Amphitryon

von
Heinrich von Kleist

 

 

 

Wenn ein Griechengott zum Gockel wird und die Menschen ihre Identität verlieren...


Deutsches Theater

Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Johanna Pfau
Kostüme: Annabelle Witte
Musik: Arno P. Jiri Kraehahn
Mit:
Robert Gallinowski (Jupiter), Alexander Khuon (Merkur), Samuel Finzi (Amphitryon), Sebastian Blomberg (Sosias), Anne Ratte-Polle (Aldmene), Katharina Schmalenberg (Charis)

Kurz gefasst:
Nicht ganz so lustig wie bei Kleist und Moliere, dafür etwas brutaler und anzüglicher mehr nach Art des Plautus, toben die Liebenden durch die Betten, und die beiden Betrogenen wüten gegen die Infamie der göttlichen Doppelgänger, die ihnen nicht nur die Identität rauben, sondern auch Mannes-Ehre und die Gunst ihrer Frauen - beinahe. Doch Fürstin und auch  Dienerin bleiben im Herzen ihren angetrauten Gatten treu, auch wenn Alkmene hernach vor des Gottes Glanz symbolisch in die Knie geht. Aber lieben empfinden beide Frauen nur ihre irdischen Männer. Recht so!


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Ein vertracktes Spiel um Liebe und Treue, um Ehre und Selbstbehauptung, dass sich keine Geringeren aussucht für diese abgrundtiefe Verwirrungen als Gottvater Jupiter und seinen Diener Merkur, für Diebe und Kaufleute zuständig. Und gar listig ist er- brutal in dieser Inszenierung und für den echten Sosias, dem er seine Identität mit Schlägen raubt, eine wahre Katastrophe. Plötzlich ist der Arme nicht mehr er selbst, der Diener, der der liebreizenden  Alkmene, frisch angetraute Gattin des Feldherr Amphitryon,   glückliche Kunde von der gewonnenen Schlacht bringen soll. Vor dem Eingang zum Schloss wird der Bote nun in tiefdunkler Nacht von Merkur abgefangen, der dort Wache für seinen liebestollen Herrn, Jupiter/Zeus steht. Der hat sich in Amphitryon verwandelt und genießt die stürmische Liebe Alkmenes, die ihren Ehemann zwar so frühzeitig nicht zurück erwartet hat, aber nun voll der Seligkeit ist.

Sosias also, verprügelt, gedemütigt, spielt den total eingeschüchterten Narren, wie man ihn auch bei Moliere nicht schöner hätte erwarten dürfen. Seine Persönlichkeit, noch eben wortgewandt und tapfer verteidigt, löst sich mit zunehmenden Schlägen wie Nebel in dem nahenden Morgen auf, und als sein Herr Ampitryon zurückkehrt und den Diener noch immer vor dem verschlossenen Eingang seines Hauses sieht, entspinnt sich das erste von herzlich komischen und ebenso tragischen Frage- und Antwortspielen. Der Feldherr quält den armen Sosias mit Fragen, die dieser zwar wahrheitsgemäß beantwortet - aber selbst in der vierten Wiederholung dieser unfassbaren Beichte eines Ich-Verlustes begreift Amphitryon nichts, weniger als Nichts. Bis er selbst vor dem gleichen unfassbaren Dilemma steht: Er ist nicht mehr er selbst.  

Alkmene nun, die schöne, sanfte mit der rot-wilden Mähne, eine zarte Liebesgöttin fürwahr, kann es ebenfalls nicht fassen: dass dieser Mann, der da vor ihr steht, ihr eigener, geliebter Ehemann, leugnet, in der letzten Nacht bei ihr gewesen zu sein. Und Amphitryon, der Gehörnte, lächerlich-verwirrte Feldherr bezichtigt seine Frau nun verständlicherweise der Untreue. Wie schnell verfliegen Gefühle! Wie sehr auch grollt die hektische Dienerin Charis ihrem Mann Sosias, der sie in der letzten Nacht schmähte und verschmähte und nun lädiert und völlig wirr, alles zugibt und doch von nichts weiß.

Damit nicht genug. Kleist verspinnt diesen Faden zum unentwirrbaren Knäuel: Denn noch einmal erscheint Jupiter in Alkmenes glühendrotem Schlafgemach, erheischt von ihr Liebesschwüre und möchte, ganz Gockel, doch zu gern wissen, ob sie ihn als Gott oder als Menschen liebt, was nun wiederum Alkmene in ziemliche Bedrängnis bringt. Denn einen Gott kann man verehren und anbeten, doch einen Ehemann, den kann und darf man irdisch lieben. Das gefällt Jupiter nun wahrlich nicht - er möchte hören, dass er mehr geliebt wird als der irdische Gatte. Als er das schließlich erreicht und damit den Menschen Amphitryon beinahe vernichtet hat, erscheint er dem Paar schließlich in seiner göttlichen Gestalt: Als Adler mit Donnerkeil, was die Situation nun endlich entwirrt. - 

Wie aber alle damit fertig werden, einmal ihre Identität verloren und nun über den schmerzhaften Selbstverzicht ihre Persönlichkeit wiedererlangt zu haben, bleibt in dieser Inszenierung, vor allem in dem schnellen Schluss, unklar, zumal Jupiter und Amphitryon wie auch Sosias und Merkur von verschiedenen Schauspielern dargestellt werden, also schnell erkennbar sind, und zum anderen, weil in der Schlußszene Jupiter er selbst in Menschengestalt bleibt und nur kraft seiner wortreichen Offenbarung die Ehrerbietung der Menschen erheischt. Dann verspricht er noch dem gebeutelten Gatten, dieser werde einen tollen Sohn bekommen, immerhin Herkules, der alle Ungeheuer der Vorwelt in Stücke hauen wird, ein echter Held eben.

Damit endet das Stück, und läßt einen Teil des Publikums unzufrieden zurück: Denn weite Passagen dieser kraftvollen Liebes- und Lebensphilosophien bleiben unverständlich - und es ist wirklich schade um jedes Wort, das rückwärts in den hohlen Raum genuschelt wird. Vor allem Gallinowski erweist sich wieder einmal als ein Meister des Schnellsprechens! - Die Aufführung dürfte ruhig ein paar Minuten länger dauern. Sie ist es wert. A.C.