Das letzte Band

von
Samuel Becket

 

 

Was vom Leben übrig blieb

 


Deutsch von Erika und Elmar Tophoven

Inszeniert von B.K. Tragelehn und gespielt von
 Josef Bierbichler

Schaubühne am Lehniner Platz

 

 

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Seit zweieinhalb Jahren ist Josef Bierbichler in "Das letzte Band" - der Lebenserinnerung eines alten Mannes namens Krapp, in vielen deutschen Theatern, und immer wieder, auch in der Schaubühne zu erleben - als ein faszinierendes Zeugnis der Langsamkeit. Wie Bierbichler hier in allerlei Nuancen Krapps minutenlanges Schlurfen auskostet, wie er beim Zusammentragen der Requisiten für die Lebensbilanz des Alten den Zuschauer stumm auffordert, die schwierigen gedanklichen Schritte eines beinahe zu lang gelebten Lebens mit zu vollziehen, wie sein  Krapp mit der wirren weißen Einstein-Perücke hin und wieder seinen Schalk verrät, wenn seine Füße beinahe wie der ewig über den Tigerkopf stolpernde Butler in immer neuen Anläufen die Treppenstufen hinaufstoßen und hinuntertasten - das ist schon ein zwiespältiger und absurder Spaß!
 Und wieder ist es die Banalität des müde und hinfällig gewordenen Alters: wenn der Mann hinter der schmalen schwarzen Wand unterhalb der Treppe in seiner Rumpelkammer, wo der Wasserhahn tropft und gluckst, nach und nach seine Utensilien hervorkramt - einen alten Fernseher, eine Videokamera und einen Kassettenrekorder - und mühsam ächzend auf das Podium schleppt, dann ist das eine bittere Groteske, die absurd wäre, wenn Krapp nicht alles so ernst, gewissenhaft, pedantisch ordnete wie die losen Kabel, die er irgendwie passend zusammenfummelt. Zwischendurch tastet er sich in die endlos lange Schublade des altertümlichen TV-Tisches hinein und klemmt sich beim Kramen und Suchen immer wieder selbst den Arm ab. Das Ergebnis der Suchaktion ist im Text vorgeschrieben: denn wenn sich der Körper gegen das Lebendigsein wehrt, versagen seine Funktionen - und Bananen sind die einzige Kost, die Krapp wohl noch zu sich nimmt, dies allerdings äußerst lustvoll, genießerisch und genüsslich.
 Eine halbe Stunde lang baut und bastelt er mit verkniffenem Gesicht hochkonzentriert an seiner Installation herum, bis es schließlich gelingt: was er vor 30 Jahren selbst sprach und filmte, flattert über den Bildschirm, kommt zur Ruhe, wird zum Bildnis seiner Selbst vor langer Zeit, als er die Bilanz seines Lebens in gedanklich zerhackten, doch einprägsamen Momenten auf eine Videokassette sprach. Jetzt hockt er als ein alter, gebeugter Mann seitlich vor dem Apparat, das Gesicht halb seinem jüngeren Konterfei zugewandt, dessen Worte Bierbichler durch die Sprache seines Körpers kommentiert, nickend, lachend, missbilligend oder bestätigend. Dann greift er selbst ein, murmelnd, nuschelnd, nörgelnd, setzt zurecht, was nicht die Zukunft verändert hat, überträgt sein nun merklich älteres Konterfei auf den Bildschirm, rückt den Gesichtsausschnitt zurecht und motiviert die letzten grauen Zellen, der Erinnerung zu folgen - aber da kommt nichts mehr, es ist nichts hinzufügen. Und so verweilen beide - der jüngere und der Alte in ein- und derselben für immer festgehaltenen inneren Aufnahme, die ihr Leben für kurze Augenblicke in Wellen der Sinnlichkeit, der lebendigen Erfahrung vollkommener Hingabe und Verschmelzung mit Mensch und Kosmos tauchte und dem Dasein einen Sinn gab: Das zarteste Liebesraunen, frei von jedem Pathos, das in tiefster, unendlicher, zeitloser Ruhe nachhallt als ein Augenblick  des absoluten Glücks bis zu Krapps letztem Atemzug. A.C.