Bluthochzeit

von 

Federico Garcia Lorca 

  z.Zt. nicht im Programm

 

"In der Kehle der tote Fluss"

 

  Deutsches Theater 

 

Regie: Konstanze Lauterbach

Bühne: Franz Koppendorfer,

Musik: Achim Gieseler

u.a. mit: Margit Bendokat, Anika Mauer, Robert Gallinowski, Oliver Bassler, Steffi Kühnert (herausragend) 

 

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 Spätestens nach fünf Minuten weiß der Zuschauer: Die Geschichte geht böse aus. Denn mit kassandrischer Vorahnung schwant der in schwarzer Witwentracht verhüllten Mutter (Margit Bendokat) für ihren Sohn böses Unheil. Eine Ehefrau, die schon einmal verlobt war, verspricht nichts Gutes, und so spürt sie folgerichtig in ihrer "Kehle einen dunklen Fluss"... Und mit dem klassischen Schicksalsbewusstsein der griechischen Tragödie sowie einer guten Portion andalusisch-unbeugsamer Tradition greift nun die Inszenierung von Konstanze Lauterbach, Hausregisseurin am Deutschen Theater ins volle theatralische Geschehen.

Dabei bedient sie sich intensiver, wenn auch bisweilen lang gezogener choreografischer und optischer Mittel, um den tödlichen Sinnenrausch einer in starren Konventionen vergrabenen Gesellschaft auf das Publikum zu übertragen. Da tänzeln und strampeln in einer rot ausgeschlagenen fensterlosen Rotunde, die mit seitlich aufgefalteten Stellwänden noch den letztmöglichen Handlungsraum freilässt (Bühnenbild; Franz Koppendorfer), auf Stühlen scheinbar festgenagelte junge Mädchen in unschuldig weißen Kleidchen mit Beinen wie Vögel, denen man die Flügel gestutzt hat. Da stampft die tanzende Hochzeitsgesellschaft in stereotyp sich wiederholenden Figuren, und da knistert die tödliche Spannung wie züngelndes Feuer auf dem mit weißem Papier ausgelegten Boden der Bühne.

Natürlich sind die alten und früh im Witwenstand gealterten Frauen vom hässlichen Schwarz der Trauer gezeichnet - Trauer über verlorene Männer und Söhne, die, dazu erzogen, Rache für jede Art von  Verletzungen der überkommenen Ordnung zu üben, schon früh den Tod fanden. Da sind die noch jungen Mädchen, die es wider besseren Wissens, nicht abwarten können, verheiratet zu werden, um sich aus der Enge des Elternhauses zu befreien und die doch letztlich nur eine Unfreiheit gegen eine andere eintauschen werden.

Doch es sind nicht die Traditionen allein, die auf der männlichen Vormachtsstellung in der Gesellschaft beharren und eine gnadenlose Unterdrückung der Frauen betreiben. Es sind die Frauen selbst, die keine Abweichung von der Norm dulden, die die Außenseiterin hasserfüllt und mitleidlos knechten, dabei ihre eigenen unbefriedigten Sehnsüchte verleugnen, indem sie jegliches Gefühl in sich und für andere abtöten. Sie geißeln Körper, Herz und Seele und verfolgen, Rachegöttinnen gleich, gnadenlos jeden, der sich ihrem Schema nicht unterordnet. Nun hat Lorca in diesem Genre relativ einfache, hochtragische, aber handlungsarme Stücke geschrieben, deren eine in einer überaus schwülstigen Übersetzung dargeboten wird. Deren Schwergewicht versucht eine durchaus leichte Choreografie aufzufangen, und es gelingt ihr auch zeitweise in wunderschönen Bildern, so, wenn beispielsweise die bis in den Tod hinein sich ohne Erfüllung nacheinander verzehrenden Liebenden (Robert Gallinowski, Anika Mauer) miteinander verkettet an einer Schaukel durch den Bühnenraum schweben; begleitet wird diese Szene von schwermütig-dunkler Musik (Achim Gieseler). Das wäre ein sinnvoller Schluss dieser Inszenierung.

Aber leider beginnt nun ein nicht enden wollendes Stöhnen und Schluchzen der beiden Verdammten, die recht real auf den Scherben zerbrochener Tabus in ihren psychischen und leiblichen Tod schlittern. Auch der um seine Braut betrogene Bräutigam (Oliver Bassler) stirbt - es sind die kleinen Messer, die die Andalusier stets griff- und mordbereit in ihrer Westentasche tragen, und denen vielleicht der Außenseiter Lorca selbst im Alter von 38 Jahren zum Opfer fiel. A.C.