Der zerbrochene Krug

von
Heinrich von Kleist

 

 

Brandauer - Klaus Maria Superstar!

 

 

Berliner Ensemble

Regie: Peter Stein

Bühnenbild: Ferdinand Würgerbauer

 

mit: Tina Engel, Larissa Fuchs, Ilse Ritter, Marina Senckel, Ninja Stangenberg, Klaus Maria Brandauer, Roman Kanonik, Kinkel, Michael Rotschopf, Schäfer, A. Seifert, M. Seifert

Eva und Adam vor dem Sündenfall; die Geschichte des Dorfrichters, der sich selbst überführte. In großartiger Besetzung!

 In einer späteren Aufführung allerdings zeigten sich die Schauspieler von einer anderen Seite: Brandauer als Richter Adam war nach sechs Monaten Aufführungszeit zu einer rein komödiantischen Darstellung übergegangen, während seine Mitspieler stärker an Profil gewonnen hatten. Herausragend diesmal Gerichtsdiener Licht und Bräutigam Ruprecht! Alles in allem war man nun zur reinen Comedia dell'arte gelangt, bis auf Tina Engel, die weiterhin furios als Racheengel durch die Gerichtsszenen tobte. Gerichtsrat Walter, der sich weiterhin als sanftmütiger Revisor von einer wertfreien Seite zeigte und die Undurchschaubarkeit der Obrigkeit, die ja Kleist bekanntlich arg zu schaffen gemacht hatte, präsentierte sich weiterhin in freundlichster Maske. Diesmal zeigte ein jeder den Teufel, der ihm steckt. Aber es war nicht so beeindruckend.

 
  Was ist denn das - ein neuer, alter Realismus in der Inszenierung von Peter Stein? Nein, nur ein altes Genrebild, ein Kupferstich des französischen Künstlers Le Veaus, "La Cruche cassée", der einst auch Kleist zu dieser Tragikomödie beflügelte, und das der Altmeister der Regiekunst jetzt eben zum Bühnenbild machte. Im frühen Morgendunst stieben aufgescheuchte Hühner durch die halbdunkle Wohn- und Amtsstube des Dorfrichters Adam, zwei Mägde in hellen Kleidern und artigen Häubchen scheuchen die Viecher zur Tür hinaus, und der Schreiber mit dem bedeutsamen Namen Licht öffnet das bleiverglaste Fenster, durch das milchige kalte Nebelschwaden hereindringen und einen kostbar dekorierten Schreibtisch umhüllen. Und da schlurft eine weitere Gestalt mit kaum umrissenen Konturen herein, hinkend, stöhnend, fluchend wie ein Bierkutscher, noch kaum angekleidet. Das weiße Nachthemd knittert sich am Körper herunter, am nachgezogene Bein klafft eine blutige Wunde, und auch auf dem kahlen Kopf und am Auge zeigen sich böse Blessuren: Klaus Maria Brandauer als selbstherrlicher Dorfrichter Adam ist da und wird die Bühne fortan beherrschen!

Aus dem Bett gestolpert, ekelig an den Ofen gefallen, dann noch am Ziegenbock aufgespießt, sei er, raunzt der Richter. Der Schreiber verzieht das Gesicht. Er mag es kaum glauben. Später wird sich herausstellen, das er bereits vermutet, was wirklich geschehen ist. Doch noch heuchelt er mitleidige Verwunderung, bestaunt das frühe Unglück, dass dem Richter zugestoßen ist und läßt den Leidenden gleich an einem weiterem Schicksalsschlag granteln und knurren: Gerichtsrat Walter aus Utrecht hat seine Revision für den heutigen Tag angesagt, im Nachbardorf hat er bereits den Amtsrichter vom Dienst enthoben, und der wollte sich wegen bewiesener Veruntreuung aufhängen. Ein Bauer hat die Nachricht schon übermittelt; Die Mund-zu-Mund-Post funktioniert auf dem platten niederländischen Lande gut, offensichtlich besser als die Rechtsprechung, die Heinrich von Kleist hier in genialer Konstruktion, mit hinterhältigem Humor und bester Einsicht in die Materie in einem unvergleichlichen Lustspiel verewigt hat.

