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... aber am grausamsten ist der Mensch
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Berliner Ensemble (2007) Inszenierung: George Tabori, Bühne: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Margit Koppendorfer, Musik: Hans-Jörg Brandenburg, Dramaturgie: Nora Giese, Hermann Beil
mit: Christina Drechsler, Ruth Glöss, Ursulas Höpfner, Judith Strößenreiter, Traugott Buhre, Alexander Doering, Gerd Kunath, Martin seifert, Konrad Singer Musiker: Floria Bergmann, Dieter Fischer, Benjamin Weidekamp
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König Ödipus, schuldbeladen nach dem vorbestimmten Schicksal wie alle Herrscher des Labdakidengeschlechts, hat vier Kinder hinterlassen, die Töchter Antigone und Ismene und die Söhne Polyneikes und Eteokles, die am Hofe Kreons leben, ihrem Onkel, König von Theben, der ihre Mutter heiratete. Dieser führt einen Feldzug gegen die Bürger von Argos, um sich deren Eisenerzschatz anzueignen. In dem barbarischen Kampf fällt Eteokles als tapferer Held, während Polyneikes dem sinnlosen Gemetzel zu entkommen versucht und als Deserteur und Kollaborteur hingerichtet, gevierteilt und den Geiern zum Fraß auf offener Erde überlassen wird. Kreon verbietet die heilige Beerdigung des Polyneikes bei Todesstrafe. Antigone verweigert dem Onkel den Gehorsam; sie verteidigt heftig und leidenschaftlich die Ehre der Familie, dringt in Kreon, das Band der Geschwisterliebe wie das Gebot der Götter zu achten und den Bruder bestatten zu dürfen. Vergeblich, Kreon bleibt hart und unnachgiebig. Und Antigone wird sich gar nicht einmal so heimlich, sondern aufrecht und ihrer Aufgabe unangreifbar sicher, zu dem Toten begeben, ihn mit Erde bestreuen und ihm somit den Weg freigeben in die Unterwelt, in das Reich der Toten. Sie wird darob bestraft und lebendig eingekerkert werden, und Kreons Sohn Haimon, mit dem sie verlobt ist, wird ihr folgen... Und das ist der seit Ewigkeiten verschiedenenartig interpretierte Hauptaspekt dieses Dramas, das Sophokles wie später Jean Anouihl und Bert Brecht in leicht abgeänderter Version wieder aufnehmen; Die Frage, was Vorrang für des Menschen Ethik und Moral hat: sich dem Gebot der Naturgesetze, der Götter, eines Gottes zu fügen, und die Gebote der Staatsmacht, der von Menschen erlassenen Gesetze, hintenan zu stellen? Oder ist das Tyrannen Wort unumgänglich? Eine aktuelle Frage in jedem Diktatorenstaat und eine heikle Diskussionsgrundlage für einige Formen der Auflehnung, die vom Terrorismus nicht so leicht zu unterscheiden sind... Die Rache der Götter, die den König
trifft, der ihre Gesetze missachtet - nämlich den Toten in das Reich
seiner Ahnen zu entlassen - ist durch die sich dramatisch zuspitzenden
Warnungen und Wehklagen der Ältesten und des Sehers Teresias
vorhersehbar; Ein schreckliches Schicksal, in das er starrsinnig und
sehend hineinläuft, wird ihn ereilen Denn keine Schuld bleibt in dem
antiken Mythos ungesühnt; wobei sich in diesem Drama dem fehlgehenden
Menschen erstmals auch die Möglichkeit der Um-Entscheidung, der
Neuorientierung bietet. Doch für Kreon steht die Staatsräson und damit
die absolute Konsequenz aller Zuwiderhandlungen seiner Anordnungen nicht
ohne Grund außerhalb jeder Erörterung. Und Antigone? Mehr reizend und
kindlich-trotzig als mit kühlem Verstand und intellektueller Schärfe
schleudert Christina Drechsler ihre Verzweiflung theatralisch
und exzentrisch der besonnenen Schwester und dem tauben Feind
entgegen; Die bei Brecht prononcierte politische Sicht wird bei ihr
nicht deutlich, denn diese Antigone ist leidenschaftlich, jung und
ungestüm, und beinahe möchte man meinen, aus der Schillerschen Feder
stammend, so romantisch und so todessehnsüchtig. Mit diesen Mitteln
aber kann sie Kreon lediglich bis zur Weißglut erzürnen und nicht zur
fesselnden Auseinandersetzung bewegen, wie es in einer anderen,
spannenden Version jüngst in der Vagantenbühne zu sehen war. Dieses
Mädchen Antigone ist nicht nur dem Tode geweiht, sie fordert ihn
geradezu heraus, um die alte Ordnung zu verteidigen. Es fehlt ihr an
Reife und Reflexion, Diplomatie und allem, was diesen alten Mann
vielleicht hätte umstimmen können, wenn die Götter es denn so gewollt
hätten. Und die Konsequenz ihres Handels wird somit nicht von der Größe
ihrer Persönlichkeit und Geisteshaltung
bestimmt, sondern allein von Liebe (und wohl auch dem Gefühl der
Verlassenheit) getragen. Und das ist immerhin auch ein
bisschen ergreifend. Judith Strößenreuter stellt sich als Ismene und
nachdenklicher Gegenpart dar, die Antigones Schuld auf sich nehmen will,
mitleidend und
mitverantwortlich. Am Ende folgt sie der Schwester in den Tod, stolz und
gemessen, überlegen und in der grundlegenden Gewissheit, ein vorbestimmtes Schicksal
erfüllen zu müssen. Ein Bläserterzett begleitet den Ablauf der Handlung und unterstreicht überwiegend munter mit abgestimmten Arrangements die Bedeutung der verschiedenen Szenen. A.C.
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