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Der Kirschgarten von Anton Tschechow (1860-1904) |
Der Untergang des Hauses Ranjewskaja
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Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Paul Lemp, Dramaturgie: Jens Hillje, Licht: Carsten Sander mit: Bibiana Beglau, Eva Meckbach, Elzemarieke de Vos, Kay Bartholomäus Schulze, Bruno Cathomas, Mark Waschke, Steffi Kühnert, Erhard Marggraf, Stefan Stern sowie vielen Partygästen
Das ist ja letztlich
immer wieder das zentrale Thema Tschechows: der Untergang der
Feudalherrschaft, die sich generationenlang der armen Landarbeiter
(Leibeigenen!) bediente und ein ausschweifendes Leben führte. Ihr
Dasein war bestimmt von Festen, Landausflügen, Liebesintrigen,
Theaterbesuchen, hier und da auch mal ein Abstecher in die Politik, doch
meistens genügte das Geld, das die tüchtigen und oft korrupten Verwalter
einbrachten, um sorgenfrei in den Tag hinein zu leben. Doch der Preis,
den dieses vergnügliche Leben fern aller Verantwortung forderte, war zum
Schluss horrend: totale Verarmung und Langeweile.
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Es war Tschechows letztes Stück und wurde bei seiner Erstaufführung 1904 in Moskau nicht sehr positiv von der Kritik aufgenommen. Heute ist es eine der meistgespielten Komödien des russischen Arztes und Dichters, viel analysiert, oft modern inszeniert, geistreich und wahrhaftig, vor allem aber vielschichtig in der Ausleuchtung der individuellen Charaktere und der gesellschaftlichen Verhältnisse. Nun hat Falk Richter sich der Interpretation des "Kirschgarten" angenommen und eine furiose und phantasievolle Inszenierung eingebracht, die allerdings nach der Pause leicht ermüdend wirkt und bis auf die geisterhafte Abschiedsparty, die der untergehende Gutsherren-Clan wie im Todeskampf feiert, nicht mehr viel Neues bringt. Beinahe schon horrorartig könnte man diesen stummen Tanz wahrnehmen, in dem sich hinter den breiten schwarzen Wandstützen vor dunklen Spiegeln die Menschen beinahe lautlos bewegen. Sie treten auf der Stelle, und das ist mehr als moderner Beat, das ist das Symbol für die Unmöglichkeit einer Epoche und ihrer Gesellschaft, sich noch in irgendeiner Weise voran zu bewegen. Wo die Mitte, ein Kompromiss zwischen radikaler "Abholzung" des Kirschgartens und einer behutsamer Veränderung bzw. Erneuerung liegen könnte, dafür bringt Tschechow in all seinen Dramen immer wieder eine Außenseiterfigur ins Spiel, der von Anbeginn bereits den Makel der Antriebsschwäche und Tatenlosigkeit in sich trägt: den Lehrer, den Dichter, den Arzt oder Intellektuellen, die verlottert und verhärmt, aber voller Idealismus, ihre hohen Ansprüche mit kritischem Bewußtsein und psychologischem Durchblick glänzend zu formulieren verstehen, aber nicht begreifen, dass sich große Ideen und Ziele nicht nur im Appell an die Anderen verwirklichen lassen, sondern den eigenen Einsatz erfordern. Für Mark Waschke, der hier den ewigen Studenten und unentschlossenen russischen Typus personifiziert, der mit reichem Wortschatz, manchen Wahrheiten und vielen Phrasen den Himmel des Postkapitalismus erwartet, ist dies ein glänzender Part. Für diese
Inszenierung hat Katrin Hoffmann die breite lange Bühne vollkommen in
Flokati-Teppiche gehüllt, die unter sich auch den Rest der wohl schon ausverkauften
Möbel begraben und nun eine Tummelwiese für die aus Paris heimkehrende
Familie darstellt, die das Gut während ihrer sorglosen Abwesenheit der
Halbtochter überließ. Heimgekehrt, voller Glückseligkeit und in gewohnt
aristokratischer Geldnot, kann jedoch niemand begreifen, dass Haus und
Kirschgarten schon bald zur Tilgung der immensen Schulden verkauft
werden soll. Dem wohlgemeinten Vorschlag des Kaufmanns Lopachim, die
alten Kirschbäume abzuschlagen und auf dem Land einen profitablen
Freizeit- und Ferienpark zu errichten, quittiert die Familie nicht nur
mit Erstaunen, sondern mit blankem Entsetzen und Hohn. Immer wieder
erscheint Lopachin in ihrer feuchtfröhlichen Runde, in der man sich in
meditativen Zen-Sessions und hingegebenen Ruhepausen auf den
Felltürmen in eine irreale Welt flüchtet, um die Familie an den
sich nahenden Termin der Versteigerung zu erinnern!. Und damit kein
Zweifel an dem kapitalistischen Coup aufkommt, läßt der Regisseur dem
Lopachim-Darsteller Bruno Cathomas keine Chance, irgendwie sympathisch
zu wirken: ständig albern kichernd, sich selbst als dummen Bauern
darstellend, unsicher und verlegen, unbeschreiblich in seiner
Einfalt und gleichzeitig doch gütig-verstört und wohlmeinend, begreift
er nicht, wie sehr ihn die Herrschaft verhöhnt und missverstehen will!
Und noch weniger, dass diese trink- und feierfreudige Runde von
Menschen, der er die Schuldenlast und noch mehr abkaufte, sich weigert,
mit ihm den Kaufabschluss gemeinsam zu feiern. Denn nun hat er, dessen
Vater noch Leibeigener war, das Gut erwerben können - ein Emporkömmling,
ein Außeneiter ihrer globalen Feudalgemeinschaft - durch eine ihnen
völlig fremde Fähigkeit: mit Geld zu arbeiten.
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