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2007-
Regie:
Thomas Ostermeier Mit: Josef Bierbichler, Jule Böwe, Kirsten Dene, Christoph Gareisen, Bettina Hoppe, David Ruland, Mark Waschke
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Das ist nicht nur Theater, sondern Lebenstheater, Wirklichkeit in zeitloser Form, in heftigster Aktualität, weil menschliche Schwächen, Sehnsüchte, Hoffnungen, Enttäuschungen, Lebenslügen und brutale Wahrheiten zum irdischen Dasein gehören und unauslöschbar sind. In all ihrer Tragik und Dramatik, in aller Traurigkeit und Bitternis und Verzweiflung ist diese Wirklichkeit unabänderlich und hier künstlerisch gegenwärtig geworden. Und es ist nicht nur authentisch, sondern auch erleichternd, dass Thomas Ostermeier den Humor des Amerikaners Tennesse Williams ebenso wirksam werden lässt wie dessen leidenschaftliche und unbarmherzige Darstellung einer geballten furchtbaren Familienkatastrophe, deren Details (Krebserkrankung und Homosexualität) der Dichter aus seinem eigenen Leben zusammengefügt hat. Dass dem Regisseur hierfür ein unglaublich gut aufeinander eingestimmtes Darstellerensemble zur Verfügung steht, dass sich auch in diesem klassisch-realistischen zu nennenden Metier wie zuhause fühlt, dürfte die künstlerische Qualität dieser Inszenierung vervollständigen. Ostermeier hätte all seine Figuren wie Statuen, wie Geister, wie leblose Marionetten agieren lassen können; man sah solches in vielen anderen Interpretationen; dass er der Eindringlichkeit des Autor treu geblieben ist und echte leidende, lebendige Menschen auf die Bühne gestellt hat, lässt einen Funken Hoffnung auf eine wieder entdeckte Bühnenwirksamkeit aufkommen. (Ob diese Realität allerdings einen eingesperrten Raubvogel verlangt und eher verwirrende als erhellende Videoeinblendungen, bleibt dahingestellt). Natürlich birst unter dem Temperament von Josef Bierbichler, der den Selfmademan Big Daddy weitgehend als Scheusal mit zuweilen aufblitzender Restseele spielt, beinahe die Bühne. Dieser, ein Südstaatler, der sich zum reichen Farmer hochgearbeitet hat und seine Familie wohl schon immer drangsalierte, hat heute, an seinem 65.Geburtstag nach zweijährigem bangen Bewusstsein um seine Krebserkrankung die Nachricht erhalten, dass der letzte Befund negativ war! Mit verbalen Ausbrüchen, wie sie nur der bayrischen Mundart zueigen sind, schlägt dieser bombastische Berserker alle und alles um sich herum entzwei. Er zerstört Seelen und zerbricht Herzen. Unsensibel ehrlich und gnadenlos, nun, wo ihm scheinbar die Gnade des Weiterlebens widerfahren ist, brüskiert er die Frau und die Kinder mit erschreckender Härte und brutaler Ehrlichkeit: Nie hat er jemanden in dieser Familie wirklich geliebt, alle waren ihm zuwider, nur den jüngeren der beiden Söhne, Brick, liebt er- und der ist zum Trinker geworden. Diese Tragik ist eine von vielen, und sie durchzieht dies Stück, diese Geschichte in all ihren trostlosen Facetten der unbarmherzigen, traurigen Wahrheiten. Neben dem verzweifelten, verständnislosen Vater steht die enttäuschte, leidgeprüfte Maggie, die Ehefrau Bricks, der, einst ein Fußballtalent mit Zukunft, nach dem Tode seines besten Freundes Skipper, von seiner Frau, seiner Familie, von der Welt insgesamt nichts mehr wissen will. Seine ureigenste Wahrheit - nämlich die, das er schwul ist - leugnet er wütend und aggressiv, und ertränkt sie in Unmengen von Whisky bis der große