|
Dantons Tod
von |
Die Robespierres bestimmen den Verlauf der Geschichte
|
|
|
in der Fassung von Petra Luisa Meyer Regie: Petra Luisa Meyer; Bühne: Susanne Füller; Kostüme: Jessica Karge
mit: Moritz Führmann, Carsten
Kochan, Ulrich Rechenbach, Christian Klischat, Helge Sauer,
2. Teil: Eine deutsche Revolution Regie: Carsten Kochan, Bühne: Matthias Schaller, Kostüme: Jessica Karge, Dramaturgie: Michael Philipps mit: Ulrich Rechenbach, Ulla Schlegelberger, Andreas Herrmann, Friederike Walke, Matthias Hörnke, Michael Scherff, Sabine Scholze, Christian Klischat, Peter Pauli, Dirk Hartmann, Hans-Joachim Kokoscha, Holger Sziburies |
Alles in weiß, Unschuld, Heiterkeit, Lebensleichtigkeit. Nach der Revolution. Es erscheinen in gleißender Helligkeit, sich gegenseitig den Vortritt gewährend, zwei junge Männer, der eine mit schwarzer Brille geschützt, der andere herumkaspernd, in der Hand ein kleines Spielzeug: eine Guillotine. Die bewegt Moritz Führmann als reizend unbeschwerter Danton wie ein Kind im rasenden Tempo auf und ab, auf und ab. Die Köpfe rollten in der französischen Revolution. Und nicht zu knapp. Allein Danton verantwortet den Tod von rund 1ooo Menschen, die in der Bastille gefangen gehalten wurden. Jetzt scheint alles vorbei, man könnte regieren, die politischen Verhältnisse verbessern, ein gerechtes Leben führen und seine Annehmlichkeiten genießen, denn die Blutsarbeit ist erledigt. In Dantons Freundeskreis wird gefeiert, man trinkt und flirtet mit schönen Frauen im rosaroten Schein der feudalistischen Prachträume. Doch als die alten Kämpfer Danton und Robespierre Arm in Arm auf dem langen Laufsteg ins Publikum hineinschlendern, wird schnell deutlich, dass hier ein Spiel bereits beendet ist: Hinter Dantons Frohsinn steckt die schwere Last der Schuld, die peinvolle Erinnerung an die unzähligen Opfer; hinter Robespierres dunkler Despotenbrille der steinerne Asket, der aller Lebensfreude abgewandte Machtmensch, der den Feind seiner Ziele in jeder Phase erkennt und um jeden Preis opfern wird. Denn der lagert sich in bedrohlicher Nähe, lebt bereits in Wollust und Wohlstand und gefährdet sein, Robespierres Werk: die totale Herrschaft über eine ungleiche, ungerechte, unvollkommene, dekadente Welt zu erreichen, der sich bereits einige seiner engsten Freunde verschrieben haben, und sie endgültig zu beseitigen.
"Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder"; diese
Erkenntnis hat der junge Georg Büchner vom dem französischen
Revolutionär Pierre Vergniaud übernommen, den Alphonse de Lamartine dann
später in seiner "Historie des Girondins" verewigt hat. Büchner hat sie mit einer unheimlichen Vision für die nächsten
Jahrhunderte prophezeit, und anhand der Französischen und der
missglückten späteren deutschen Revolution ein für allemal an die Wand
der Welt geschrieben. Tobias Rott ist der natürliche Gegenpart Dantons,
dessen Leichtigkeit steht er mit unerbittlicher moralischer Strenge,
aber auch mit einer psychologisch fein grundierten Erklärung für seine
Sprach- und Hilflosigkeit gegenüber, die alle späteren Tyrannen
voraussieht. Doch deren ideologisch einflussreichen Einflüsterer sind
stets blind und fanatisch auf die Macht fixierte
Ratgeber, wie hier der von Henrik Schubert in bösester rhetorischer
Brillanz gespielte Intellektuelle St. Just. Er beherrscht die
diabolische Demagogie, mit der er das Volk auf seine Seite bringt. (sehr
eindrucksvoll ist hier Helmut G. Fritzsch als Vertreter der stets
beeinflussbaren, hysterischen Masse, die heute Hurra schreit, und morgen
die Kreuzigung verlangt! Kunstvolle Methodik und historische Zitate und Abläufe sind geschickt miteinander verbunden und schaffen eine starke Spannung zwischen privater Atmosphäre und politischem Anspruch. Das ist, wenn Ideale sich in ihr Gegenteil verkehren und eine allgemeingültige Ernüchterung über den gespaltenen menschlichen Charakter sowie die Unmöglichkeit einer idealen Gesellschaft offenbaren, immer wieder ergreifend. Büchners Sturm- und Drangbedürfnis mag die Abschiedsszene der verzweifelten Lucile (Nicoline Schubert) entspringen, die in der zu lang gestreckten Tragik verglüht. Auch der Schluss, als Lucile mit dem todbringenden