mächte herbei zudenken. Für Hans Löw, der in der Rolle des Jupiter mehr ein schlanker Donnergott in Werthers pubertärem Gewand zu sein scheint denn als ein verführerischer  Liebhaber, der für Alkmene das höchste Liebesglück herbeizaubert, hat denn auch in der Doppelbelastung zugleich als Feldherr Amphitryon seine Probleme. Zwar ist seine Verwunderung, als seine Frau ihm ein wenig erschöpft eröffnet, er habe sie doch erst kurz zuvor mit aller Liebe dieser Welt überaus beglückt, wie ein Sturz in den endlosen Abgrund; und das ist wahrlich eine fantastische Szene, aber dann kehrt Löw den bis ins Mark verwundeten Krieger hervor, der sich nur noch mit unverständlichem Geschrei Luft machen kann. Also, Fazit: Keiner der beiden lediglich auf ihr eigenes Vergnügen beziehungsweise auf ihre Macht versessenen Herren ist so recht sympathisch. Weder der Gott noch der Mensch.
Dass Jupiter in der von zig Glühlampen erleuchteten Bühne eigentlich für jeden sichtbar bereits seine wahre Identität enthüllt, ist ein blendender Einfall. Als er nach baldiger Rückkehr des zuvor noch rasend eifersüchtigen Gatten bereits erneut in Amphitryons Gestalt um Alkmene ringt, muss er sich diese bereits gewaltsam über die Schulter werfen, da sie als willenloses Opfer männlich-göttlicher Allmachtsphantasien keine Wahl hat. Doch ihre Waffe ist ihre unerschütterliche Treue, ihre Liebe zu dem echten, dem irdischen, dem verunsicherten Mann Amphitryon. Da muss Jupiter passen, und, nachdem er seine göttliche Identität preisgegeben und die Geburt des Halbgott-Sohnes Herkules geweissagt hat, sich unter seinem eigenen Lichterkranz, besiegt von menschlich-weiblicher Größe!, beugen.

Und Alkmene? Anja Schneider ist ein liebreizendes Weibchen in froschgrünem Hosenkleid, mit schneeweißer Haut und lockendem Busen, doch wenig attraktiver strähniger Blondperücke. Ihr bleibt nur ihre verzweifelte Körpersprache für ihre Hilflosigkeit, die sie angesichts des sich verleugnenden und scheinbar launisch wankelmütigen Gatten wie ein Peitschenhieb trifft. Dazu steht sie auf der hohen Bühne, während Amphitryon ( der echte) sich vor der ersten Zuschauerreihe bewegt. Weit entfernt also sind die wahren Gatten von einander, ganz nahe steht stets der Gott. Und wer von den beiden liebt wahrhaftiger? Zeus, der kurzfristige Liebhaber, möchte es gar zu gerne in seiner pfauenhaften Eitelkeit erfahren - ist er nicht mehr, besser als nur ein irdischer Ehemann, ist er denn nicht ein Liebhaber von wahrhaft göttlichem Format? Anja Schneider zeigt eine Frau, die um ihre Ehre, um ihre Glaubwürdigkeit, um die Wahrheit ihrer Gefühle ringt: Sie liebt einzig ihren Mann und ehrt den Gott, und daran läßt sie keinen Zweifel.

Und Charis, die kesse Frau des Sosias und Freundin Alkmenes? Sie wähnt nun ihren Ehemann ebenfalls als verkleideten Gott, als Apollon gar, und sie versinkt in tiefem Hass, als sie, gedemütigt von beiden, die Wahrheit erkennen muss. Hilke Altefrohne kann in dieser kleinen Parade wirklich den Ansatz für die von Kleist gedachte burlesk-komödiantische Rolle finden.

Das Spiel ist aus. Es ist der allerdings von der Kleist'schen Vorlage, die sich wiederum an Moliére orientiert, weitgehend unabhängige Versuch zu zeigen, wie der Mensch zum Spielball der Mächtigen wird, jedoch auch, wie er, in unerschütterlichem Wissen um seine Aufrichtigkeit, sich selbst treu bleiben kann. A.C.