Aus dem Schwedischen von Heiner Gimmler
Berliner
Ensemble
mit: Dagmar Manzel, Christina Drechsler, Ruth
Glöss, Angelika Ritter, Roman&Gregor Dashuber, Dieter Mann, Götz
Schubert
Inszenierung: Thomas Langhoff, Bühne und Kostüme:
Stefan Hageneier, Musik: Hans-Jörg Brandenburg, Dramaturgie: Nora Giese
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August Strindbergs 1900 entstandenes Drama "Der Totentanz" gilt heute
als Urdrama aller tiefenpsychologisch ausdeutbaren Ehedramen und
zugleich, in seiner surrealistischen Ausformung, als Vorbild für
Ionesco's und Beckett's absurdes Theater. Wer die Vita von Strindberg
nachliest, wird erfahren, dass er seine eigenen drei Ehehöllen
therapeutisch kunstvoll auf- und nachgearbeitet und die Hauptursachen
- Wahn und Überempfindlichkeit - in eine distanzierte
Allgemeingültigkeit gestellt hat. Er hat sein
eigenes Fehlen, seine Eifersucht, seinen Hochmut, seinen Jähzorn,
seinen Verfolgungswahn, seine Menschenverachtung, seinen Zorn - alles
sich formend aus einem tief wurzelnden Gefühl der Minderwertigkeit und
damit Überkompensation - äußerst scharf und schonungslos in der
Figur von Edgar gezeichnet.
Das bekannteste Stück aus seinem
umfangreichen Werk ist "der Totentanz", dessen Titel sich nur so
verstehen läßt, als dass sich hier ein Ehepaar seit 25 Jahren aufs
Messerschärfste bekämpft, begeifert, beschmutzt, einen permanenten
seelischen Stellungskampf austrägt. Alice und Edgar - Sie, eine
verhinderte Schauspielerin, Er, ein glückloser und degradierter
Artilleriehauptmann - leben symbolhaft in einem engen Turm auf
einer Insel, die die Leute die "Kleine Hölle nennen". Dort, wo sie es
mit allen Einwohnern gründlich verdorben und zuletzt auch noch ihr
Personal vergrault haben, leben die beiden, geistig und körperlich
halb verhungert, seelisch zerbrochen; ihre Liebe,
die sie vor 25 Jahren zusammengeführt hat, ist einem abgrundtiefen
Hass gewichen. In ihr tägliches
gewohntes Wortduell schneit plötzlich Alice's Cousin Kurt herein, der
als Quarantänemeister auf das Eiland versetzt ist und nun den beiden
lediglich einen Höflichkeitsbesuch abstatten will. Doch er wird
hineingerissen in diesen "giftigen Morast", in dieses hässliche Spiel
um um den wechselweisen Sieg des einen über den anderen. Er fühlt sich
in seiner Gutmütigkeit anfänglich voller Mitleid zu Alice hingezogen, dann wieder zu Edgars inszenierter
Schneidigkeit. Zum Schluss, von beider Bösartigkeit jäh
ernüchtert, entflieht er diesem Wahnsinn, der auch ihn zu vernichten
droht...
Thomas Langhoff hat nun mit einem meisterlichen Ensemble
deutlich die absurde Seite dieses Dramas hervorgehoben und auch Sartre's
ausweglose Beziehungsapokalypse "Die Hölle - das sind die anderen"
zugunsten einer distanzierten Betrachtungsweise psychopathischen
Verhaltens in den Hintergrund gerückt. Er läßt die Darsteller mit
ihrer eigenen Persönlichkeit dieses Stück ausformen; und diese - Manzel,
Mann und Schubert -geben dem Betrachter eine Perspektive, aus der
heraus er die Personen des Stücks mit einer distanzierten Mitleidigkeit
wahrnehmen kann.
Dagmar Manzel ist Alice, eine attraktive Frau mit bissigem
Zungenschlag und kaum verborgener Vitalität, die die ihr geschlagenen
Wunden mit Hass und Rache zu heilen versucht. Und Dieter Mann
stolziert mit dem würdevollen Eigensinn eines Militärs in hohen schlanken
Schaftstiefeln im runden Raum herum, rastlos, lauernd, lungernd, als
ob es da nicht doch noch eine Möglichkeit gäbe, den Feind endgültig zu
besiegen. Er ist vor allem aber ein Zyniker, der sein
Scheitern in Menschenverachtung verdreht hat - mit Blindheit für die
eigenen Schwächen geschlagen. Ein stolzer, zäher Typ, ein begabter
Tänzer, aber grundsätzlich ein Misanthrop wie er im Buche steht; zwar
alt und krank, von Herzattacken jäh überfallen, trotzt er den Anfällen
wie den Ärzten, die ihn auch schon nicht mehr besuchen wollen, und ersinnt
immer wieder neue Bösartigkeiten und Möglichkeiten, um Alice und
Kurt zu vernichten.
Der atmosphärische Umschwung erfolgt
gleichsam mit den sich verdichtenden Herzanfällen; Die Situation wird spürbar
bedrohlicher, aber Edgar überspielt sie - ein Täuscher
und Trickser lebenslang, man weiß nicht so recht, wann und ob er simuliert, um
Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erheischen und seine Fallstricke
auszulegen!!
Götz Schubert
kann trotz seiner stattlichen Größe und Ausstrahlung diesen Cousin
jämmerlich klein und unsicher machen: Selbst emotional ungefestigt,
verfällt Kurt rasch dem bösen Zauber dieses Paares und verstrickt sich
in seiner eigenen unbewältigten Vergangenheit. Vielleicht sind alle
Drei ein wenig zu stark für diese Strindberg'schen armseligen
Menschlein. Und so geben sie ihnen am Ende, als alles Porzellan
zerschlagen, auch der letzte Freund verjagt ist und die
Hoffnungslosigkeit ihrer Einsamkeit sie ermattet niedersinken läßt,
unser Beileid mit auf den Weg. Ob aber diese amüsante Mixtur aus
absurdem Theater und psychologischem Realismus
zu einer tiefen Verinnerlichung führt, bleibt fraglich - in
diesem Fall
aber garantiert sie einen interessanten Theaterabend. A.C.
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