Clavigo

von
Johann Wolfgang v. Goethe

 

 

Chaos der Seele

 

 

Maxim Gorki Theater

Regie: Roger Vontobel; Bühne: Claudia Rohner; Kostüme: Dagmar Fabisch; Dramaturgie: Ludwig Haugk; Video / Musik: Immanuel Heidrich   

  Marie Beaumarchais:  Hilke Altefrohne; Clavigo Paul Herwig; Carlos: Gunnar Teuber; Sophie Guilbert  Katja Sieger;  

 

 
  Goethes Jugendstück aus dem Jahr 1774, aus eigenem Zweifel vielleicht entstanden, sicher aber ein zeitgemäßes Sturm- und Drangdrama nach Beaumarchais, erfährt in dieser szenischen Bearbeitung eine wohltuende Kürzung und ein modernes Ambiente, das allerdings nicht immer ganz konsequent ist. Regisseur Vontobel arbeitet mit verschiedenen Elementen, die, wären sie dramaturgisch durchgängig logisch, durchaus zu einer - nicht nur für Schüler - aktuellen und akzeptablen psychologischen Aufbereitung eines zeitlosen Themas führen können.

 Da ist die Hauptfigur, der begabte Dichter und Intellektuelle Clavigo, der, unbedeutend und unvermögend ,vor sechs Jahren von den spanischen Inseln nach Madrid gekommen ist, um sein Glück zu suchen. Er findet es bei Marie, einer großzügigen, warmherzigen spanischen Witwe; doch trotz vieler Liebesbeteuerungen und Heiratsversprechen verlässt er sie, seinem Freund Carlos und dessen Rat folgend, der ihm eine glänzende Karriere in höchsten Staatsämtern voraussagt und ihn von Marie fortlockt. Denn was er für seinen weiteren Aufstieg benötige, sei eine unverbindliche Beziehung mit einer einflussreichen und vermögenden Frau.

 Im Gorki Theater zeichnet Paul Herwig den Goethe'schen Clavigo als gespaltene Persönlichkeit, als konturenloses Porträt eines unsicheren, schnell beinflussbaren, in Selbstzweifeln liebenden und lebenden und wie ein Blatt im Wind sich drehenden Künstlertypus; nicht unsympathisch, durchaus leidensfähig, doch labil und ohne Rückgrat. Unklar bleibt, was den Reiz der Spiels aber erhöht, ob der mürrisch rauchende, destruktiv erscheinende Carlos als sein Alter Ego gesehen werden sollte wie auch die hinter dem Gazevorhang riesengroßen Maskenköpfe gleichermaßen Clavigos als auch Mariens Konterfeie tragen; zuletzt- demaskiert - aber entpuppen sie sich als Carlos und Maries Freundin Sophie. Denn auch Marie wird gespiegelt, indem sie anstelle ihres Bruders, der bei Goethe die verlassene Braut tröstet und ihre Schmach recht drastisch rächt, den ehrlosen Liebhaber mit Klebeband fesselt und erpresst! Das geschieht durch schlichte Kostümveränderung: Indem Hilke Altefrohne den schwarzen Fummel mit dem weißen Brautkleid und verce visa über die braunen Schaftstiefel zieht, spaltet sie ihre Rolle und die Persönlichkeit Maries. Das ist ein bisschen zu viel verdreht und um die Ecken gedacht - und auch schauspielerisch nicht bewältigt. Die Sophie von Katja Sieger - ebenfalls in Stiefeln! warum? - hat eigentlich keine andere Aufgabe als die verlassene Marie zu trösten, sie als neuerliche Braut zu schminken und letztlich Böses vorauszusagen, als der treulose Clavigo Marie zum zweiten Mal verlässt und damit an einen gesellschaftlichen Pranger stellt, der ihr als einzige Ehrenrettung nur den Freitod läßt. Das wird hier recht eindrucksvoll dargestellt- obwohl Sophie's Brechreiz die tragische Konsequenz leider abschwächt.

Clavigo bleibt vernichtet neben der toten Braut zurück, sein Freund Carlos lehnt als Schatten an der Wand, und ganz langsam verlischt das Bühnenlicht. Die Ambivalenz des aufstrebenden Künstlers, seine Unfähigkeit zur altruistischen Entscheidung hat zwei Menschen ausgelöscht und andere zu Trauernden gemacht. Aber Clavigo wird hier nicht verurteilt; denn Paul Herwig durchkämpft ausdrucksstark -mimisch und körperlich - die Tragik eines Menschen, der zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Leidenschaft und Kalkül hin- und hergerissen und dieser existenziellen Zerreisprobe nicht gewachsen sind.

Da hier der auf Familienehre und Rache sinnende Bruder ausgelassen wird, und auch nicht nötig ist, bleibt das Vierensemble ganz auf sich und auf wenige, sich wiederholende klassische Sätze begrenzt; das schafft, wie in diesem Hause mittlerweile üblich, eine Distanzierung vom Dramatischen und gleitet in eine spannungsarme Erzählung über. Das Augenmerk liegt eher auf der Symbolik der musikalischen Einspielungen, von Bühnenbild, Kostümierung und Maskierung. Die Möblierung mit einer den Raum durchziehenden Holzbank und unordentlich verteilten Stühlen ist dann auch sinnbildlich so zu verstehen ist: Hier herrscht Chaos, Unordnung der Verhältnisse, der Sinne, der Seele. Per Videoeinspielung zertrümmert Marie das Gestühl. Ihr Wutanfall zeigt eigentlich ihre Vitalität, mit der sie auf die Treulosigkeit ihres Liebhabers reagiert. Doch wird diese Kraft sie verlassen, wenn er zum zweiten Mal  - nach seiner beinahe wahnsinnigen Selbstverteidigung - sein Wort bricht und flieht - vor der Liebe, dem Mitleid, vor der Verantwortung seines Handelns. A.C.