Schwer und unbeholfen zwingt dieser Dorfrichter seinen lädierten Körper in Hosenbeine, Rock, Weste und schwere Schuhe und scheucht die Mägde wie diese zuvor ihre Hühner, ordert Brot und Würste, die in der Registratur wohl versteckt sind, und beschwichtigenden Rheinwein für den Gerichtsrat, denn es sieht alles gar nicht so gut aus. Man hört, sieht und fühlt es: da naht ein bedrohliches Unwetter. Doch Brandauers Adam, noch jovial, überlegen, von derb-platter ländlicher Struktur und schlitzohrig schlau, poltert sich (und manchmal wienert er auch leise)  durch die peinliche Situation, die immer brenzliger wird. Und, bevor er noch recht zu sich gefunden hat, steht der Vorbote auch schon in der Tür, um die Ankunft des Revisors (Martin Seifert) anzukündigen, der sanft und milde, ruhig und gelassen eher wie ein preußischer Pfarrer in Sachen Seelsorge über das Land zieht als ein Rächer unordentlicher Justiz... Und doch weiß man es nur allzu gut: die Sanften und Sensiblen muss man fürchten, denn sie sind die wahren Tyrannen!

 Unheil liegt in der kalten Luft; da schwelen noch die seltsamen frühmorgendlichen Ereignisse, die sich am und vor dem Bett des Richters zutrugen, da schwingen die unsichtbaren Fallstricke, die ihn so arg zurichteten und sich nach und nach wie Schlingen um seinen Hals legen werden. Langsam wird es heller in der Mehrzweckstube des Dorf-Mächtigen, die sich wenig später, wenn das Klägervolk vom Feldwebeljargon des Amtsdieners in den Raum beordert ist, sich in ein volkstümliches Tribunal verwandeln wird  - zum gelinden Entsetzen von Gerichtsrat Walter, der wohl weiß, dass man auf dem Lande nicht immer so sehr nach den Buchstaben des Gesetzes handelt; Er sieht hier einen Richter, der alles bisher Erlebte bei weitem zu übertreffen droht: der mit gemütlicher Hinterlist, wenn nötig, auch handgreiflich drohend und - mit wehender Robe wie ein Donnergott durch den Raum humpelnd - die Leute nach erprobten Ritual einzuschüchtern versteht. Er ist ein absoluter Herrscher und sich seiner Integrität sozusagen als Erbgut sicher. Und er spielt auf gerissen-geniale Art mit der Unterlegenheit, mit der Naivität, mit der Ohnmacht der Dorfbewohner gegen jedwede Obrigkeit;  man kennt einander gut auf dem Lande, jeder weiß alles von jedem; die Leute hassen und lieben sich auf eine herbe Art, sind voll des derben Witzes und üben harte calvinistische Moral. Mit verlobten jungen Frauen, die des Nachts einen anderen als ihren Galan in die Stube lassen, geht man nicht gerade gnädig um!

Und darum geht es; ein Krug ist zerbrochen bei der nächtlichen Flucht des Verlobten der hübschen Jungfer aus ihrem Zimmer. Doch dieser leugnet; er habe den Krug nicht berührt; ein andrer muss es gewesen sein, der seine Braut heimsuchte und dann, als er, der Bräutigam hinzukam, blitzartig die Flucht ergriff; Doch wer war es, wer hat den Krug zerdeppert, wer die Braut entehrt?  Und es geht wohl nicht nur um den kostbaren historisch hin- und her geworfenen Krug, wie seine Besitzerin wutentbrannt in endlosen Worttiraden herunterzetert; es geht um den guten Ruf ihres Witwenstandes! Tina Engel als furiose Frau Marthe Rull feuert ein fluchendes Vokabular ab, dass der Hölle entlehnt zu sein scheint, wohin sie gnadenlos ihre Tochter verbannen würde, falls diese sich und die Mutter entehrt hat. Nicht zu bremsen ist diese unglaubliche Wortfechterin, der man wohl einen politischen Posten anvertrauen könnte, doch kaum die Fürsorge für eine solch gemarterte Tochter wie ihre Eve (Marina Senckel verzweifelt brav und letzthin dann doch recht couragiert!), die, unschuldig auf ein Wunder in dieser schrecklichen Verhandlung wartet. Frau Marthes Zorn und ihr Redefluss schwellen an wie eine Sturmflut, durchbrechen alle Einwände und Widerstände von Richter und Gerichtsrat und werfen das arme Mädchen weinend auf die Bank. 
Doch wer ist nun der Frevler, wer hat den Krug und das Leben der Tochter ruiniert, wer den Scherbenhaufen zu verantworten?? Dieser Mann muss sich, wie sich nach und nach in diesem Wirrwarr von schreienden und raufenden Leuten und Lauten, erhebliche Verletzungen zugezogen haben - denn der Bräutigam versetzte ihm zwei Schläge mit der Türklinke mitten auf das kahle Haupt, und gestürzt ist er auch bei seinem schnellen Fenstersprung in die Dunkelheit. Mit welch grober Freude sich da der Ruprecht an seine brutale Tat erinnert, und mit dem Selbstverständnis, das kleine Leute zur Selbstjustiz schreiten läßt, wiederholt er  - zum Entsetzen des milden Gerichtsrats - wie er den Flüchtenden malträtiert habe.

