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Das Erdbeben in Chili
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Jenseits aller Vernunft
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mit: Monika Lennartz
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Eine bewusst kritische Haltung zur Philosophie Kants, nach der der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen sei und die eigene Erfahrung, das das Leiden der Welt mit der Allmacht Gottes stets im Widerstreit steht, geben dieser Geschichte ihren tieferen Sinn. Die mit eleganter Sprachgewandtheit geformten Spannungsbögen, die Heinrich von Kleist als immer wieder faszinierenden Dramatiker auszeichnen, öffnen sich ganz besonders in dieser hinreißenden Erzählung, der als historische Orientierung das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 gedient haben mag. Es ist auch das Glanzstück der mittlerweile 70jährigen Schauspielerin Monika Lennarzt, die in ihrer vom Publikum immer wieder von großer Empathie begleiteten eindrucksvollen Darbietung mit vornehmer Anmut überzeugt. Ein langer alter Koffer steht auf der kahlen Bühne auf der Seite. Aus ihm zaubert die Erzählerin zuweilen in kurzen Unterbrechungen seltsame Requisiten hervor - einen eleganten Damenschuh, einige gerahmte Bildnisse mit den Portraits der drei Hauptfiguren, einen Eisenstab, eine zarte Bluse, die sie zusammen mit dem Schuh auf dem Rand des Kofferdeckels mit großer Behutsamkeit drapiert, ach ja, und einen kleinen, von Kinderliebe zerzausten Teddybären. Das sind die letzten Zeugen einer großen Tragödie, eine, die Tausende tötete, obdachlos und besitzlos machte, als das Erdbeben ihre Stadt Chili von einer Stunde zur anderen zerstörte, und einer anderen, individuellen Tragödie, die zwei zum Tode verurteilte Liebende wieder zusammenführte, um sie dann endgültig zu Opfern jener Menschen zu machen, die eben noch selbst knapp dem Tode entronnen waren. In einer von der Kirche geschürten Hassorgie gipfelte das ohnmächtige Unverständnis der blindwütig rasenden Masse in unmenschlicher Gewalt, um sich von der von Gott auferlegten Naturkatastrophe zu befreien. Kleist hat durch seine völlig unaufgeregte, abseits stehende Betrachtungsweise zwei starke dramatische Elemente miteinander verknüpft, und einem verheerenden Naturereignis das Ungeheuer Mensch gegenübergestellt. Monika Lennartz plaudert so lebhaft wie eine maghrebinische Märchenerzählerin, schlägt mit geschickten, kunstvoll gesetzten Akzenten die Nachbarin, die Bekannte, der sie dies Ereignis mitteilt, völlig in ihren Bann, so wie der neueste Klatsch über ein aufregendes Schicksal immer wieder erfreulichen Anlass zum regen Gedankenaustausch liefert. Aber während sie so wirkungsvoll jedem Wort mit lebhaftem Mienenspiel seine Bedeutung verleiht, türmen sich bereits, steil wie schwere Gewitterwolken im Hintergrund, die verschiedensten Gefühle auf: Wir leiden mit dem jungen Liebespaar, das von frömmelnden Fanatikern verfemt wird, die sich zur Zeit der frühen Inquisition von den dogmatisch unbarmherzigen Dominikanern beeinflusst sahen - und wir jubeln trotz der unheilvollen Zerstörung der Stadt insgeheim mit der glücklich vereinten Familie, Jeronimo, seiner Josephe und ihrem Baby. Wir freuen uns über die Güte und Großherzigkeit der Freunde, die sich der Geächteten auch in ihrer eigenen Not weiterhin annehmen, und wir können es kaum ertragen, als sich der scheinbare Dankgottesdienst in der vom Erdbeben verschonten Kirche der Stadt jäh in ein infernalisches Tribunal verwandelt. Der sprachlich seiner Zeit angepassten, reizvoll verschnörkelten Sachlichkeit haucht Frau Lennartz aufregende Gegenwärtigkeit ein, scheinbar sich hin und wieder besinnend, wie denn nun der Fortlauf dieser dramatischen Ereignisse gewesen sei und damit den Zuhörer hypnotisierend, der des Fortgangs ungewiss, in eben jener Gefühlsanspannung verharrt, die ihn - wie hinter einer gläsernen Wand - erschüttert und ergreift. A.C.
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