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Die Wildente von Henrik Ibsen |
Wer die Wildente stört...
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Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann; Kostüme:
Barbara Drosinn
Ensemble: Henrike Jörissen, Barbara Schnitzler, Almut Zilcher, Ingo Hülsmann, Jürgen Huth, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Peter Pagel
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Auf einer bühnengroßen Drehscheibe, die sich zuweilen bis um 45 Grad ellipsenartig dreht und einen lichtweißen Hintergrund freigibt, balancieren, purzeln, laufen und schreien die Protagonisten dieser Familientragödie wie Marionetten umher und umklammern das fragile familiäre Glück ihrer biederen Dreisamkeit: Der ziemlich glücklose Fotograf Hjalmar Ekdal, seine tüchtige Frau Gina und ihr kindlich-naiv erscheinendes Töchterlein Hedwig, das schon am Anfang wie tot über der sich hebenden Rotunde hängt. In dem bekannten und mancherseits hoch gepriesenen Thalheimer-Stil sind stets alle Figuren einem kühl-abstrakten, unerbittlichen Schicksalsablauf ausgeliefert, der keine Hoffnung und kein Erbarmen kennt. Von Anfang an wird eines klar: Hier gibt es keinen Ausweg, alles läuft statisch, teils überdreht lächerlich, teils mit quälender Langatmigkeit unerbittlich auf den Absturz zu. bei Ibsen sitzen alle bei Tisch,
beim Gastmahl zunächst im Hause der Werles, später bei den Ekdals, aber
im Deutschen Theater streunen sie verlassen auf der schwarzen Scheibe umher, hocken mal
am oberen Rand und schlittern dann in die untere Ebene. Vielleicht
symbolisch gedacht. Die nicht
sichtbare verwundete Wildente ist ein weiterer Hausbewohner, Pflegefall
und Liebling der kleinen Hedwig neben Hühnern und Kaninchen, die den
Dachboden bevölkern und imaginäre Zielscheibe des alten spleenigen
Ekdal sind, der nach seinem Scheitern als Co-Unternehmer von Werle
nun bei Sohn und Schwiegertochter im armseligen, aber trauten Heim ein
sorgenfreies Leben als Jäger verbringt - unterstützt durch eine
wohltätige monatliche Zuwendung des Herrn Werle, sen. Dass ein so schwacher Charakter wie Hjalmar (Ingo Hülsmann) und ein so paranoider Wahrheitsfanatiker wie Gregers sich gegenseitig nicht gut tun, wird schon sehr früh deutlich, als beide nebeneinander unbeteiligt und desinteressiert daherplappern; da hat auch der verlotterte Doktor Relling (Peter Pagel) wenig auszurichten, ein Zyniker ohnedies, der sein eigenes Leben dem Alkohol opferte. Was Wunder, das hier keine so rechte Heiterkeit (man spricht von einer beißenden Tragikomödie!) aufkommen kann, zumal die aus seiner Verzweiflung heraus wachsende Grausamkeit Gregers von Anfang an durch die drohende, stereotype Stimmführung von Sven Lehmann keinen Zweifel an dem drohenden Unheil aufkommen läßt. Allerdings findet man es zuweilen durchaus amüsant, wie veralbernd eng und extrem die Liebe zwischen Vater und Tochter dargestellt wird. Wer solch ein dichtes und beunruhigendes Drama in dieser Art streckt, zersetzt und überdreht serviert, der hat wohl kein Vertrauen in die dramatische Eigendynamik des Stückes und die Menschenkenntnis des Autors, der die aus dem Nichts kommende verletzte Wildente als sonderbares, allerdings recht nordisches Symbol benutzt. Die Flügel sind denn gleichsam auch dieser Inszenierung gestutzt. Denn da fehlen letztendlich doch die leisen Töne der Verzweiflung eines um seine heile Welt gebrachten Hjalmar sowie der Spiegel der inneren Zerrüttung des unglückseligen Greger, der fanatisch Krieg statt Frieden stiftet. Auch der kluge, aber zaghafte und enttäuschte Doktor erscheint hier eher als Randfigur statt als der wichtige moralische Gegenpart! Nur das Kind überzeugt und berührt! Henrike Jörissen nämlich spielt keine Erwachsene, die ein Kind spielt, sondern sie ist dieses frühreife, plötzlich aus dem warmen Nest gestoßene und hilflose Mädchen, dass - auch hier scheint der Hinweis auf christliche Symbolik angemessen - das einzige Opfer bringt, mit sie glaubt, ihres Vaters Leid zu stillen: Sie tötet statt der Wildente, wozu der wahnsinnige Gregers sie animiert, sich selbst. A.C.
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