Blackout ihn von seinen Qualen erlöst. Christoph Gareisen ist ebenfalls eine ideale Besetzung: als ein athletischer, körperlich gut durchtrainierter Typ, dessen Instabilität und Weichheit sich nun nun auch noch in der Unbeweglichkeit durch eine Knöchelverletzung symbolisiert. Psychisch und körperlich gehandicapt, weicht er der Wahrheit seiner unglücklichen Ehe umherhumpelnd und saufend aus bis der große Kick alle Gefühle und Sehnsüchte in seinem Gehirn auslöscht; Eine Videoeinspielung wäre hier eigentlich nicht unbedingt nötig gewesen! Die attraktive Maggie umwirbt ihn, und Jule Böwe fasziniert ungemein, indem sie scheinbar leidenschaftslos, doch nadelscharf daherplappert, aber innerlich glüht vor Verlangen nach diesem Mann, der sie nicht will. Dies Paar zerfetzt sich nicht, wie einst in der berühmten Verfilmung von 1958 Elisabeth Taylors' Maggie und Paul Newmans' Brick, sondern es leidet an seinem Unvermögen oder seinem Trotz, die Wahrheit nicht akzeptieren zu wollen. Das nimmt einem die Luft zum Atmen. Natürlich leiden auch die anderen, die lebhafte und auf Daddys Wohlwollen dressierte Kinderschar der Schwägerin Mae, die wieder hochschwanger ist und von Bettina Hoppe mit der giftigen Betulichkeit und Energie der Übermutter glänzend präsentiert wird bis hin zu ihrem rasenden Eifersuchtsausbruch! Und ihr sanfter Ehemann, der Erstgeborene, Anwalt und Helfer in allen Notlagen, doch nie vom Vater akzeptiert, kämpft bis zum Schluss um ein stattliches Erbe mit kühler, unsensibler Geschäftsmäßigkeit (David Ruland). Kirsten Dene ist eine Big Mama, die so geschäftig alle Wahrheiten und und Unannehmlichkeiten leugnet und überspielt und dann, von der gandenlosen Härte der Wirklichkeit für kurze Zeit seelisch zertrümmert auf dem Sofa niedersinkt, dass sie einem doch irgendwie bekannt vorkommt... Und dann, als es um ihr Vermögen geht, als alle Wahrheiten in der schwülen unerträglichen Atmosphäre der Südstaatenhitze wie ein Gewitter geplatzt sind, da springt sie noch einmal auf - wie eine Furie der Schwiegertochter gleich - und reißt mit letzter Kraft an sich, was ihr in dieser schrecklichen Familie ein Weiterleben sichern könnte... Aber da bleibt noch ein schmaler rosaroter Hoffnungsstreif am verblassenden Horizont, der bereits die Nacht und das Dunkel verkündet: Während alle Familienmitglieder schmerzvoll mit der Wahrheit kämpfen, hat Maggie einen allerletzten, klitzekleinen Trumpf in der Hand, um von Brick ein Kind und für Big Daddy den Wunscherben zu empfangen...- Wahrheiten und Geheimnisse, Lebenslügen und Bekenntnisse, was bedeutet das in einer Gesellschaft mit autoritären Strukturen, mit Regeln und Riten, die bis zur Selbstaufgabe verteidigt werden müssen - müssen? Wozu? Warum? Damit das Familien-, das Gesellschafts- und Staatsgefüge nicht auseinander brechen, was ja letztendlich doch der Fall ist! Erst als Schriftsteller und Menschenkenner wie T. Williams, Arthur Miller, Edward Albee, Eugen O'Neill und andere Dramatiker diese Problematiken, die heute weitgehend bewältigt scheinen, auf der Bühne sichtbar werden ließen, konnten menschliche Schwächen und gesellschaftliche Scheinmoral aufgedeckt werden. Die allerdings immer noch betroffen machen, weil die Welt dichter zusammengerückt ist und Toleranz und Wahrhaftigkeit wohl weitgehend diskutiert, aber noch längst nicht überall und immer wirklich verstanden und gelebt wird. A.C.
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