|
Der Menschenfeindvon Hans Magnus Enzensberger
|
Wer kann die Wahrheit schon ertragen?
|
|
| 2006
Regie: Martin Woelffer; Bühne: Anja Wegener; Kostüme: Anja Niehaus; mit: Thomas Schendel, Alceste; Adisat Semenitsch, Célimène; Manon Straché: Arsinoé; Hans-Jürgen Schatz: Acaste; Matthias Zahlbaum: Philinte; Angela Schmid-Burgk: Élinate; Wilfried Hochholdinger: Oronte; Henry Mandzik: Clitandre
|
Wohl wahr. Dennoch oder gerade deshalb ist das Spiegelbild, das Enzensberger in einer köstlich-witzigen modernen Übersetzung präsentiert, stets von neuem betrachtens- und bestaunenswert. Und obwohl diese Komödie doch eigentlich arg am Rand des Tragischen spielt - und auch das ist mit dem ungeschützten gefährlichen Dachplatz signalisiert und symbolisiert - verstehen sich der Dichter und sein Übersetzer auf die Kunst, das Wüten des Einen, Unbestechlichen, gegen die Arroganz einer heuchlerischer Elite mit einer gehörigen Portion Humor zu zeichnen. Zudem noch im wunderbaren Versmass, dass im Reim einen hintergründigen Spott und eine tief greifende Analyse offenbart.
Doch Alceste größtes Leid ist die
Eitelkeit und offensichtliche Untreue, sind der Charme und
der erotische Reiz der umschwärmten Partyqueen Célimène, der
Adisat Semenitsch mit ihrem Temperament und dunklem Liebreiz ein außerordentlich verführerisches
Flair verleiht. Sie versteht es, den blind verliebten, vor Eifersucht rasenden
und in Weltekel sich schüttelnden Alceste geschickt hinzuhalten, denn schließlich
steigt ihr gesellschaftliches Ansehen mit der Zahl der Lover.
Manon Straché schießt als Arsinoé - Liebhaberin ohne Chancen - in Engelswatte verpackte Giftpfeile treffsicher gegen die "beste Freundin" Célimène, die diese geschickt zu parieren versteht, bis sich schließlich beide an die Gurgel gehen. Somit ist das Ganze wirklich kein fröhliches Spiel, was sich da oben abspielt und Alcestes Wut und Schwermut überaus verständlich macht. Aber gibt es einen Ausweg für einen, der an unserer Menschheit verzweifelt und schließlich zerbricht, als die Geliebte sich gegen ihn und seine Emigration entscheidet, weil sie lieber ein flottes Partyleben führen möchte? Molière kannte einen Ausweg: Er schickte seinen Alceste in die Einsamkeit - und der Dichter selbst, was tat er mit dieser Erkenntnis? Der Philosoph siegte über den Misanthrop. Denn er hielt den Menschen weiterhin, schreibend und spielend, den Spiegel vor - und er gewann Unsterblichkeit! A.C.
|