Der Totentanz 

von
August Strindberg
(1840-1912)

 


Kämpfen - bis der Tod sie scheidet

 


Aus dem Schwedischen von Heiner Gimmler

Berliner Ensemble

mit: Dagmar Manzel, Christina Drechsler, Ruth Glöss, Angelika Ritter, Roman&Gregor Dashuber, Dieter Mann, Götz Schubert

Inszenierung: Thomas Langhoff, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Hans-Jörg Brandenburg, Dramaturgie: Nora Giese

 

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August Strindbergs 1900 entstandenes Drama "Der Totentanz" gilt heute als Urdrama aller tiefenpsychologisch ausdeutbaren Ehedramen und zugleich, in seiner surrealistischen Ausformung, als Vorbild für Ionesco's und Beckett's absurdes Theater. Wer die Vita von Strindberg nachliest, wird erfahren, dass er seine eigenen drei Ehehöllen therapeutisch kunstvoll auf- und nachgearbeitet und die Hauptursachen - Wahn und Überempfindlichkeit - in eine distanzierte Allgemeingültigkeit gestellt hat. Er hat sein eigenes Fehlen, seine Eifersucht, seinen Hochmut, seinen Jähzorn, seinen Verfolgungswahn, seine Menschenverachtung, seinen Zorn - alles sich formend aus einem tief wurzelnden Gefühl der Minderwertigkeit und damit Überkompensation - äußerst scharf und schonungslos in der Figur von Edgar gezeichnet.

Das bekannteste Stück aus seinem umfangreichen Werk ist "der Totentanz", dessen Titel sich nur so verstehen läßt, als dass sich hier ein Ehepaar seit 25 Jahren aufs Messerschärfste bekämpft, begeifert, beschmutzt, einen permanenten seelischen Stellungskampf austrägt. Alice und Edgar - Sie, eine verhinderte Schauspielerin, Er, ein glückloser und degradierter Artilleriehauptmann - leben symbolhaft in einem engen Turm auf einer Insel, die die Leute die "Kleine Hölle nennen". Dort, wo sie es mit allen Einwohnern gründlich verdorben und zuletzt auch noch ihr Personal vergrault haben, leben die beiden, geistig und körperlich halb verhungert, seelisch zerbrochen; ihre Liebe, die sie vor 25 Jahren zusammengeführt hat, ist einem abgrundtiefen Hass gewichen. In ihr tägliches gewohntes Wortduell schneit plötzlich Alice's Cousin Kurt herein, der als Quarantänemeister auf das Eiland versetzt ist und nun den beiden lediglich einen Höflichkeitsbesuch abstatten will. Doch er wird hineingerissen in diesen "giftigen Morast", in dieses hässliche Spiel um um den wechselweisen Sieg des einen über den anderen. Er fühlt sich in seiner Gutmütigkeit anfänglich voller Mitleid zu Alice hingezogen, dann wieder zu Edgars inszenierter Schneidigkeit. Zum Schluss, von beider Bösartigkeit jäh ernüchtert, entflieht er diesem Wahnsinn, der auch ihn zu vernichten droht...
Thomas Langhoff hat nun mit einem meisterlichen Ensemble deutlich die absurde Seite dieses Dramas hervorgehoben und auch Sartre's ausweglose Beziehungsapokalypse "Die Hölle - das sind die anderen" zugunsten einer distanzierten Betrachtungsweise psychopathischen Verhaltens in den Hintergrund gerückt. Er läßt die Darsteller mit ihrer eigenen Persönlichkeit dieses Stück ausformen; und diese - Manzel, Mann und Schubert -geben dem Betrachter eine Perspektive, aus der heraus er die Personen des Stücks mit einer distanzierten Mitleidigkeit wahrnehmen kann.
Dagmar Manzel ist Alice, eine attraktive Frau mit bissigem Zungenschlag und kaum verborgener Vitalität, die die ihr geschlagenen Wunden mit Hass und Rache zu heilen versucht. Und Dieter Mann stolziert mit dem würdevollen Eigensinn eines Militärs in hohen schlanken Schaftstiefeln im runden Raum herum, rastlos, lauernd, lungernd, als ob es da nicht doch noch eine Möglichkeit gäbe, den Feind endgültig zu besiegen. Er ist vor allem aber ein Zyniker, der sein Scheitern in Menschenverachtung verdreht hat - mit Blindheit für die eigenen Schwächen geschlagen. Ein stolzer, zäher Typ, ein begabter Tänzer, aber grundsätzlich ein Misanthrop wie er im Buche steht; zwar alt und krank, von Herzattacken jäh überfallen, trotzt er den Anfällen wie den Ärzten, die ihn auch schon nicht mehr besuchen wollen, und ersinnt immer wieder neue Bösartigkeiten und Möglichkeiten,  um Alice und Kurt zu vernichten.
Der atmosphärische Umschwung erfolgt gleichsam mit den sich verdichtenden Herzanfällen; Die Situation wird spürbar bedrohlicher, aber Edgar überspielt sie - ein Täuscher und Trickser lebenslang,   man weiß nicht so recht, wann und ob er simuliert, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erheischen und seine Fallstricke auszulegen!!  
Götz Schubert kann trotz seiner stattlichen Größe und Ausstrahlung diesen Cousin jämmerlich klein und unsicher machen: Selbst emotional ungefestigt, verfällt Kurt rasch dem bösen Zauber dieses Paares und verstrickt sich in seiner eigenen unbewältigten Vergangenheit. Vielleicht sind alle Drei ein wenig zu stark für diese Strindberg'schen armseligen Menschlein. Und so geben sie ihnen am Ende, als alles Porzellan zerschlagen, auch der letzte Freund verjagt ist und die Hoffnungslosigkeit ihrer Einsamkeit sie ermattet niedersinken läßt,   unser Beileid mit auf den Weg.  Ob aber diese amüsante Mixtur aus absurdem Theater und psychologischem Realismus zu einer tiefen Verinnerlichung führt, bleibt fraglich - in  diesem Fall aber garantiert sie einen interessanten Theaterabend. A.C.