Die Physiker

von
Friedrich Dürrenmatt 

 

 

  

 Drei Männer im Irrenhaus  

 

   

Kammerspiele des
Deutschen Theaters

Regie: András Fricsay
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Marette Oppenberg
Musik: Jens Mahlstedt
Licht: Ingo Greiser; Maske: Andreas Müller; Dramaturgie: Roland Koberg 

mit:
Jutta Wachowiak, Barbara Schnitzler, Aylin Esener, Ronald Zehrfeld, Ingmar Skrinjar, Mike Mareeno, Jörg Gudzuhn, Peter Pagel, Dieter Mann, Peter Beck, Simone von Zglinicki, Michael Gerber u.a.

 

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Ein Wissenschaftler versucht, der Erbsünde der Erkenntnis zu entfliehen. Aber weil das in dieser Welt nicht möglich ist, wird er allem Sarkasmus zum Trotz im Verlies der eigenen Endlichkeit vergeblich auf die Einsicht der Menschheit hoffen.

 

 Ein Wissenschaftler versucht, der Erbsünde der Erkenntnis zu entfliehen. Aber weil das in dieser Welt nicht möglich ist, wird er allem Sarkasmus zum Trotz im Verlies der eigenen Endlichkeit vergeblich auf die Einsicht der Menschheit hoffen. Friedrich Dürrenmatt, der Schweizer Dramatiker mit dem tiefschwarzen Humor, einer florettfeinen Feder und einer umfassenden Welt- und Weitsicht hat eines der faszinierendsten Theaterstücke geschrieben, die es gibt. Es wurde vor vielen Jahren so oft gespielt, das man es sich wohl übergesehen hatte und einstweilen in die Schublade legte. Jetzt haben die Kammerspiele es wieder hervorgeholt und mit András Fricsay eigentlich einen Regisseur gefunden, der eine atemberaubende Inszenierung garantieren müsste. Dass es keine geworden ist, obwohl man sich genau an die authentische Vorlage gehalten hat, mag mehrere Gründe haben.

Da ist das Bühnenbild, eine Persiflage: ein mennigerote Baukastenumrahmen, die an einen Maschinenraum erinnert. Dazwischen grüner Kunstrasen, der sich leicht anhebt und im Hintergrund ein kitschiges Bild schneebedeckter Berge zeigt. In die Rasenfläche sind zwei Fahrstühle eingelassen, mit denen sich die in der Nervenheilanstalt eingebunkerten verrückten Physiker dann und wann auf- und abbeamen. Diese drei Männer, bei Dürrenmatt in den besten Jahren, hier ziemlich alt und abgewrackt, halten sich für Einstein, Newton und Möbius, drei Genies der geistigen Evolution. Doch leider haben sie die fatale Angewohnheit, ihre hübschen Pflegeschwestern umzubringen. Eine nach der anderen, einer nach dem anderen. Der Kommissar (Michael Gerber), ein bißchen wunderlich, welch Wunder bei diesem Job, darf den Tatbestand aufnehmen, aber braucht keinen Täter zu überführen. Denn erstens ist der Täter bekannt und zweitens geisteskrank, und somit nicht verantwortlich für sein Tun. Die Ärztin der Anstalt macht das dem Inspektor unmissverständlich klar, und der kann gehen. (Paradoxe sind eine der großen Spezialitäten Dürrenmatts!) Nicht bevor ihm der perückengeschmückte Newton (Jörg Gudzuhn in wundersamer Verwandlung) einen kleinen Schluck aus der Flasche im Geheimversteck der Bücherwand kredenzt und ihm seine Normalität angeboten hat. Der Inspektor kann mit Irren umgehen, er weiß, das jeder davon spricht, eigentlich normal zu sein. Warum sollen diese eingebildeten Physiker anders sein... Dass sie wirklich normal sind, wird er leider niemals erfahren. Denn auch Einstein, von Peter Pagel und der Maskenbildnerkunst derart ähnlich in den großen, etwas skurrilen Physiker verwandelt, ist so verrückt nicht, wie man allseits glauben möchte. Dass er nach körperlichen Anstrengungen und seelischen Strapazen auf der Geige vor allem Brahms so schlecht und lang ausdauernd spielen muss, hat vielleicht eher etwas mit der ihn begleitenden Ärztin (Jutta Wachowiak ganz Dame mit Tick) zu tun. Denn man weiß ja schließlich, dass dies Genie kein Kostverächter war.  

Warum die Drei so irre herumwieseln erfährt man ziemlich schnell, wenn Möbius auftritt, der seine Normalität vor seiner einstigen Familie verständlicherweise tarnt. Als sie fort ist, verwandelt sich Möbius alias Dieter Mann in gewohnt Mann`scher Sprechweise in einen tiefnachdenklichen Wissenschaftler, der die Wahrheit sonor und nachdrücklich aus dem tiefsten Innersten hervorholt: Er hat sich als erster vor 15 Jahren in diese Anstalt geflüchtet, damit seine Entdeckungen niemals an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. Sie wären vernichtend für die ganze Menschheit. Dass die beiden anderen, Newton und Einstein, ihm von östlichen und westlichen Geheimdiensten auf die Spur geschickt worden sind, gibt der Sache den Bond`schen Kick. Aber die Enthüllungsszene wird leider verspielt und vertan: Einstein albert pfiffig herum, Newton geriert sich als undifferenzierter Agent und Möbius-Mann, eher von Faust`scher Art still vor sich hin deklamierend, räsoniert über die Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers im Allgemeinen, und über die Unfähigkeit, mit Erkenntnissen gewissenhaft umzugehen im Besonderen.

Aus der Entdeckung der Kernspaltung wurde bereits zweimal eine Menschen vernichtende Waffe, was uns damals wie heute im Innersten und Äußersten beschäftigen sollte. Dass diese Waffe jetzt in die Hand von Terroristen gerät, dass wir über Entdeckungen neuerer Art wie Genmanipulationen und Klonversuchen lässig hinwegsehen und Ethikkommissionen für uns über Moral, Politiker über Werte und Religion befinden lassen, könnte einen Regisseur mit solchem Schauspielerpotenzial, wie es dem Deutschen Theater zur Verfügung steht, doch zu weitaus schärferen, aufreibenderen Szenen befähigen. Da wird ein bisschen getändelt, verliebte Krankenschwestern, die die wahre Identität ihrer Patienten erkannt haben, werden erdrosselt, und die Irrenhausärztin wird als echte Irre entlarvt, obwohl sie die Normalität der Welt vertreiten sollte... So beschließen die Drei ihren Aufenthalt auf lebenslänglich zu verlängern. Sie haben auch gar keine andere Wahl.

Der Inszenierung fehlt fehlen der Kick, die Betroffenheit und vor allem die Furcht, dass das, was dort annähernd geschieht, uns bald alle einholen wird. Irre werden an den Schaltapparaten der Forschung sitzen und gewissenlose Politiker, Nationen, Terrororganisationen werden sich ihrer bedienen. Das ist so gruselig, dass man es auch so darstellen sollte. Dürrenmatt hat die Vorlage dazu geliefert. A.C.