royalistischen Kampfesruf gegen die Mörder ihres Mannes und Verräter der Revolution aufbegehrt, hat nicht mehr die radikale Wirkung, die er haben sollte! Das mag dem naiven Opfergedanken des Dichters entsprechen, der als jugendlicher Feuergeist den Tod romantisch überhöhte. Die Interpretation der für Büchners Zeit ja noch in greifbarer Vergangenheit liegenden Ereignisse, deren Geistesgut in die deutschen Lande übergriff und hier - bei völlig anderen Strukturen und Mentalitäten - vorerst beträchtliches Leid und Unheil anrichtete, wird Unterricht und Abiturientenaufsätze befeuern. Es ist ein geniales Werk eines hochbegabten und gebildeten jungen Dichters, dessen kurzes Leben (Georg Büchner starb 1837 mit 24 Jahren an den Folgen einer Typhuserkrankung in Zürich) und das Schicksal seiner hartnäckigen Mitstreiter in dem nächsten Stück in einer dramaturgisch äußerst naturalistischen Inszenierung dargestellt wird. 2. Teil Im Zentrum steht der feingeistige Pfarrer und Schulrektor Ludwig Weidig, der um sich herum eine Gruppe engagierter Männer gesammelt hat, die gegen die Willkür der Landesherren und die Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern mit Traktaten und Flugblättern aufrufen. Das Leid der Menschen, die der hohnsprechenden Anwendung der Gesetze durch die Organe der Exekutive und der behördlichen Instanzen ausgeliefert sind, ist ein weiterer Anlass, zum Kampf gegen Elend der Unfreiheit gleichermaßen mit Hilfe des Darmstädter Wissenschaftlers, Mediziners und Biologen, Georg Büchner zu verschärfen. Doch Weidig und seine Gruppe werden verraten und jahrlang in Untersuchungshaft gehalten. Ein sadistischer Alkoholiker als Richter wird vor allem Weidig in diesen Jahren quälen und foltern bis zu seinem ungeklärten Tod 1837 (hier steht fest, dass er von Georgi selbst ermordet wurde). Der realistische Theologe allerdings fordert den unberechenbaren Paranoiker in jedem Verhör von neuem heraus, indem er Georgi mit Standhaftigkeit, und der Logik und Schärfe seiner Argumentation geistig in die Enge treibt. Georg Büchner stirbt vier Tage später in der Schweiz, 23 Jahre alt, fern der Freunde, die ihm zum Exil geraten hatten. Anhand der erhalten gebliebenen Gerichtsprotokolle und der persönlichen und historischen Daten Georg Büchners und der Ereignisse in jenen Jahren ist aus dem Roman von Edschmidt jetzt ein stark berührendes Drama entstanden, das den Konflikt zwischen erbarmsloser - und hier krank- und wahnhafter - Obrigkeit und dem freien Geist des unerschrockenen Weltverbesserers erschütternd auf die Bühne bringt - und unzweifelhaft ein Bildnis des wahren Siegers zeichnet. Ulrich Rechenbach ist ein glaubwürdiger, ungestümer, blitzschnell und gescheit denkender Georg Büchner, der in seiner Liebe zu der hübschen Französin Minni (Ulla Schlegelberger) ebenso stürmisch ist wie er für die umstürzlerischen Ideen der alten Gesellschaftsstruktur eintritt. Durch Rechenbachs einfühlende psychologische Ausformung gewinnt Büchners Charakter deutlich an Farbe und Lebendigkeit. Andreas Herrmann ist als Ludwig Weidig ein überaus ernsthafter, liberaler Denker, der die vorhandenen Strukturen nicht mit Gewalt und auch nicht von heute auf morgen, sondern wohlüberlegt, mit diplomatischen und politisch durchdachten Zügen auf dem Schachbrett der Wirklichkeit und nicht gegen die Mächtigen, sondern mit ihnen gemeinsam vorantreiben möchte und sich Büchners brillanten, aber radikalen Formulierungen gern, aber mit Einschränkungen bedient. Dass Michael Scherff als Hofrat Georgi keine Sympathien auf sich ziehen kann, ist klar; aber wie selbstherrlich er regieren und massakrieren darf, das gibt ein höllisches Bild der Justiz in jenen Zeiten und in Gefängnissen wieder, wie es sie erschreckenderweise auch in unserem Jahrhundert in vielen Ländern der Welt noch zu finden sind. Dennoch: Ein die Zeiten überdauerndes Kunstwerk ist nur "Dantons Tod", denn seine in die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte hinüberreichenden Erkenntnisse und Wahrheiten, ihre tiefen psychologischen Analysen und politischen Gesetzmäßigkeiten haben und werden wohl - leider - niemals an Aussagekraft und dichterischer Potenz einbüßen. A.C.
|