Die Wahlverwandtschaften

von
Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Leiden, Liebe und Leben auf dem Lande

 

 

Maxim Gorki Theater

Regie: Barbara Weber, Bühne: Alexander wolf, Kostüme: Sara Giancane; Musik: Michael Haves; Dramaturgie: Ludwig Haugk

mit: Anja Schneider als Charlotte, Wilhelm Eilers als Eduard, Britta Hammelstein als Ottilie, Jürgen Lingmann als Hauptmann, Johannes Jürgens als Pianist/Architekt, Ruth Reinecke als Baronesse, Ulrich Anschütz als Graf

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  Alles erinnert doch stark an Anton Tschechow: die kultiviert-gestrige Dekoration der Veranda, die weißen wehenden Kleider und Hemden, mit denen sich die modernen Darsteller flugs in eine Gesellschaft verwandeln, wie wir sie aus dem ländlich abgeschiedenen Milieu des russischen Adels kennen, die sich in den Sommermonaten auf ihr ländliches Gut zurückzogen, um über Leben, Tod und Langeweile zu räsonieren. Auch hier scheint sich Graf Eduard mit seiner endlich wieder gefundenen Jugendliebe Charlotte doch mehr zu langweilen, als diese glauben möchte. Und so muss sie trotz aller Zärtlichkeiten, mit denen sie nun Eduard für eine sommerliche Zweisamkeit zu überreden versucht, resigniert einstimmen, dass sich beide Feriengäste auf das Gut einladen: Er seinen langjährigen Freund, den Hauptmann, und Charlotte kontert mit ihrer Nichte Ottilie. Natürlich ist alles wie bei Tschechow ( und wie bei Goethes Liebesdrama "Stella"): Man pflegt auch zu viert geistreiche Langeweile, versucht sich in gedrechselten verbalen Höhenflügen, die aber über die gesellschaftliche Enge und fehlende Aufrichtigkeit nur kaum hinwegzutäuschen vermögen.
Der von Charlotte befürchtete Partnertausch läßt nicht lange auf sich warten: Der ältliche Eduard fühlt sich zu der jungen kindlichen Ottilie hingezogen, der reife Hauptmann verliebt sich in Charlottes kühle Kultiviertheit. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, flüchten beide Männer nach ausreichendem Kontakt mit den neuen Geliebten nun mit einigen mentalen Rechtfertigungen in den Krieg, aus dem sie nach einem Jahr unversehrt heimkehren. Charlotte hat mittlerweile ein Kind zur Welt gebracht, das alle Züge der vier Menschen in sich vereint, wie man distanziert teilnahmslos feststellt, und das Spielchen beginnt von neuem. Unfähig und unschlüssig, dem gefährlichen Rausch ein Ende zu setzen, werden die Liebschaften, die einst aus "geistig-körperlicher Anziehungskraft" heraus ihren Anfang fanden, nun zur tödlichen Leidenschaft, der sich keiner mehr entziehen kann. 

Anja Schneider gibt eine überzeugend kühle Charlotte, die das Leid der wiederum um ihr Glück betrogenen Frau tapfer zur Seite redet und verdrängt, unfähig aber, ihren wahren Gefühlen und damit der eskalierenden Situation ein Ende zu setzen. Britta Hammelstein hüpft kindlich-naiv, doch immerhin schon Frau genug, um sich dem Liebeswerben des um seine Jugend ringenden Eduard faszinierend zu finden, über Treppen und Empore, während dieser ihr peinlich, seinen eigenen Trieben bedenkenlos folgend, nachsprintet. Man mag hier durchaus Assoziationen zu Goethes später Verliebtheit zu der sehr jungen Friederike wie auch zuvor zu der reifen Frau vom Stein knüpfen, die ihn zwar literarisch beflügelte, aber nicht gerade zu seinen besten Dramen führte!  Der Hauptmann( später Goethe) hat durch Jürgen Lingmann eine reife Persönlichkeit und eine stimmlich starke Präsenz. Für Ruth Reinecke und Ulrich Anschütz bleiben kurze Passagen als mahnende und an der Prägung ihrer Kinder nicht ganz unschuldige Eltern.

Warum das alles in Blitzeseile heruntergeschnurrt, und somit das Aufnehmen der ohnehin für unsere Zeit recht altmodisch gedrechselten Sätze erschwert wird, kann nur daran liegen, das man eigentlich mit diesem antiquierten Text nicht viel anfangen, wohl aber mit seiner Aussage etwas zum Verständnis in die heutige Zeit der beliebigen Beziehungsgeflechte übertragen möchte. Aber das ist nicht neu, und das Stück überdies ist nicht besonders reizvoll. Aber die Regie und die Darsteller, vor allem die tragisch leidende Anja Schneider, verleihen den Charakteren doch eine überzeugende Prägung. A.C.