Die Goldberg-Variationen

von
George Tabori


 

   Gottes Schöpfung - Chaos und Vergnügen


 
übersetzt von
Ursula Grützmacher-Tabori

Berliner Ensemble

 Mit: Dieter Mann (Mr. Jay), Götz Schubert (Goldberg), Carmen-Maja Antoni (Mrs. Mopp; Ernestina van Veen) Marina Senckel (Terese Tormentina Superstar), Jörg Thieme (Japhet), Alexander Ebeert (Masch), Michael Rothmann (Raamah) und Rafael Braun, Benjamin Kramme, Marcus Melzwig, Falk Seifert (Die Hell’s Angels) sowie Matthias Trippner (Musiker)

Regie: Thomas Langhoff
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Musik: Jörg Gollasch

 

 

 
„Gott kommt in allen meinen Stücken vor. Ich könnte nicht über ihn schreiben, wenn ich nicht an ihn glaubte“, sagte einmal George Tabori. In seinem Theaterstück "Die Goldberg-Variationen" ist Taboris Gott der Theaterregisseur Mr. Jay, der für eine Theateraufführung die Erschaffung der Welt probiert und obendrein das Alte und Neue Testament inszeniert. Die ewigen Pannen der Schöpfung versucht sein Assistent Goldberg zu verhindern. Und da für George Tabori Pannen das Schönste am Theater sind, entstand auch hier eines seiner schönsten Theaterstücke: voll Witz und Tiefsinn, voll Humor und Weisheit. Eine wahrhaftige Tabori-Variation, also eine nicht ganz so göttliche Komödie."

 So steht es im Programm des BE geschrieben, und so stimmt es. Und wer da Schwierigkeiten mit seinem "lieben Gott" hat, dem sei versichert, dass jede scheinbare Blasphemie mit jüdischer Chuzpe versehen, in Witz und Geist gekleidet ist und jedes Lachen im anschließenden Ernst der Situation neutralisiert wird. Und das in kunstvollster Weise.

Ich weiß nicht, wie es der erst im Alter von über hundert Jahren verstorbene Tabori selbst inszeniert hat, aber dass Thomas Langhoff hier gemeinsam mit seinem Dramaturgen Hermann Beil und den Spitzenmimen Carmen-Maria Antoni, Dieter Mann und Götz Schubert einen ebenso unterhaltsamen wie besinnlichen Abend auf die Bühne gebracht hat, sollte unbestritten sein. Im Übrigen ist der Text im Programmheft abgedruckt und kann, da ja viele blitzschnelle und abstruse Ideen in das Stück hineingewoben sind, in der Nachbereitung ein Gewinn sein.  
Wie phantastisch in dieser Inszenierung jede noch so feine Nuance und Hintergründigkeit ausgeleuchtet wird und wie emphatisch, ja beinahe besessen, vor allem Götz Schubert seine Rollen als der ewig gehetzte, als Mädchen für alles missbrauchte Regieassistenz, als dem Todeslager entkommener Jude und als zweifelnder Schauspieler seine Rollen miteinander verknüpft, das ist famos! In Sekundenschnelle gleitet er von der einen in die andere Rolle hinein: Als haspelnder, gestresster Assistent des Allmächtigen - Regisseurs und Gottvater - schlittert er hektisch von einer Katastrophe in die nächste; mal klettert er als Moses genervt den Berg hinauf, wo ihm der unsichtbare Gott die Gesetzestafel finden läßt, über deren Bürde er sich hernach bei seinem Bruder Aaron bitter beklagt  - wie soll ein so sittenloses und zügelloses Volk mit derart scharfen Erlassen zu bändigen sein? Die vier Hell's Angels, die in Vertretung  für die wütenden Israeliten auf ihn losgelassen werden, kennen da keine Gnade... Aaron verkrümelt sich, denn dafür will auch er keine Verantwortung übernehmen, und verwandelt sich flugs wieder in den schwarzgewandeten Regisseur, der nicht nur alle Bibeltexte beherrscht, sondern auch um die psychische Beschaffenheit seiner Schauspieler weiß; er nutzt all ihre Marotten und Schwächen schamlos aus; er kennt sie bestens, weil er  selbst ist wie sie: voller Liebesgier, Selbstmitleid, Überheblichkeit und Allmachtsphantasien. Die Bühne ist seine tägliche Klagemauer, der arme Goldberg sein Teppich, auf dem er herumtrampelt und ihn gleichzeitig zu Höchstleistungen aufpeitscht. Und wenn seine köstliche Putzfrau  Mrs. Mopp (Antoni) ihn harsch und und mit trefflicher Komik in die Schranken weist oder ihn als Requisitendame allerlei  paradiesischen Tierplunder vor die Füße wirft,  weiß er durchaus seine und ihre Kapriziosiät kühl zu nutzen. Nur als sie mit  weißglühender Härte akribisch (oder mit deutscher Gründlichkeit?) die verschiedenen Kreuzestod-Martern detailliert aufzählt, wird es unbehaglich, wie überhaupt diese letzte Szene hart am Rand des Möglichen aufgebaut ist. Aber Glückwunsch, dennoch kippt sie nicht ab, wohlweislich, weil diese Augenblicke der Ungeheuerlichkeit aufgefangen werden wie, sagen wir mal, wie bei Monty Pythion, der  "das Leben des Brian" geschickt neben das von Jesus Christus als slapstickhaften Ausgleich ablaufen läßt - denn letztlich ist die Pein, die Menschen einander immer wieder antun, wirklich nur so zu ertragen.

Dass Dieter Mann alias Mr. Jay ( er ist natürlich überhaupt nicht fröhlich wie sein Name verkündet, sondern humorlos und unnahbar ernsthaft!) seine Mannschaft letztendlich doch am langen Zügel hält, auch wenn die ihn mit immer neuen An- und Ausfällen im Stich läßt, ist ausgesprochen vergnüglich  anzusehen und wie alles herrlich doppeldeutig; wie er seine Geliebte und Eva-Darstellerin im Paradies (Marina Senkel) dem geilen Schlangenmann überlässt, damit er sie "behutsam" in die "Nacktheit" einweise, ist geradezu köstlich in seiner Persiflage, die auf das Los der Schauspieler(innen), sich unbekleidet auf der Bühne tummeln zu müssen, zielt! Denn sicherlich ist es nicht immer ein so schamloses Vergnügen, wie es den Anschein hat - mit einer -paradiesischen Ausnahme! Und so reihen sich Bühnenwirklichkeit und biblische Szenen aneinander, verschmelzen menschliches Versagen und immerwährendes Verlangen nach Größe und Macht zu Wahrheit und Dichtung aus einer fernen Wirklichkeit und einer Gegenwart, die nicht ohne Vergangenheit gedacht werden kann.  A.C.