Die Wildente
 
von
Henrik Ibsen

 

 

Wer die Wildente stört...

 


 

Deutsches Theater (2008)

Regie:  Michael Thalheimer

Bühne: Olaf Altmann; Kostüme:  Barbara Drosinn
Musik:  Bert Wrede

 

Ensemble: 

Henrike Jörissen, Barbara Schnitzler, Almut Zilcher, Ingo Hülsmann, Jürgen Huth, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Peter Pagel

 

 

 

 
Auf einer bühnengroßen Drehscheibe, die sich zuweilen bis um 45  Grad ellipsenartig dreht und einen lichtweißen Hintergrund freigibt, balancieren, purzeln, laufen und schreien die Protagonisten dieser Familientragödie wie Marionetten umher und umklammern das fragile familiäre Glück ihrer biederen Dreisamkeit: Der ziemlich glücklose Fotograf Hjalmar Ekdal, seine tüchtige Frau Gina und ihr kindlich-naiv erscheinendes Töchterlein Hedwig, das schon am Anfang wie tot über der sich hebenden Rotunde hängt. In dem bekannten und mancherseits hoch gepriesenen Thalheimer-Stil sind stets alle Figuren einem kühl-abstrakten, unerbittlichen Schicksalsablauf ausgeliefert, der keine Hoffnung und kein Erbarmen kennt. Von Anfang an wird eines klar: Hier gibt es keinen Ausweg, alles läuft statisch, teils überdreht lächerlich, teils mit quälender Langatmigkeit unerbittlich  auf den Absturz zu. 

bei Ibsen sitzen alle bei Tisch, beim Gastmahl zunächst im Hause der Werles, später bei den Ekdals, aber im Deutschen Theater streunen sie verlassen auf der schwarzen Scheibe umher, hocken mal am oberen Rand und schlittern dann in die untere Ebene. Vielleicht symbolisch gedacht. Die nicht sichtbare verwundete Wildente ist ein weiterer Hausbewohner, Pflegefall und Liebling der kleinen Hedwig neben Hühnern und Kaninchen, die den Dachboden bevölkern und imaginäre Zielscheibe des alten spleenigen Ekdal sind, der nach seinem Scheitern als Co-Unternehmer von Werle nun bei Sohn und Schwiegertochter im armseligen, aber trauten Heim ein sorgenfreies Leben als Jäger verbringt - unterstützt durch eine wohltätige monatliche Zuwendung des Herrn Werle, sen.
Den Stein ins gläserne Glück wirft Greger, der Jugendfreund Hjalmars,  Sohn des Großkaufmannes Werle, der einst seinem Kompagnon, eben dem alten Ekdal, die alleinige Schuld an dem Unternehmensdesaster zuschob, die Haushälterin Gina schwängerte und diese dann Ekdals Sohn als Braut anvermählen ließ. Davon aber weiß Hjalmar nichts bis der "gute Freund"  ihm die Wahrheit entgegen schreit.
 Entscheidend, und das wird idiotensicher in langsamen Sätzen deklamiert, ist der Konflikt zwischen  Wahrhaftigkeit und Lüge. Wann und um welchen Preis muss man die Wahrheit aufdecken, und wann ist es notwendig, die Lebenslüge als gütigen Schutz aufrecht zu erhalten? Man sollte meinen, Thalheimer sei der erste Mensch, der diesen Fragen auf den Grund geht!  Es ist im übrigen nicht unbedingt eine philosophische Frage, die sich hier zwischen den Existenzpolen stellt, sondern eine Frage der Ethik, der Menschen- und Nächstenliebe. Die kommt bei Ibsen wohl vor (betet doch Hilda sowohl für den traurigen Vater als auch für die verletzte Ente). Doch in dieser Inszenierung hat, s.o., Hoffnung keinen Platz. Die 14jährige Hedwig allerdings ist so naiv kindgläubig dann allerdings doch wohl nicht, denn sie begreift zum bitteren Ende sehr schnell, wie anfällig und labil ihr geliebter Vater wirklich ist. Der intensiven leicht freudianisch angehauchten Vater-Tochter -Beziehung, die schließlich durch den "gut meinenden" Wahrheitsfanatiker Greger in Scherben zerfällt, ist sie nicht gewachsen. Ihre Mutter ist da aus anderem Holz geschnitzt. Recht vulgär und hysterisch wird hier die Figur der Gina gezeichnet - und das mit Recht: denn nur der Harte wird nach dieser Tragödie überleben.

Dass ein so schwacher Charakter wie Hjalmar (Ingo Hülsmann) und ein so paranoider Wahrheitsfanatiker wie Gregers sich gegenseitig nicht gut tun, wird schon sehr früh deutlich, als beide nebeneinander unbeteiligt und desinteressiert daherplappern; da hat auch der verlotterte Doktor Relling (Peter Pagel) wenig auszurichten, ein Zyniker ohnedies, der sein eigenes Leben dem Alkohol opferte. Was Wunder, das hier keine so rechte Heiterkeit (man spricht von einer beißenden Tragikomödie!) aufkommen kann, zumal die aus seiner Verzweiflung heraus wachsende Grausamkeit Gregers von Anfang an durch die drohende, stereotype Stimmführung von Sven Lehmann keinen Zweifel an dem drohenden Unheil aufkommen läßt. Allerdings findet man es zuweilen durchaus amüsant, wie veralbernd eng und extrem die Liebe zwischen Vater und Tochter dargestellt wird.

Wer solch ein dichtes und beunruhigendes Drama in dieser Art streckt, zersetzt und überdreht serviert, der hat wohl kein Vertrauen in die dramatische Eigendynamik des Stückes und die Menschenkenntnis des Autors, der die aus dem Nichts kommende verletzte Wildente als sonderbares, allerdings recht nordisches Symbol benutzt. Die Flügel sind denn gleichsam auch dieser Inszenierung gestutzt. Denn da fehlen letztendlich doch die leisen Töne der Verzweiflung eines um seine heile Welt gebrachten Hjalmar sowie der Spiegel der inneren Zerrüttung des unglückseligen Greger, der fanatisch Krieg statt Frieden stiftet. Auch der kluge, aber zaghafte und enttäuschte Doktor erscheint hier eher als Randfigur statt als der wichtige moralische Gegenpart! Nur das Kind überzeugt und berührt! Henrike Jörissen nämlich spielt keine Erwachsene, die ein Kind spielt, sondern sie ist dieses frühreife, plötzlich aus dem warmen Nest gestoßene und hilflose Mädchen, dass - auch hier scheint der Hinweis auf christliche Symbolik angemessen - das einzige Opfer bringt, mit sie glaubt, ihres Vaters Leid zu stillen: Sie tötet statt der Wildente, wozu der wahnsinnige Gregers sie animiert, sich selbst. A.C.