Das Gastmahl nach Platon |
Diätversion unter der Dusche
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Aufführungsort: Stadtbad Oderberger Straße
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Das Vergnügen ist leider von nur kurzer Dauer, denn dem Zuschauer wird vom Gorki-Ensemble anstelle eines geistig üppig ausgestatteten Menus nur eine gut einstündige Schmalspurfassung des berühmten "Gastmahls", das als Platons (427-347 v. Chr.) Meisterwerk gilt, angeboten. Diese auf verschiedenen Erzählebenen angesiedelte Ideenlehre des großen Philosophen umkreist die Frage "nach dem Wesen der Liebe". In sieben Lobreden auf Eros, den Gott der Liebe, lässt Platon seine illustren Gäste in brillanter literarischer Form um die beste Darstellung ringen. Höhepunkt der vielseitigen, aus in einem Kreis von Dichtern und Denkern des damaligen Athen dargebotenen Auffassungen des Eros, bildet die glanzvolle Rede Sokrates, der in einer umfassenden Analyse des wahrhaft Schönen und Guten den stufenreichen Weg zur Vollendung des Lebens aufzeigt. Für die Diätversion haben Stephan Müller und Karl-Heinz Ott im Wesentlichen lediglich drei Gänge genehmigt: Müller, der auch Regie führt, lässt den Tragödiendichter Agathon (Gilles Tschudi), zu dessen Ehren man dieses Fest feiert, seine Hymne auf Eros temporeich in Kurzfassung heruntersagen. Auch der bekannte Mythos von der Urform des Menschen, vom Komödiendichter Aristophanes (Burghard Klaußner) sicher nicht ohne spöttischen Hintersinn der Runde vorgestellt, bleibt ohne seinen betörenden Effekt: dass nämlich einst der Mensch als zweigeschlechtliches unteilbares Ganzes in Kugelform über die Erde rollte oder hüpfte (immerhin besaß dieser Urmensch ja alle Gliedmaßen in doppelter Ausführung) und mit seiner glückseligen Zufriedenheit den Zorn der Götter heraufbeschwor, die derartige Eintracht in ihrer göttlichen Zwieträchtigkeit nicht dulden wollten, ist doch ein prachtvoller Gedanke, den es wahrlich auszukosten gilt! Denn seit jener Zeit sucht Eros sehnsuchtsvoll die Ergänzung seines Ichs... Nach albernem Fitness-Gehopse der Männer rund um den Beckenrand des alten Stadtbads an der Oderberger Straße in Prenzlau, wo dieses Symposion im trockenen Schwimmbecken stattfindet, folgt sodann die Rede Sokrates. Aber Alexander Lang darf nicht feinsinnig die Wege und Spuren markieren, die, von einem sehr viel früheren Gespräch der Diotima mit dem jungen Sokrates ausgehend, diesen schließlich über die Gedankengänge seiner Freunde zum eigenen Gipfel der Erkenntnis führen - sondern er muss die nach Wahrhaftigkeit sich vortastenden Logismen drohend und donnernd auf die eingeschüchterten Freunde herabschleudern. Wo bleibt da Eros, der als ein gütiger Dämon aus dem menschlich-göttlichen Zwischenreich zum Symbol einer Sehnsucht nach dem Vollkommenen, nach einer "Zeugung im Schönen", sein wahres Wesen entfaltet? Dass dann der stürmische Auftritt des Feldherrn Alkibiades, eine Zeit lang geliebter Schüler Sokrates`, von allen Darstellern abwechselnd erzählerisch erinnert wird, erweist sich leider nicht als werkgetreuer Kunstgriff; denn Alkibiades, nun verschmähter Liebhaber, macht zwar seiner Enttäuschung wortreich Luft, doch zeigen seine leidenschaftlichen Attacken letztlich seine liebevolle Verehrung für Sokrates. Warum seine Rede dann als wüstes Geschrei gegen die bröckelnden Badwände geschmettert wird, bleibt ebenso unverständlich wie wirkungslos. Danach zerbricht nun die Disputierrunde, um einem von Alkibiades angesetzten Trinkgelage Platz zu machen, was nur Sokrates unbeschadet übersteht, der trotz mangelnden Schlafes frisch am frühen Morgen ins "echte" Bad wechselt. In weiteren Rollen der als hochkarätig bekannten Schauspieler des Gorki Theaters, die hier eine nur noch fragmentarische Version einer ebenso phantasievollen Philosophenrunde aufsagen müssen: Als Arzt und Gesprächsführer Eryximanos: Thomas Bischofberger, als Phaidros, Lieblingsschüler des Sokrates: Jeremy Silverstein und Gerd Bessler (Musik)) Man hätte gut daran getan, sich an die von innerer Spannung getragene Gastmahl-Fassung der alten Schaubühne zu erinnern, die vor wenigen Jahren in der Probebühne an der Cuvrystraße zu sehen war. Hier empfiehlt es sich nun, um Enttäuschungen vorzubeugen oder auszugleichen, Platon selbst zu lesen. Das Vergnügen ist von längerer Dauer. A.C. |