Die Räuber

von
Friedrich Schiller

 

 

Eine Räuberbande macht noch keinen Schiller

 

 

Schaubühne 

Regie: Lars Eidinger; Bühne: Christoph Rufer; Kostüme: Esther&Lena Krapiwnikow; Akkordeon: Jan Jachmann; Kampfchoreographie: Thilo Mandel; Dramaturgie: Irina Szodruch

Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch"

mit: Grégore Gros (Schweizer), Toni Jessen (Roller/Razmann), Birte Schöink, Claudius von Stolzmann (Spiegelberg), Tilmann Strauß (Karl von Moor), Felix Tittel (Schuftlerle /Schwarz), Sebastian Zimmler (Franz von Moor) (alle 3. Studienjahr Schauspiel) und Urs Jucker (Maximilian von Moor)

 
  Es ist immer höchst problematisch, klassische Texte in ein modernes Ambiente zu übertragen, auch wenn sie wie hier in dem dramatischen Konflikt zwischen Vater und Söhnen menschliche Ängste und Eigenschaften in tragischer Konsequenz vorführen. Wenn sich Minderwertigkeitsgefühl in Neid und Missgunst, Vernachlässigung sich in Verwahrlosung verwandeln, wenn sich der individuelle Frust auf eine ganze Gesellschaft ausweitet und das missachtete Liebesverlangen sich den Ausweg in mörderischer Rache sucht, dann sind das so allerhand Themen, die es geben wird, solange die Menschheit existiert. 

Doch was bewirkt es anderes als Verwirrung, wenn der von dem geliebten Sohn vernachlässigte, vom dem missachteten Sohn getäuschte Vater sich, dickleibig unterfüttert und unbeweglich im beigefarbenen Ledersitzmöbel röchelnd, vor dem Fernseher räkelt, wie glaubwürdig ist das derb-fröhliche Saufgelage der freiheitstrunkenen Studentengruppe in idyllischer Gartenkneipe, wenn sich hinter dieser Gruppe um Karl Moor eine dermaßen brutale Bande versteckt, die so manchen terroristischen Killer das Fürchten lehren könnte? 
Während der eigentlich nach Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit (und väterlicher Vergebung für zunächst harmlose Studentstreiche)  suchende Karl ins Feld zieht, um eben diese Ideale mit Gewalt unter das Volk zu bringen, warten daheim der traurige Vater und, nicht minder sehnsüchtig, Karls Braut Amalie auf die Wiederkehr des verlorenen Sohnes. Dessen Bruder Franz, der an fehlender Vaterliebe und an einem Shakespeare entlehnten Charakterdefizit krankt, das einem Richard III. äußerst verwandt ist, intrigiert gegen den abwesenden Bruder bis er den Vater von dessen Lieb- und Treulosigkeit mit einem getäuschten Brief überzeugt hat. Dann sperrt er den alten Herrn in ein Verließ, bemächtigt sich gewaltsam der armen Amalie und übernimmt des Vaters Herrschaft und Güter. Sebastian Zimmlers Franz ist ein moderner Typ des Intriganten, höflich und beredsam, nicht einmal verbal grausam - er handelt mit kaltem Verstand, weil sein Herz schon lange außer Funktion gesetzt ist. Das ist ohne Brisanz und letztlich auch ohne Profil.  Birte Schnöink ist eine leidenschaftliche Amalie, die in ihrem tragischen Spiel einer Ophelia gleicht. Sie muss bis an die Grenzen menschlichen Leidens gehen bis ihr der ob des grausamen Treibens seiner Kampfgenossen wahnsinnig gewordene Karl auf ihren Wunsch hin den Todesstoß versetzt.

Insgesamt bleibt diese Inszenierung seltsam unausgewogen und unschlüssig: Der Entwicklung des getäuschten und enttäuschten Karl vom liberalen Studenten zum Räuberhauptmann gibt sie eigentlich nur wenig Raum, dafür zieht sich das Ende der Verwirrungen, Enthüllungen und Morde - an Franz Moor durch die Räuber und an Amalie durch den Geliebten Karl  - mit endlosem dramatischen Einsatz hin, angefangen vom Herzversagen des entsetzten Vaters Maximilian. Die überaus einsatzfreudigen Darsteller lassen sehr bald erkennen, welchem Genre sie sich wohl zuordnen mögen: Da sind u.a. der intrigante harte Typus des Juden Moritz Spiegelberg und sein Gegenpart, der loyale Freund Schweizer, sowie die Mitläufer Grimm, Razmann, Schuftlerle, Roller, Kosinsky und Schwarz, die von emphatischen Freiheitsdenkern zu radikalen Banditen und Mördern mutierten. Urs Jucker scheint der Lehrmeister dieses theatralisch hochgeputschten Nachwuchsensembles zu sein. A.C.