Die Turbulenzen hören nicht auf : und obwohl wir den nächtlichen Schwerenöter längst kennen, und auch des alten Adams Amtsschreiber sich bereits als dessen Nachfolger im Richteramt sicher ist - läßt sich Adam in seiner blinden Selbstherrlichkeit nicht beirren: fläzt sich in seinem erhöht placierten Richterstuhl, mal vor Schmerzen, mal vor Wonne, wenn das Pendel der Aussagen zu seinen Gunsten auszuschlagen scheint, durchpflügt dann wieder den Raum mit schwerem Schritt und flatternder Robe und leitet weiterhin die Beweisführung nach Art des advocatus diaboli. Es muss der Bräutigam oder der Schmied oder irgendein anderer gewesen sein! Eine kleine Zwischenmahlzeit wird den Revisor beruhigen; doch auch der versteht, sich zu verstellen. Und Adam selbst? Ein Fallstaff pur, ein Mann des Stammtisches, ein blendendes Original der klassischen Komödie - er schmatzt und zecht, rülpst und genießt Wurst und Wein, um sich flugs wieder an das verzweifelte Evchen heran herzumachen, sie umschmeichelt, tätschelt, umwirbt, bedroht. Umsonst.

 Doch dann verliert er die Übersicht, muss seine Haut retten, irgendwie, denn er ist sich nicht mehr so sicher, das das Mädchen nicht plaudern wird;  Sein Trumpf ist ein Brief, der zeitweilig aus der Tasche lugt. Er hat die Kleine in der Hand, doch die Beweise gegen ihn verdichten sich, zumal, als die Nachbarin Frau Brigitte auf der Bildfläche erscheint, und Ilse Ritter wichtigtuerisch nach Zeugen Art in breiter eigentümlicher Mundart Unglaubliches erzählt, vor allem aber des Richters verlorene Perücke herbeizaubert. Sie habe doch tatsächlich den Teufel gesehen, der in dieses Haus gehumpelt sei! Und welch ein Zufall: noch eben von mephistophelischer Gestalt und amtsrichterlicher Unantastbarkeit räkelt sich Adam nun unbehaglich auf dem Stuhl, reibt sich das verflixte Bein, umhüllt den schweren Schuh mit der Robe. Bis ihm keine Wahl mehr bleibt: mit wehenden Ärmeln springt Brandauer behende wie Batman aus dem Fenster in den Schnee, wo ihn die zufriedene Nachbarsmeute aufhängen wird; nicht so richtig, mehr zum Spaß. Aber dieser vitale, lebensfrohe Freund aller irdischen Laster ist erst einmal ein geschlagener armer Teufel. Und sein Diener? Der hat sich zu früh gefreut; er wird nur kommissarisch eingesetzt; die Miene des Wichtigtuers fällt in sich zusammen, denn die Überprüfung der Bücher steht noch aus... Und das junge Paar? Die Braut zeigt großartige Charakterstärke nachdem sie sich selbst zugunsten von Ruprecht verleugnet hat und weist die Goldstücke des sanften Gerichtsrats zurück. Lieber will sie seinem Versprechen Glauben schenken, als dass sie sich in ihrem Argwohn gegen die Regierung bestechen läßt. Auch wenn sie weiterhin fürchtet, dass man ihren Ruprecht als Soldaten nach Übersee schicken wird. Es ist schwer, der Obrigkeit zu vertrauen. Man hat da so seine Erfahrung! Und bleibt weiterhin skeptisch und auf der Hut. Nicht nur zu Kleist' stürmischen Zeiten war dieser Affront ein schwerer Stein des Anstoßes!

Es hat sich alles im grellen Schnee aufgeklärt. Soweit und nicht so ganz. Und doch viel zu schnell. Denn dieses Spiel zu erleben ist ein schauspielerisches Fest, ein Vergnügen, ein Theater- Hochgenuss. Es ist das Beste, was man seit "Wallenstein" sah. A.C.